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Rock am Ring 2008

Da simmer wieder. Nach der unfassbar erfolgreichen 2007er Ausgabe schickt sich die First Lady der deutschen Festivals anno 2008 an, den Erfolg noch zu superlativieren, zu toppen, zu sprengen und zu, na ja wie auch immer. Auch dieses Jahr meldeten die Veranstalter schon im Vorfeld: Ausverkauft, was man dann schon als durchaus gutes Omen verstehen durfte. Nach ziemlich nervenaufreibender, aber auch feucht-fröhlicher Anfahrt zum legendären Eifelkurs eröffnen wir das Festival, oder besser ausgedrückt, lassen wir das Festival im „süßen, kleinen“ Club-Tent, mit den Indie-Bambis von Tokyo Police Club auftakten. Die noch relativ entspannte, lockere Atmosphäre sorgt für unverbindliche Kurzweiligkeit bei Band und Publikum; ein sehr bekömmlicher Festival-Aperitif. Gestärkt ziehen wir weiter zur in diesem Jahr programmtechnisch bestens ausgerüsteten Alternastage, um mit den alten Herren des Punkrock, namentlich Bad Religion, in unbeschwertem 90er-Jahre-Feeling zu schwelgen. Das geht zwar zu Lasten von The Streets, die grad in vorbildlichem Englisch die Centerstage beschallen, aber darüber weggesehen, da kann man auch zu Hause dem alten Englisch- lehrhörbuch lauschen, das klingt in etwa ähnlich, nur etwas weniger musikalisch. Gleich danach geht’s, nein nicht zur Centerstage, sondern zurück ins vermeintliche „Kuschelzelt“, welches sich aber dank zweier irrer Schweden eher als Höllenzelt entpuppt; das Publikum am frühen Freitagabend ist noch voll wie ne frische Duracell und das nutzen Johnossi, um mächtig Feuer zu entfachen. Im Wechsel präsentieren die erklärten „schwedischen Nicht-White Stipes“ – Drummer Ossi Bonde erklärte kürzlich, dass er es nicht nachvollziehen könne, dass Bands neuerdings nach der Anzahl ihrer Mitglieder kategorisiert werden und wir stimmen völlig mit ihm überein – harte Rockkost, vornehmlich vom neuen Album, sowie tanzbare „Mitschnalz- nummern“, vornehmlich von ihrem Debüt und schlussendlich haken wir das Konzert als erstes Highlight des diesjährigen Mammuts unter den Festivals ab, bevor der Fußmarsch zum erstmaligen Centerstagebesuch angetreten wird.Dort rocken grade die „Tonkünstler“ von Incubus, und vom ihnen einst vorgeworfenem Zahnspangenrock ist, wenn es ihn denn tatsächlich gab, heute zumindest nichts mehr übrig. Ausgelassen ist die Stimmung bei Band und Publikum und die Songs der Kalifornier bilden ein ums andere mal eine perfekte Symbiose mit der untergehenden Eifelsonne; ein Hauch, aber auch wirklich nur ein Hauch von Kalifornien!? Incubus und die Sonne verabschieden sich und die Spannung steigt, ebenso der Andrang, denn es wird eng vor der Bühne. So ist es, wenn nicht für möglich Gehaltenes eintritt und die Backliner fleißig den Gig von, jawohl Rage Against The Machine vorbereiten. Man mag von Reunions halten, was man will, aber das war im Frühjahr 2008 ja schon ne Ansage, die saß: RATM @ RaR. Und dann geht’s los, als wären sie nie weg gewesen, ohrenbetäubend kommt die geballte Ladung Rage daher und außer den recht kurzen Haaren und den „humaner“ gewordenen Gesichtsverzerrungen von Mr. De La Rocha, befinden wir uns schon wieder in den Neunzigern. Gitarrenfreak Tom Morello, sowie die alte Backline um Basser Tim Commerford und Drummer Brad Wilk sind von Sekunde eins an da und das ach so tolle letzte Sylvesterfeuerwerk gerät bei diesem direkt ins Vergessen. Die Songs stammen von allen vier RATM-Alben, werden frenetisch mitgesungen, geschrien und am Ende genauso bejubelt. Beschriebenes Feuerwerk endet dann schließlich im Überfuckyouhit „Killing In The Name Of“. Bleibt uns zu sagen nur eines: „Fuck you, I won’t do what they tell me“; wir sind platt. Dennoch wird nach kurzer Erholungsphase mal wieder das Club-Tent aufgesucht, in welchem das Konzert von Moloko- Frontdame Roisin Murphy bereits begonnen hat. Und die „Blase Deutschlands“, also die Eifel macht ihrem Namen mal wieder alle Ehre, denn es gießt in Strömen, und aus diesem Grunde, allerdings mit Sicherheit auch wegen Frau Murphy, ist im Zeltlein kein Einlass mehr. Wir bleiben draußen und lassen uns von Musik und Regen begießen ehe beschlossen wird, diesen ersten Festivaltag schweren Herzens für beendet zu erklären, wohlwissend, dass ja noch das ein oder andere Highlight in den nächsten zwei Tagen und Nächten bereitsteht.Nach recht kurzer Nacht und dementsprechend langer Wach- werdephase sind wir pünktlich zum Konzert der Dame da, die, wenn es ihn denn gäbe, den Award als „Mädchen des Jahres“ 2007 locker eingesackt hätte. Ja da ist sie nun, die liebe Kate Nash, hat gute Laune und schüttelt locker und unbeschwert, wie auf ihrem Debütalbum, einen Song nach dem anderen ins brave Publikum und als Belohnung gibt es nachher noch „Foundations“; irgendwie schön. Und wenn wir die englischen Bands und Künstler nicht hätten, wäre es zwar ganz schön langweilig, aber wir hätten dann trotzdem Madsen, gut. Die fünf Wendländer haben grade Album Nr.3 vom Stapel gelassen und sind insgesamt mit mal wieder guten Kritiken belohnt worden. Wir sehen warum: Wirklich guter Sound und eine Band, die sich mächtig ins Zeug legt, was will man mehr, und bei Madsen gibt es genau das und der Ring hat sichtlich Spaß dabei. Das Ende des tollen Konzertes bilden „Nachtbaden“ und „Die Perfektion“ und wir merken an, dass dieser Titel das Konzertfazit schon in sich trägt. Die Stereophonics werden von weiter hinten angeschaut. Die Waliser sind auch heute, wie die meisten ihrer Alben: Mal gut, mal eben weniger. Aber es folgen ihnen die anderen Waliser und die zeigen, auch wie gewohnt, ein tolles Konzert. Gemeint sind natürlich James Dean Bradfield und seine Manic Street Preachers. Es gibt zwar kein neues Material des Trios, aber da sie sich in letzter Zeit hierzulande sehr rar machten, ist die Begeisterung groß, James Dean Bradfield nicht groß und unser Kompliment ist dann wieder groß.Vom einen Highlight dann direkt ins nächste, denn The Offspring bespielen schon die Centerstage, als wir nach langem Drängel- marsch einen halbwegs passablen Platz vor der Bühne erreichen und die Reise in die Neunziger geht in ihre dritte Runde. Auch diese besteht wieder aus viel Spaß, guter Musik und vielen „Weißt du noch damals“-Momenten. Auch die umformierten Herren aus O.C., aber wenigstens sind Dexter Holland und sein kongenialer Co. Irrer Noodles noch dabei, spielen größtenteils die üblichen Gassenhauer und wissen trotzdem, weil auch sie sich mehr als rar machten in den letzten Jahren, zu begeistern. Von „The Kids Aren’t Allright“ bis „Starring At The Sun“ wird kein „Ohhhhooo-Mitgröler“ verschmäht und den finalen Knall stellt natürlich das „Smells Like Teen Spirit“ der „Neopunkgeneration“, namentlich „Self Esteem“ da. Zur absoluten Begeisterung fehlt zwar noch etwas, aber dafür, dass man vorher eine leichte Angst vor einem höchstens lauwarmen Konzert hatte, sind wir mehr als zufrieden.Und dann beginnt das Chaos mit Ankündigung, denn in guter Hoffnung wird der Weg zum Gig der Babyshambles angetreten und das auf Kosten von, ja leider, Metallica. Man will sie live sehen und nicht etwa, um den Zustand eines gewissen Herrn Doherty zu beurteilen oder vielleicht sogar erlesener Zeuge eines Skandals zu werden, nein, die Babyshambles haben ein gutes Debütalbum und einen noch besseren Nachfolger hingelegt und trotz dauernder neuer „Yellowpress Stories“ ist unsere Meinung über Pete Doherty, dass er schlicht und ergreifend ein sehr guter Musiker ist, für manche scheinbar zu wenig. Trotzdem muss man an dieser Stelle erwähnen, dass er auch heute wieder sein Image pflegt, denn die Band erscheint nicht. Klatsch, schon hat man den Salat. Auf der Centerstage Metallica und wir schauen verdrust Portugal vs. Türkei, ja, EM war ja auch schon. Das Spiel ist aus und die letzte Stunde Metallica wird von sehr weit hinten doch noch angesehen. Zum Ende Feuerwerk und Tram Tram, muss wohl gut gewesen sein. Schnell abreagieren; wie? Mit Danko Jones im Tent. Im vorbeigehen erhascht man noch einige Töne von „The Drugs Don’t Work“ und für „Bittersweet Symphony“ bleiben wir dann doch noch stehen. Braucht die Welt eine The Verve-Reunion? Keine Ahnung. Braucht die Welt „Bittersweet Symphony“? Unbedingt. Angekommen im Zelt ist noch das wunderbare finale Gitarren- Amp-Feedback von „Against Me“ zu hören und kurze Zeit später entert Rockpirat Danko Jones mit samt seiner intrument- mordenden Mannschaft die Bühne. So kennt man ihn, ein Schlag in die Magengrube jagt den nächsten und plötzlich macht sich das Gerücht breit, die Babyshambles würden in wenigen Minuten das wartende Publikum beehren. Zwickmühle; auch noch Danko versetzen um nachher eventuell doch nur wieder enttäuscht zu werden? No risk no fun. Es geht zur Alternastage, und danke, liebe Babyshambles, ihr habt uns nicht nur einen Großteil Metallica und die Hälfte Danko Jones gekostet, nein, wir lassen auch noch die Rock’n’Roll-Könige, die ehrwürdigen Hellacopters auf der Strecke. Aber das auch nur, weil Karten für die Abschlusstournee bereits erworben wurden.Jetzt aber rauf auf die Bühne, Unberechenbarer. So, und dann stehen die vier Briten um kurz nach zwei nachts doch tatsächlich und leibhaftig auf der Bühne, wirken zunächst einigermaßen verwirrt, gönnen sich erst mal was zu rauchen und bequemen sich dann tatsächlich dazu, ihren Instrumenten und Stimm- bändern einige Töne zu entlocken. Die wenigen Worte zwischen den Songs bringt Herr Doherty zum Erfreuen aller in gutem Deutsch an den Mann und trotzdem wirken die meisten der noch Verbliebenden recht hin- und hergerissen, was die Frage nach der Begeisterung angeht. Einige Asse, wie z.B. „Delivery“ werden dann noch ausgespielt und „Fuck Forever“ wird den braven Wartenden natürlich auch nicht vorenthalten. Bleibt zu sagen: Geniale Songs erwartungsgemäß (recht) blutleer vorgetragen; Gute Nacht.Am nachmittäglichen Sonntag beginnen wir unseren RaR- Endspurt mit Disco Ensemble aus Finnland, die an diesem Tage nicht ganz recht zu überzeugen wissen, hätte ruhig ’n bisschen mehr kommen können, liebe Freunde. Aber dafür vergeben wir auch hier wieder einen unserer Phantasie entsprungenen „Award“ und zwar den für das lauteste Konzert 2008; Disco Ensemble würden sich sicherlich freuen. Auf zur Centerstage, wo grade Simple Plan ihre musikalische Weichspülstunde glücklicherweise beenden. Danach betreibt Mr. Oberaffe Kid Rock seine „Detroit-Werbung“, denn auch die Eifel muss ja damit beehrt werden, die mit etwas, dass man wohl dort für Musik hält, untermalt wird. Für Musiker etwa die gleiche Pein, wie Bahnhofs- currywurst für Gourmets. Und wofür? Man muss zum Deutsch- landspiel, welches an der Centerstage übertragen wird und für die anschließende Totenhosendeutschlandparty schon nen Platz vorne haben, ganz wichtig.Passend zur in Österreich auftretenden Fußballnationalelf spielt am Ring sozusagen die deutsche Musiknationalelf. Den Anfang machen Fettes Brot, die mit kompletter Live Band ins Rennen gehen und außer „Bettina“ auch noch ihre guten Songs zum Besten geben. Doch auch hier, sind wir vielleicht zu kritisch, fehlt noch etwas vom guten alten Pfeffer, um dem Konzertgourmet, wir maßen uns das jetzt mal an, das zu geben, was er verlangt; das Fünkchen Besonderheit, das Tröpfchen der Überraschung, ganz gleich wie diese erzeugt wird. Die Brote können doch mehr. Vor dem Spiel der Spiele treten dann Peter, Flo und Rüde ihren Job als Einheizer an. Ja, sie sind Fußballfans und wer weiß, ob sie ihren 2006er WM-Song heute sogar bereuen. Spielen werden sie ihn, dafür sind sie aus Sicht der meisten Anwesenden ja auch da. Darüber hinaus gibt es mal wieder herzallerliebste Turteldialoge zwischen den drei Münchnern, in denen sie sich herrlich, ob Absicht oder nicht, immer wieder gegenseitig ins Wort fallen. Am Ende gibt’s dann die, vielleicht nicht Mutter der Spezies „Fußballlieder“ , aber zumindest omnipräsenteste Hymne dieses Sports, dann gewinnen die Kicker mit dem Adler auf der Brust und auf der Bank gegen Polen, es wird gejubelt, gefeiert, gelacht, getanzt und sich auf das (fast) letzte Konzert gefreut, welches die Hosen aus Düsseldorf, aus Düsseldorf, nee das war ja letztes Jahr und außerdem Berlin, mal wieder am Ring-Sonntag „übernehmen“.Zwar kein neues Material, dafür aber ein Campino mit Gipsfuß, der erst mal ganz locker auf die Bühne schlurft und ne Ansage hinlegt, die seinen Status als Symbol von Authentik mal wieder fest zementiert. Abgefeiert wird von A bis Z, Auswärtsspiel bis Zehn kleine Kräuterliköre. Immer wieder ein Erlebnis und in bester Ärzte-Manier lässt der Herr Sänger sogar einen Song „neustarten“, weil er einen Fehler im Gitarrenspiel ausfindig gemacht hat. Schlussrum gibt es alles; Hits, nachdenkliche und freudige Ansagen, Campino an der Gitarre, einen Song von The Clash, Bierdusche, lustige Koordinationsspiele mit dem Publikum und dann klettert dieser Hobby-Wahnsinnige doch tatsächlich auch dieses mal auf das Dach der Welt, zumindest dem der Festivalwelt, um seinen Leuchtkörper anzuzünden, ein paar ebenso warme Worte in die kalte Nacht zu hauchen und dieses immer wiederkehrende Gefühl der, warum auch immer so genannten, Gänsehaut zu erzeugen. Es werden Zugaben gespielt und es wird festgestellt, dass der vorher „angedrohte“ Zeitraum von anderthalb Stunden längst überschritten ist; die können doch gar nicht anders. Konzert vorbei, Rock am Ring vorbei, okay drei Queens Of The Stone Age-Songs werden, auf dem Hosenboden sitzend, noch mitgenommen, zufriedene und erschöpfte Gesichter vielerorts und wen nur das Fazit interessiert: Auch diese Jahr war sie wieder sehr, sehr schön, die erste und größte Blüte des Fetivalsommers. Bis zum nächsten Jahr.



Rock am Ring: 2021 mit System Of A Down, Green Day und Volbeat
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