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Sexuelle Zwiegespräche: der Sonntag beim Hurricane.

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Am Sonntag ist es doch noch ziemlich schlammig auf dem Hurricane geworden. Über die Nacht und seit den Morgenstunden fällt der Regen zu steifem, kaltem Seitenwind konstant im 45-Grad-Winkel auf den Reitplatz von Scheeßel und verwandelt ausgetretene Trampelpfade in minütlich anschwellende Matschlachen. An Horse aus dem eher sonnigen Australien begegnen den schwierigen Verhältnissen auf der „Blue Stage“ mit kühnem Zweckoptimismus: „We are 90 per cent water anyway“, sagt Kate Cooper lakonisch zur Begrüßung. Auch sonst rockt sich das Duo mit Haltung durch die Songs ihres Albums „Walls“ und bringt zumindest diejenigen, die sich mit Gummistiefeln und bunten Regenjacken im Trockenen wähnen zum tanzen. Das sonntagliche Musikprogramm wird ob der unter die Kleidung kriechenden Kälte trotzdem ein Stück weit relativ.

William Fitzsimmons schafft es auf der trockenen Zeltbühne zumindest, mit wärmenden Folk-Songs wie „Beautiful Girl“, „I Don’t Feel It Anymore“ und „Good Morning“ die Stimmung kurzfristig aufzuhellen. Die jüngst wiedervereinigten Boy Sets Fire, einst mit ihrem Album „After The Eulogy“ wahre Szene-Koryphäen, wirken auf der Hauptbühne mit ihrem emotionalen Semi-Hardcore wie ein alter, taumelnder Boxer – kein besonders schöner Anblick. Der countryfizierte Indie-Rock von Band Of Horses kann dagegen wenigstens mit schönen Songs punkten: „Great Salt Lake“, „Is There A Ghost?“, „Weed Party“ – eine besondern Live-Mehrwert hatte die Band aus Seattle eh nie zu bieten.

Während Flogging Molly zu einsetzendem Platzregen „Singin‘ In The Rain“ anstimmen, findet im Pressezelt die Pressekonferenz von Veranstalter und Behörden statt. Dort ist man allenthalben zufrieden. Das Festival ist mit 70.000 zahlenden Besuchern ausverkauft, die Behandlungsfälle sind genauso zurückgegangen wie die Straftaten – und das trotz des Hardcore-Programms am Freitag Abend (Converge, Comeback Kid, Sick Of It All), wie der Polizeisprecher gleich zwei Mal betont. Was sich die Polizei da im Vorfeld ausgemalt hatte, würde man schon gerne wissen: Sodom und Gomorra?

The Kills beweisen derweil auf der „Red Stage“, das sich das sexuell aufgeladene Zwiegespräch zwischen dem coolen Jamie Hince und einer unheimlich erotischen Alison Mosshart auch wegen seines Songmaterial längst nicht abgenutzt hat: „No Wow“, „Heart is A Beating Drum“, „U.R.A. Fever“ und „Tape Song“ sind nicht mehr als Wegmarkierungen einer kernigen Rock-Show.

Gute Laune hat auch Mark Oliver Evertt, kurz E, der sein Publikum vor der „Red Stage“ gar „Schatzis“ nennt. Seine Eels sind auf ihrer diesjährigen Europa-Tour zur schwer groovenden Blues-Band mutiert, die sich ziemlich rockig-abgehangen durch E’s eigenwilliges Oeuvre jammt. „Flyswater“, „Fresh Feeling“, „Fresh Blood“, „Novocaine For The Soul“, „Souljacker, Part I“ – es bleiben kaum Wünsche offen, zumal E seinen großartigen Mitmusikern soulige Gesangssoli gönnt. Schafft man es danach noch über die matschigen Zubringer zur Hauptbühne kann man mit „When The Sun Goes Down“ immerhin noch einen Hit der Arctic Monkeys hören.

Ohnehin befindet sich zu dieser Zeit längst jedermann in gespannter Vorfreude für die Foo Fighters. Wer davor noch einen kurzen Abstecher zum dänischen Techno-Produzenten Trentemoller auf der „White Stage“ macht, bekommt ein ziemlich ambitioniertes Projekt vorgeführt. Denn Trentemoller hat sich von einem straighten „Four to the floor“-Beat weitgehend verabschiedet und pendelt mit großer Live-Band zwischen perkussivem Techno-Pop, mäanderndem Shoegaze und rockenden Rave-Momenten, denen er aber leider keinen Raum zur Entfaltung lässt. Als die vermeintlich tanzbarere Alternative zu den Foo Fighters ist das Experiment Trentemoller leider eher ein Reinfall.

Trotz der Kälte, trotz des Regens: Dave Grohl wickelt noch immer über 40.000 Menschen um den kleinen Finger. Denn der Maschinenraum Foo Fighters arbeitet auf Hochtouren, er kann gar nicht anders: „Monkey Wrench“, „Generator“, „Times Like These“, „All My Life“, „Best Of You“ und zum Abschluss „Everlong“ – allein diese zweite Hälfte ihrer Show hat es Hit-technisch in sich. Und doch will der Funke zwischen einem, abseits der Rockstar-Posen doch recht unverbindlichem Grohl und fröstelnden Norddeutschen nicht so ganz überspringen. So endet das Hurricane im Matsch und – für seine vielen großen Konzertmomente – ein klein bisschen unversöhnlich: Ohne große emotionale Zugabe, ohne Happy End. 2012 können es Blink 182 oder Die Ärzte besser machen. Wer morgen in der ersten Reihe stehen will, kann dafür seit heute sein Ticket kaufen.

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