Sigur Ros


Die geheimnisvolle vulkanische Landschaft ihrer Heimat Island sagt viel über die sonderbare Schönheit der Musik von Sigur Rös. Das schwefelverräucherte Wunderland monströser Wasserfälle, Geysire und dampfender Berghänge wirkt wie eine Mischung aus den schottischen Highlands und der dunklen Seite des Mondes. Kein Wunder, dass mindestens zehn Prozent der Einwohner an „Huldufölk“ glauben, das „verborgene Volk“, eine Elfenkolonie, die unter dem surrealen Terrain leben soll. Selbst die Regierung setzt bei der Straßenplanung volkskundliche Berater ein, um Huldufölk-Wohnstätten zu umgehen.

„Verborgenes Volk“ ist auch eine gute Beschreibung für die Band Sigur Ros, die in einer abgeschotteten, medienscheuen Blase arbeitet, dabei aber weltweit über eine Million Platten verkauft und prominente Bewunderer um sich gesammelt hat. Lars Ulrich (Metallica) hat ihnen Fanbriefe geschrieben, ihre Musik lief bei der Geburt von Apple, dem ersten Kind von Gwyneth Paltrow und Chris Martin; Tommy Lee gibt zu, sie zu hören, wenn er in fötaler Stellung am Boden herumliegt, und Brad Pitt nannte sie seine Lieblingsband. Im Fernsehen ist ihrer Musik als atmosphärischer Hintergrundbeschallung sowieso kaum zu entkommen.

Sigur Ros mögen die Verborgenheit vorziehen, werden aber nun noch mehr globale Beachtung finden. Seit Januar haben sie, unter größerer Geheimhaltung als sonst, an ihrem fünften Album gearbeitet. Im Mai war MED SUD I EYRUM VID SPILUM ENDALAUST (deutsch: „Mit einem Dröhnen in unseren Ohren spielen wir endlos“) fertig und ist Ende Juni erschienen. Der namhafte dänisch-isländische Konzeptkünstler Olafur Eliasson war am Entwurf der luxuriösen CD Verpackung und der „revolutionären“ Bühnenshow beteiligt, einer opulenten Verbindung von Musik und Kunst. Zumindest war das der Plan. Drei Monate lang sind wir der introvertiertesten Band des Planeten durch vier Länder und zwei Kontinente gefolgt und haben erlebt, wie sie sich mit komischen Händedrücken herumschlugen, mit Journalistenphobie, Orchestern, Harry-Potter-Chören, der verteufelten Covergestaltungund einigem mehr …

Im einstigen Schwimmbad herrscht acht Wochen nach Arbeitsbeginn Nervosität

In Mosfellsbasr, zwanzig Minuten von der isländischen Hauptstadt Reykjavik, liegt das Hauptquartier von Sigur Ros, ein schmuckloser Betonbunker, einst als öffentliches Schwimmbad erbaut und später als Textilfabrik genutzt, der von außen wie ein Schlachthof aussieht. Wären da nicht die leisen Klänge eines Bläsersatzes, die bei der Ankunft an unser Ohr dringen, käme man nie auf die Idee, dass die lebensbejahenden Soundgebilde von Sigur Rös ihren Ursprung an einem solchen Ort haben könnten.

Der erste Eindruck der Band bestätigt ihren Ruf als fragile Spukgestalten mit den Umgangsformen durchschnittlicher Marsianer. Sänger Jönsi Birgisson (der aussieht wie ein von Tim Burton gezeichneter Ian Curtis) und Bassist Georg Holm begrüßen uns höflich, aber zurückhaltend im Regieraum des Studios, deutlich nervös wegen des Eindringens von Fremdlingen in ihr Kreativzentrum. Drunten im einstigen Schwimmbecken dirigiert der Keyboarder und musikalische Leiter Kjartan Sveinsson eine Gruppe einheimischer Bläser durch eine heitere Popmelodie mit dem Arbeitstitel „Hit Song 2“. Schlagzeuger Orri Drason fehlt, er erholt sich von den Mojito-Exzessen einer gemeinsamen Kubareise in der Woche zuvor unter dem Vorwand von „Gesangsaufnahmen“.

Es sind gut acht Wochen, seit die Arbeit begonnen hat, und noch sechs Wochen, bis das vorläufig namenlose Album in New York gemastert werden soll. Laut Georg, dem einzigen bei Sigur Ros, der einigermaßen gerne mit uns zu kommunizieren scheint, hat noch keiner der elf Songs einen endgültigen Titel. Er will uns nicht mal die Arbeitstitel mitteilen, „weil sie blöd sind“. Seine Weigerung ist typisch für die ausweichende Art der Band, aber in diesem Fall ist sie zwecklos: An der Wand gegenüber hängt eine weiße Tafel, darauf mit Filzstift geschrieben die Titel aller elf Tracks. Einige sind nach den Lead-Instrumenten benannt („Acoustic“), andere in isländischem Kauderwelsch. Was den Download-Aspekt der Albumveröffentlichung angeht, zeigt die Band momentan nicht das geringste Interesse. Ebenso behaupten sie, „keine Ahnung“ zu haben, was Olafur Eliasson in Sachen Cover und Bühnenshow plant. „Er hat verrückte Ideen“, sagt Georg mit einem isländischen Schnarren in der Stimme, das halb walisisch, halb nach Ork klingt. „Es könnte fantastisch werden. Naja, hoffen wir zumindest.“

4 Jahre nach „A Day In The Life soll in der Abbey Road wieder eine Pop-Sinfonie entstehen

Vier Tage darauf sind Sigur Ros im Londoner Norden im Studio von Flood, dem preisgekrönten Produzenten von PJ Harvey, The Killers und vor allem U2. Er sollte schon takk… mischen, musste aber mangels Zeit absagen. Als im Dezember 2007 die Anfrage wegen des neuen Albums kam, war er sofort dabei. „Es ist großartig, mit ihnen zu arbeiten“, sagt er. „Es gibt keine Panik. Man weiß immer, dass sie die Sache hinkriegen werden.“

Nebenan nimmt Jonsi Gesang auf; eine schwermütige Ballade erfüllt den Raum, ganz anders als der bläserlastige Pop, den wir in Island zu hören bekamen. Orri, von seiner kubanischen Cocktail-„Vergiftung“ genesen, sitzt in einer Ecke und betrachtet Klangwellen auf einem Laptopbildschirm. Wir fragen, ob es inzwischen gelungen ist, Songtitel zu finden. „Ja“, murmelt er, „alle haben Titel.“ “ Und wie heißt der, der gerade läuft?“ Er schaut raffiniert. „Der hat keinen Titel.“ Zum Glück ist Flood da und überbrückt den Abgrund zwischen der journalistenmüden Sigur-Ros-Bruderschaft und dem Rest der Menschheit: „Momentan heißt er Mellotron‘.“

Jonsi ist fertig mit Singen und kommt in den Regieraum. „Hallo“, sagt er und packt meine Hand. „Wir haben uns über deinen Händedruck unterhalten.“ Bei Isländern hängt der erste Eindruck offenbar sehr von diesem manuellen Begrüßungsritual ab. Mein Händedruck ist wohl ein bisschen „schroff“ und daher seit unserer ersten Begegnung vor ein paar Tagen ein beliebter Gegenstand von Witzen. Jonsi unterdrückt ein Lachen, dann unterstützt er Orri beim Anstarren von Klangwellen auf dem Computerschirm, wobei beide in ihrer Muttersprache vor sich hin kichern. Das alles wird immer merkwürdiger. Drei Wochen sind vergangen. Jonsi Birgisson ist gekleidet wie ein Leichenbestatter in einem Dickens-Roman: schwarzer Smoking mit weißer Fliege. Das ist offenbar nichts Ungewöhnliches. Er sammelt viktorianische Klamotten, hat sich kürzlich eine Jack-the-Ripper-Pelerine gekauft und wird in Reykjavik oft mit einer karierten Sherlock-Holmes-Jagdmütze gesichtet, wie sie selbiger Ripper bei seinem ersten Mord getragen haben soll. Tatsächlich ist die Kopfbedeckung so bekannt, daß Jonsi sie regelmäßig nach durchzechten Nächten in Bars liegen lassen kann und immer am nächsten Tag wiederbekommt.

Es gibt mindestens einen guten Grund, weshalb er und der Rest von Sigur Ros sich heute so in Schale geworfen haben. Wir befinden uns in der Studio-One-Kaveme in der Londoner Abbey Road, wo vor 41 Jahren, zwei Monaten und 12 Tagen die Beatles das Orchester für „A Day In The Life“ einspielen ließen. Heute hoffen Sigur Rös darauf, den Geist von damals wiederzuerwecken, wenn sie eine ähnlich ambitionierte Pop-Sinfonie aufnehmen – mit dem 67 Mann starken Londoner Sinfonietta-Orchester und dem 20-köpfigen Knabenchor des London Oratory (unter anderem in „Herr der Ringe“, „Harry Potter“ und „Westlife“ zu hören). Man sagt uns, das Stück heiße „Piano“, aber auf Jonsis Textblatt – wie später auch auf dem fertigen Album steht „ra Batur“; Sigur Rös spielen also weiterhin mit verdeckten Karten. Sie zeigen auch keine Anzeichen von Nervosität angesichts des versammelten Heers von Musikern. Das neun Minuten lange „Piano“ ist eine bewegende Ballade, die in einem orchestralen Crescendo himmlischer Chöre und schmetternder Gongs kulminiert. Im fünften Versuch scheint die Aufnahme im Kasten zu sein, beim Anhören in Floods Regieraum wird eine Flasche Champagner geköpft. Die Feierlaune erweist sich als verfrüht: Alle sind sich einig, dass das Finale nicht intensiv genug ist. „Das muss größer werden“, drängt Flood. , Jetzt klingt es nur übertrieben und verzuckert.“

Es geht weiter, Take um Take. Als nur noch zwölf Minuten von der gebuchten Orchesterzeit übrig sind, ist der zehnte Versuch endlich mit Erfolg gekrönt. Die Sinfonietta löst sich auf. Ein eher an die Anforderungen von Beethoven gewohnter Geiger verrät uns glucksend, im Vergleich dazu sei der heutige Tag „oh, wirklich leicht“ gewesen. Auch der Knabenchor hat sich offenbar amüsiert: „Es war sehr dramatisch“, sagt der neunjährige Ned. „Irgendwie zwischen Klassik und Pop. Ziemlich hypnotisch.“

Draußen im Studiogarten versammelt sich die Band, um auf den Erfolg anzustoßen. Gibt es jetzt schon einen Albumtitel? „Nein“, sagt Orri. Irgendwelche endgültigen Songtitel? „Nein“, sagt Jonsi zögernd. „Ich schreibe noch an den Texten.“

In zwei Wochen muss alles fertig sein. Macht das die Band kein bisschen nervös? „Nein“, murmelt Kjartan und verschwindet.

Aber hinter all dem Schall und Rauch gibt es eine große Unbekannte, die Sigur Ros doch Sorgen bereitet. Erstmals in ihrer Karriere haben sie die Gestaltung des Covers einem Außenstehenden übertragen. In weniger als 48 Stunden steht ein Treffen in Berlin an, wo Olafur Eliasson seinen grandiosen Entwurf präsentieren wird. „Es wird entweder ,Wow!’sein“, spekuliert Georg, „oder (mit gespielter Schreckensfratze) ,Oh… mein… Gott!'“

Der Präsentation des Entwurfs für die CD-Hülle folgt ein langes, nervenzerfetzendes Schweigen

Acht Uhr morgens am Londoner Flughafen Gatwick: Sigur Ros sind unterwegs nach Berlin, wo Olafur Eliasson seine Ideen für Covergestaltung und Bühnenshow vorstellen soll. Bandmanager John Best räumt ein, er sei „wegen heute echt nervös“.

Es war Eliassons Installation „The Weather Project“ (mit einer riesigen künstlichen Sonne) 2003 in der Londoner Galerie Tate Modern, die den „organischen“ ästhetischen Nerv der Band traf und sie dazu brachte, bei Eliasson anzufragen, ob er mit ihnen zusammenarbeiten wolle. Als wir in Berlin landen, ist die Stimmung bei Musikern und Management indes sichtlich so gereizt, dass beschlossen wird, dass sie in Eliassons Studio vorausfahren, um „das Eis zu brechen“, und wir warten, bis wir das Signal bekommen, ihnen zu folgen. Zwei Stunden später bestellt man uns in eine Lagerhalle nicht weit vom Berliner Hauptbahnhof. Als wir das Studio betreten, ist sofort klar, dass die Sache nicht so läuft wie geplant. Eliasson hat ihnen gerade Dias von seinen Ideen für die Bühnenshow vorgeführt. Das letzte, von dem wir einen Blick erhaschen, zeigt ein weißes Dreieck, das in einem roten Kreis schwebt, als hätte jemand das Cover von Pink Floyds the dark side of the moon auf einem Overheadprojektor nachgezeichnet. Eliasson lädt Sigur Ros ein, mit ihm zu speisen, an einem riesigen Holztisch, und dabei „Ideen auszutauschen“. Nachdem er gut zehn Minuten lang Hof gehalten hat, ersucht John Best den Künstler höflich, seine Pläne für die Bühnenshow näher zu erläutern. „Okay“, hebt Eliasson an, in seinem schleppend-affektierten skandinavischen Nuscheln. „Isch stelle mir vor… Rauch… Bläschen… Scheifenblaschen, mit Rauch geflült… Ballonsch …grosche Ballonsch … und vielleicht ein paar kleine Ballonsch…“

Sveinsson steht auf und entschuldigt sich: Er müsse ins Hotel zurück, weil ihm „nicht gut“ sei. Eiiasson präsentiert derweil seinen Entwurf für die CD-Hülle: ein buntes geometrisches Muster, das an Spirograph-Zeichnungen erinnert. Aus Jonsis Gesicht entweicht schlagartig das Blut – das will was heißen bei dem bleichsten Mann von ganz Island.

„Es ist so was wie Kompasspunkte auf einer Straßenkarte“, sagt Eliasson. „Es geht um Orientierung. Seinen Wegfinden.“

Schließlich ergreift Best das Wort: „Okay, also: Wem gefällt das?“ Es folgt ein langes, nervenzerfetzendes Schweigen. Nach dem Treffen kehrt die Band ins Hotel zurück, um „Gedanken zu sammeln“, und beschließt eine Krisensitzung in einem Café. Eingeladen sind auch wir – bis zu der Sekunde, als wir den Fuß ins Taxi setzen wollen und gesagt bekommen, wir dürften doch nicht mit. Das ist ziemlich unhöflich, zumindest aber sonderbar.

Vier Stunden später sind sie wieder da. Die Wolke von alles verzehrender Paranoia hat sich aufgelöst. Ich treffe Georg in der Bar und frage, ob es zu einer Entscheidung bezüglich Eliassons Ideen gekommen ist. Ja“, sagt er. „Wir werden nichts mit ihm machen.“ Was passiert dann jetzt mit dem Artwork? „Ich weiß nicht“ ein Achselzucken, dann marschiert er mit einem breiten Grinsen davon. Sigur Ros haben noch genau zehn Tage, um einen Gestalter für ihr nach wie vor unfertiges und offenbar unbetiteltes Album zu finden. Und den schrägen Vögeln scheint das ziemlich zu behagen: Sie wirken regelrecht beschwingt.

Ein sonniger Morgen in der New Yorker Innenstadt. Aus dem blendenden Dunst tauchen drei unirdische Gestalten auf, offensichtlich überglücklich, wenn auch etwas von der Rolle. Sie schleppen drei Pappkartons. Nach monatelanger intensiver Arbeit (die Aufnahmen liefen buchstäblich bis zum Besteigen des Flugzeugs), Heimlichtuerei und Stress ist das grandiose Musik-&-Kunst-Spektakel von Sigur Rös auf drei Spulen Magnetband zusammendestilliert, die Jönsi, Orri und Kjartan so achtlos in der Gegend herumtragen, als hätten sie sie gerade auf dem Flohmarkt gekauft. Es sind die Masterbänder für das Album, dessen Titel sie uns nun endlich verraten: Med sud i eyrum VID SPILUM ENDALAUST.

Das Mastering beginnt in zwei Stunden, in der Zwischenzeit will uns Jonsi die kleine Ausstellung eines Freundes in Soho zeigen: Der Fotograf Ryan McGinley ist als Nothelfer kontaktiert worden, um nach dem Berliner Fiasko ein neues Artwork für das Album zu liefern. McGinley ist 31 und der jüngste Fotograf, der je eine Einzelausstellung im renommierten New Yorker Whitney Museum Of American Art hatte; er hat Bilder von Kate Moss gemacht und eine Ausstellung über Morrissey-Fans inszeniert, Michael Stipe zählt zu seinen Bewunderern. Seine aktuelle Werkschau mit dem Titel „I Know Where The Summer Goes“ widmet sich den Themen Natur und Nacktheit. Jonsi zeigt uns das Bild, das die Band für das Cover ausgewählt hat: „Highway“, ein Bild von vier dürren Nackten, die wie bei einer Art Naturisten-Geländelauf eine verlassene Straße entlangrennen. Das ebenfalls nackte Porträt an der gegenüberliegenden Wand zeigt einen unten herum ziemlich gut ausgestatteten jungen Mann.

„Vielleicht können wir stattdessen das da nehmen und mein Gesicht reinkopieren“, witzelt Jönsi und erntet ein Kichern von Kjartan und Orri. Zum ersten Mal in drei Monaten lachen und scherzen Sigur Rös und benehmen sich tatsächlich wie menschliche Wesen. Dann begeben wir uns zum Frühstück in ein Cafe. Während sie über Gemüse, Fußball (Orris Vater hat in der isländischen Nationalmannschaft gespielt und stand mal mit George Best auf dem Platz), ihre Liebe zu Iron Maiden und über alles außer ihrem Album plaudern, ist es, als hätten sich die stummen Aliens, denen wir in den letzten acht Wochen gefolgt sind, plötzlich in warmherzige, freundliche Menschen verwandelt, mit denen man jederzeit gern im Aufzug stecken bliebe. Sie bestehen sogar darauf, dass wir später am Abend ins Masteringstudio mitkommen und uns das fertige Album anhören, was wir gerne annehmen. Nach all den Exzentrizitäten und Ausflüchten der letzten paar Monate fiele es schwer, die Pracht und Größe dessen, was sie da geschaffen haben, nicht anzuerkennen.

Am nächsten Tag zeigt sich Jönsi ebenso gesellig, als wir ihn in den New Yorker Produktionsbüros der befreundeten Filmemacher Arni & Kinski treffen. Es geht um das Video zur ersten Single des Albums, „Gobbledigook“. Dem Artwork der Platte entsprechen die vier McGinley-Models – hübsche junge Dinger in Smiths-T-Shirts mit Armen wie Salzstangen -, die gerade in ihre Rollen eingewiesen werden. Das Drehbuch fordert „ungezügelten Ausdruck von Leidenschaft“, das Video soll „erfüllt sein von lebhaften Augenblicken der Liebe, so intensiv, dass man nicht erkennt, ob das ein Kampf ist oder Sex“. Die Models blinzeln ausdruckslos. Jönsi zappelt auf seinem Stuhl herum und grinst wie ein schuldbewusster Schulbub.

Später am Abend treffen wir uns mit der Band zum rituellen Album-Abschluss-Dinner in Jonsis bevorzugtem Rohkostrestaurant in der Stadtmitte. Der vegane Sänger ist ein derartiger Fan dieser Ernährungsweise, dass er und sein Lebensgefährte, der Künstler Alex Somers, ein eigenes Rohkostkochbuch geschrieben und es an Freunde in Island verteilt haben. Wir essen Käse aus Nüssen und Tiramisu aus getrockneter Bohnenmasse. Jönsi lässt sich in die Küche fuhren, bestaunt die Hightech-Entwässerungsgeräte und lässt alle paar Sekunden ein lautes „Wow!“ hören.

Wieder am Tisch, öffnet er eine Flasche organischen Champagner und erzählt uns, er könne es nicht erwarten, in seine eigene Küche zurückzukehren und das neue Album bei voller Lautstärke zu hören. „Dann weiß ich, ob es gut ist“, sagt er. Möglicherweise liegt es am Schampus – es scheint jedenfalls, als hätte Jonsi vergessen, dass er letztes Jahr beschlossen hat, nicht mehr mit Journalisten zu sprechen. Jetzt, wo er seit zwei Stunden neben einem solchen sitzt, fragen wir uns, was eigentlich sein Problem ist.

„Wir mögen einfach keine Interviews“, sagt er. „Das ganze Zeug interessiert uns nicht. Das Einzige, was für uns eine Rolle spielt, ist unsere Musik. Die nimmt uns sehr in Anspruch, deshalb haben wir keine Lust, uns um andere Sachen zu kümmern. Das alles, weißt du, (er bohrt den Finger in die Nase) ist Bullshit!“ Allgemeine Zustimmung. „Oh, aber das hier war nett“, er lacht freundlich. „Oder nicht?“ Es folgen: das Klirren von Champagnerflöten und drei „komische“ Händedrücke zum Abschied, dann sind Sigur Ros fort. Ob zurück in ™ ihr Hotel oder in ein unterirdisches Troll-Königreich – wer weiß? ~ >»www.sigur-ros.co.uk

»>albumkritik me 8/08