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Stilkolumne

Sind Männerhandtaschen Vaginas zum Umhängen?

von
Jan Kedves
Jan Kedves
Kolumne

Lesen über Mode kann langweilig sein. Aber in Katja Eichingers Essay-Sammlung „Mode und andere Neurosen“ (Blumenbar) gibt es ein paar schöne Seiten über Designerhandtaschen. Überschrift: „Jenseits des Penisneids“. Darin beschreibt sie, sowohl Sigmund Freud wie den britischen Künstler Grayson Perry zitierend, die sexuelle Symbolik von Frauenhandtaschen. Mit ihrer Eigenschaft, „einen Hohlraum einzuschließen, der etwas in sich aufnehmen kann“, stellten diese Taschen eine Art externalisierte Vagina dar – ein Objekt, in dem sich „Begehren, Sexualität, Verdrängung, Scham, Angst“ symbolisch manifestieren. Soziale und ökonomische Macht natürlich auch, jedenfalls wenn die Tasche teuer ist. Interessant! Ich mache das Experiment: In jeder Frauenhandtasche auf der Straße versuche ich, eine Vagina zu erkennen.

Das klappt nicht so gut. Dafür fallen mir viele, meist jüngere Männer auf, die Handtaschen tragen. Sind das auch Vaginen? Ich bleibe mal bei der These und sage: ja und nein. Ich spreche hier nicht von altbekannten Männer-Trage-Optionen wie Rucksack, Aktentasche, Plastiktüte (oder Lars Eidingers Aldi-Ledertüte für 500 Euro). Sondern ich meine die neueren Männerhandtaschen, die so klein sind, dass nicht viel hineinpasst – eindeutig Designobjekte. Es gibt sie von Gucci, Prada, vielen Labels. Yung Hurn trägt sie, nur als Beispiel. Teils werden sie als „Murse“ verspottet, kurz für „male purse“. Das deutet ja schon darauf hin, dass eine gewisse Unsicherheit herrscht in Bezug auf die Frage, ob ein Mann mit Handtasche ein echter, oder ein verweichlichter Mann ist. Et voilà, damit wären wir zurück bei der Vagina, oder mit Freud: bei der Angst vor ihr.

Tatsächlich sind viele Luxus-Männerhandtaschen so designt, dass sie extra-maskulin, teils sogar militärisch aussehen. Die „Leather Messenger Bag“ von Alyx (690 Euro) hat, auffällig platziert, eine funktionell überflüssige, aber hart nach Kampfpiloten-Gear aussehende Alu-Druckschnalle. Die „Crossbody Bag“ von Prada (1100 Euro) könnte Drogenkurieren gut gefallen: gerade genug Platz drin für ein paar Substanzen und die Knarre. Am krassesten aber: die verchromte „Metal Saddle Bag“ von Dior Homme (35.000 Dollar). Sie hat aufgesetzte Bommeln, die an Patronenhülsen erinnern. Was gäbe es Phallischeres (und Kompensatorischeres) als eine Männerhandtasche, die mit Patronen symbolisch jegliche Nähe zur Vagina wegknallt? Freud hätte seine analytische Freude an dem Teil gehabt.


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