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„The Wrestler“ mit Mickey Rourke

Mickey Rourke ist die Inkarnation des Verfalls und des Scheiterns. Wenn man über Mickey Rourke sprach, dann in der Vergangenheitsform. Der Schönling, der Hollywoodstar – alles Zuweisungen von Vorgestern. „The Wrestler“ sollte seine letzte Chance sein, so orakelte nicht nur die Hollywoodexpertise. Und was bleibt zu sagen: „The Wrestler“ ist das Vermächtnis eines Mannes, der seine letzte Chance nutzt.Stilistisch und inhaltlich präsentiert sich der Film mitunter wie eine Mischung aus „8 Mile“ (die Tristesse des Umgebungsmilieus) und „Rocky Balboa“ (der Storyansatz). Mickey Rourke verkörpert den Wrestler „The Ram“ Robinson, ein Wrestlingheld von einst, der durch die Glorie vergangener Zeiten immer noch Ruhm genießt, aber längst seelisch und materiell ausgemergelt ist. Das Geld reicht nicht mehr, um seine Miete im Trailerpark zu bezahlen und die stupiden Gelegenheitsschaukämpfe bringen nur spärliche Einnahmen , sind aber überlebensnotwendig, um wenigstens zu existiern. Wrestling fungiert in Darren Aronofskys Film als Ventil für den Wrestler Robinson. In Momenten des noch so kleinen Triumphs spürt er sich noch, und dem Zuschauer wird klar, dass er mit dem blutigen Wrestlinggeschäft untergehen muss und wird. Dort wo „Rocky Balboa“ die nötige Tiefe vermissen ließ und sich am typisch amerikanischen Wunschdenken bediente (alter Boxer am Boden – entdeckt den Sinn seiner Existenz – arbeitet an sich – findet einen perfekten Abschied) tun sich in The Wrestler deutlich realistischere Abgründe auf. Ram Robinson kann nicht gewinnen, zumindest nicht auf ganzer Basis. Die sozialen Beziehungen, die Robinson abseits des Rings aufzubauen versucht, scheitern, weil sie scheitern müssen. Die Beziehung zu seiner Tochter Stephanie versucht Robinson wieder zu intensivieren und gerade als sich beide Pole wieder anzunähern scheinen, versagt Robinson erneut, indem er ein vereinbartes Abendessen über einem Drogenexzess vergisst. Fernab von jedem Kitsch wird die missglückte Beziehung zu seiner Tochter aufgegriffen. Mit realistischer Radikalität inzeniert Aronofsky ruhige Szenen, die Rourke so intensiv spielt, dass es schlichtweg ergreifend ist. Bemerkenswert ist in jedem Fall die Szene, wo Robinson seiner Tochter (ebenfalls brilliant: Rachel Wood) bei einem Strandspaziergang sein langes Fernbleiben zu erklären versucht. Die Tränen, die Robinson vergießt, sind keine Tränen eines Schauspielers, es sind die Tränen von Rourke, so war er doch selbst in seinem Leben nie in der Lage, Menschen zu vertrauen oder lange Beziehungen aufrecht zu erhalten.Die Parallelen zu Mickey Rourkes realem Leben sprießen in diesem Drama aus jeder Pore und genau das ist es, was diesen Film zu etwas ganz Großartigem macht. Es mag voyeuristisch klingen, doch die besten Szenen finden sich dort, wo Mickey Rourke sich aufzulösen bereit ist. Dort wo jegliche Distanz zu seiner Lebensituation gemieden wird, Szenen, die schauspielerische Eitelkeit nicht kennen. Der Zuschauer ist gebannt, die Intensität, die aus diesem Mann herausbricht, ist beispiellos.Trotz der stetig präsenten Analogie auf Rourkes Realleben gelingt es Aronofsky, seinen Film aufzulockern, indem er kurzfristige Freuden nicht wegretuschiert. Es sind kleine Szenen des Glücks, die nur noch mehr Identifikation mit Robinson bzw. Rourke schaffen. Eine Szene erlebt er mit Cassidy, gespielt von Marisa Tomei, eine Nachtclubtänzerin, zu der Robinson eine Liebesbeziehung aufzubauen versucht. In einer tristen Eckkneipe, am hellichten Tag lädt er Cassidy auf ein Bier ein und fordert sie dann zum Tanzen auf. Robinsion geht dabei so herrlich ungeschickt und hölzern vor, dass es eine Freude ist. Doch auch hier lauert die Ironie des Schicksals. Im Hintergrund läuft Guns N Roses, und der Vergleich mit dem 80er-Jahre-Relikt Axl Rose und Mickey Rourke drängt sich offensiv auf. Dann wird es weiter autobiografisch: „The 90s sucked“ fährt es Robinson trocken über die Lippen.Cassidy bringt kurzzeitigen Halt in Rourkes Leben. Nach einem Herzinfakt, den Robinson nach einem grotesk brutalen Wrestlingkampf erleidet, beschließt er, auch Cassidy zuliebe, mit dem Wrestling aufzuhören. Robinson nimmt einen Job als Fleischverkäufer an und stürzt sich zunächst mit Elan in seine neue Aufgabe, bevor er auch hier wieder ausbricht. Es zieht ihn unausweichlich in den Ring. Gegen seinen Erzfeind „Ayatollah“ soll er an die ruhmreiche Wrestlingzeit von einst anknüpfen. Während des Kampfes bemerkt Robinson, dass er kurz vor einem erneuten Herzinfakt steht, doch er mobilisiert letzte Kräfte, setzt zum vernichtenden Sprung an, dann blendet die Kamera aus. Ende. Es ist ruhig im Kinosaal, vollkommen eingenommen von der schauspielerischen Glanzleistung Rourkes muss sich das Gesehene erst einmal setzen. Im Abspann läuft Bruce Springsteen, der für seinen Titelsong mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Dieser fasst die Misere der alternden Wrestlingmarionette Robinson perfekt zusammen. Springsteen singt:Then you’ve seen me, I come and stand at every door Then you’ve seen me, I always leave with less than I had before Then you’ve seen me, bet I can make you smile when the blood, it hits the floor Tell me, friend, can you ask for anything more? Tell me can you ask for anything more?Abschließend bleibt zu sagen, dass Aronofsky ein Meisterwerk gelungen ist. Ein zutiefst menschlicher Film, der dem Schauspieler Rourke ein Forum gab, seinen angestauten Emotionen freien Lauf zu lassen. Selten hat man einen Film gesehen, wo die Grenzen zwischen einem Schauspieler und dem Privatmenschen derart fließend sind. Ergreifend und uneitel inzeniert Aronofsky einen tieftraurigen und sehr wertvollen Film.

Kai Wichelmann – 04.03.2009


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