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Warum Auto-Tune ein Segen ist

Die entscheidende Idee kam dem Mathematiker Andy Hildebrand, als er mit einigen Freunden zu Mittag essen war: „Was muss noch erfunden werden?“, fragte er in die Runde, ohne mit einer ernst gemeinten Antwort zu rechnen. „Warum baust du nicht einfach eine Maschine, die mich ordentlich singen lässt?“, entgegnete eine Freundin. Hildebrand, der lange Zeit Bodenmessungen für Ölkonzerne durchgeführt hatte und erst seit Kurzem im Musikbusiness tätig war, witterte seine Chance. Das war 1995, und keine drei Jahre später hatten wir den Salat: Cher stand mit „Believe“ in 23 Ländern auf Platz eins der Charts. Den roboterartigen Effekt auf ihrer Stimme hatte sie Hildebrand zu verdanken.

Es dauerte nicht lange, bis die revolutio­näre Tonhöhenkorrektur, die Hildebrand seitdem unter dem Namen Auto-Tune vertreibt, in Ungnade fiel. Das Magazin „Time“ nahm Auto-Tune sogar in seine Liste der schlechtesten Erfindungen des 20. Jahrhunderts auf – zwischen Agent Orange und Spam-Mails. Trotzdem verkaufte sich das Plug-in nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1997 wie von selbst und ist seitdem auf fast jeder erfolgreichen Pop-Platte zu hören – oder eben nicht zu hören, je nach Dosis. Durch die kinderleichte Bedienung wurde der Produktionsprozess damals derart beschleunigt, dass Studios ohne Auto-Tune kaum noch gebucht wurden.

Seitdem hat uns die Software viele schaurige Songs beschert, unter anderem von Rapper und Sänger T-Pain, der exzessive Auto-Tune-Orgien zu seinem Markenzeichen gemacht hat und zwischen 2006 und 2010 auf über 50 Single-Hits zu hören war. Doch mindestens genauso viele Musiker wehrten sich gegen die Gesangshilfe: So unterschiedliche Künstler wie Michael Bublé, Christina Aguilera, Death Cab For Cutie und Jay Z haben sich gegen Auto-Tune ausgesprochen bzw. ausgerappt – und waren doch davon abhängig: Bublé und Aguilera gehörten selbst zu Hildebrands Kunden. Und bevor Jay Z seinen Song „D.O.A. (Death of Auto-Tune)“ veröffentlichen konnte, wurden einige Auto-Tune-Lieder vom dazugehörigen Album, THE BLUEPRINT 3, entfernt, um die Kredibilität nicht zu gefährden.

Doch wie „One More Time“ von Daft Punk schon 2000 zeigte, kann Auto-Tune gute Popsongs noch ein Stück besser machen. Ein Meilenstein für die Akzeptanz war Kanye Wests 2008 veröffentlichtes Album 808S & HEARTBREAK, ein perfektes Beispiel dafür, wie man Auto-Tune einzusetzen hat: als Stil-, nicht als Hilfsmittel. Das Album entstand, nachdem Wests Mutter gestorben war und seine Verlobte ihn verlassen hatte. Es zeigt einen Mann, der schwächer kaum sein könnte. Der Auto-­Tune-Effekt wirkt wie eine Art emotionaler Krückstock, ein Beleg dafür, dass West durch sein Leiden ein Stück weniger Mensch geworden ist. Seine Stimme klingt so verletzlich, wie sie ohne Auto-Tune nie klingen könnte. Die Töne hätte er auch so getroffen, aber darum ging es ihm nicht.

808S & HEARTBREAK öffnete eine ganze Reihe Künstler für die gut dosierte Benutzung von Auto-Tune, auch außerhalb des HipHop. Die Ergebnisse spiegeln wider, was 808S & HEARTBREAK vorgemacht hat: Wer mit Auto-Tune experimentiert und sich austobt, macht seine Stimme zu einer wirksameren Waffe.

Das jüngste Beispiel ist das neue Lambchop-Album, FLOTUS. Sänger Kurt Wagner kaufte sich die Software, nachdem er auf einem Konzert von Shabazz Palaces gesehen hatte, was man einer Stimme damit alles entlocken kann. Das Er­gebnis ist das mutigste Album seiner Karriere. FLOTUS ist in einem Atemzug mit anderen Auto-Tune-Meisterwerken zu nennen: „Coldest Winter“ von Kanye West, „715 – CR∑∑KS“ von Bon Iver, „I Mind“ von James Blake, „Wandering Star“ von Poliça und Sufjan Stevens’ „Impossible Soul“.

Auto-Tune hat übrigens noch etwas anderes geschafft, nämlich einen gemeinsamen Nenner für Popmusik von allen Kontinenten einzuführen. Denn so verschieden die Menschen auch sein mögen, gut singen will jeder. So hat Auto-Tune einen entscheidenden Einfluss auf das Rai-Genre in Nordafrika gehabt – und sogar auf muslimische Betgesänge, die mit korrigierten Ton­höhen etwas befremdlich klingen.

Wer für Auto-Tune-Unfälle dieser Art nichts kann, ist Andy Hildebrand. Er selbst hat es am besten formuliert: „Manchmal sage ich den Leuten: Ich bin nicht der Geisterfahrer, ich habe das Auto bloß gebaut. Aber die Hater werden weiterhaten.“ Der Auto-Tune-Effekt ist genauso gut oder schlecht wie ein Wah-Wah-Pedal: Es kommt immer darauf an, was man damit anstellt.


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