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Meinung

Warum Tyler, The Creator mit „IGOR“ endlich er selbst ist

Er verband die zwei erfreulichen Ereignisse direkt miteinander: Am vergangenen Freitag erschien mit IGOR das sechste Studioalbum Tyler, The Creators, dieses als misogynes, homophobes, ja generell misantrophisches Arschloch verschrieenen HipHop-Genies aus dem Los Angeles County. Diesen Feiertag wollte Tyler nirgends lieber begehen als in London, der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs, das ihn 2015 mit einem mehrjährigen Einreisebann belegt hatte. Als Grund gaben die Richter damals gewaltverherrlichende Lyrik des Rappers aus dem Jahr 2009 an – wohlgemerkt: Tyler war da 18 Jahre alt.

Nun also seine triumphale Rückkehr mit seiner Version der Botschaft von Liebe und Freundschaft: IGOR. Ein Album, das eines Tages – zu Recht – als konziser Abschluss einer Trilogie um CHERRY BOMB und FLOWER BOY, den beiden Vorgängeralben IGORs, einen Ehrenplatz in seiner Diskographie erhalten wird. Denn auf diesen zwölf groove- und funkgetriebenen, Synth-basierten Tracks können wir Tyler bei der Entledigung seines Schutzpanzers, den er in den ersten Jahren seiner nunmehr zehnjährigen Karriere als Rapper, Lyriker, Producer, Künstler trug, zuhören.

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LONDON

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Wo seine frühen Songs noch verstörend realistisch von Vergewaltigung und Mord phantasierten, er homosexuelle Menschen als Parasiten und Abschaum beschimpfte und seine Live-Auftritte mit Mitgliedern seiner losen Odd Future Wolf Gang nicht selten in Chaos und Randale endeten, arbeitet sich Tyler in den vergangenen vier Alben an seiner eigenen Zerrissenheit und dem Status Quo dessen, was wir HipHop nennen, ab. Klang das auf CHERRY BOMB noch roh und grob (die Beats bollerten wie alte Radiatoren, „Fucking Young“ handelte von Sex mit Minderjährigen), fand er mit FLOWER BOY zum neuen Sound und neuer Stimme.

Flächige, über die Beats hüpfende Synth-Motive, windschiefe Gitarren und diese leicht durchhängende Grundstimmung – Tracks wie „Foreword“, „Pothole“ und „911/Mr. Lonely“ zeigten einen tiefenentspannten, aber keineswegs gesättigten Tyler, The Creator. Wer da etwas falsch verstand, dem konnte er mit „Who Dat Boy“ und „I Ain’t Got Time“ auch wieder Feuer unterm Hintern machen. Vor allem letztgenannter Track sorgte für gewachsenes Interesse an diesem selbsternannten „fucking walking paradox“, denn Tyler verkündete, eigentlich nebensächlich, dass er weiße Jungs küsse – und zwar schon seit 2004. Sonst als so liberal geltende Medien wie etwa „Pitchfork“ verfielen in Schnappatmung und widmeten dem vom Rapper doch so beiläufig abgefrühstückten Thema ellenlange Essays. Tyler äußerte sich nicht weiter, stoppte jedoch auch, jeden Interviewer, der ihn nervte, als „Schwuchtel“ zu beschimpfen und dementierte Jaden Smiths Aussagen, sie seien ein Liebespaar, nur mit einem halbgaren Abwinken und breitem Grinsen im Gesicht.

Inwieweit das Coming-Out seines alten Buddies Frank Ocean ihn dazu inspirierte und motivierte, das Versteckspiel mit seiner nicht festgelegten sexuellen Präferenz im Hardcore-Hetero-Genre HipHop aufzugeben, ist müßig zu hinterfragen – IGOR ist zumindest ein weiteres Indiz dafür, dass Tyler in den vergangenen fünf Jahren gelernt hat, sich endlich selbst zu lieben.

Das Produkt dieses Schrittes zur Selbstliebe – und damit, alte Küchenphilosophie bestätigend, erst in der Lage zu sein, eine andere Person zu lieben –, ist IGOR. Tyler, The Creator vertont ein 90-minütiges Leinwand-Liebes-Drama in dichte 39 Minuten: Vom musikalischen Thema, das die Ankunft des Schwarms verkündet („Igor’s Theme“) über den eigentlichen Akt des Sich-Verliebens („Earfquake“) über das Teilen seiner Gefühle mit dem Anderen („I Think“) über den Liebeskummer („Gone Gone/Thank You“) bis hin zur letzten, resignierenden Frage („Are We Still Friends?“).

Für dieses, sein persönlichstes, Album setzt Tyler auch im Sound auf Wärme: Organische Motown-Drums, heimelige Bässe, funky Prince-a-like Gitarren und immer wieder Synths aus Kanye Wests Selbstkasteiungs-Mottenkiste. Diesen neuen, freien Tyler, The Creator, der endlich auch einfach Tyler Gregory Okonma sein kann und will, wollte er seinen britischen Fans in einem kleinen Künstlercafé im Südlondoner Stadtteil Peckham präsentieren. Statt der geplanten 300 Leute strömten, nun ja, so viele Menschen dorthin, dass die Polizei das Gelände sowie eine angrenzende Bahnstation räumen lassen musste.

An die alten, verrückten Tage erinnerten Tyler diese Bilder, schrieb er auf Twitter. Ja, auch enfant terribles werden älter, und ja, auch 28-Jährige können bereits Nostalgie verspüren. Nun wird sich London und Großbritannien – und wahrscheinlich auch der Rest Europas – bis September gedulden müssen, um die Reinkarnation Tyler, The Creators als stolzen, liebenden, queeren Singsang-Rapper zu erleben. Dann wird er nämlich statt 300 über 10.000 Menschen zwei Abende lang in der Brixton Academy erzählen, wie das war, damals mit Igor.

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