Wilco: Jeff Tweedy – Ein Mann rechnet ab

Reden über Musik und die komplexen Verhältnisse in den USA. Pop und Politik. Das bietet sich an, wenn der große Eigenbrötler vom Irving Park zum Gespräch bittet. Schließlich hat Jeff Tweedy nicht nur einmal bewiesen, dass er seinen ganz eigenen Kopf hat – und diesen auch durchzusetzen versteht. Spätestens seit der Gründung des eigenen Labels dBpm im Jahre 2004 gilt er als kontroverse Stimme von Indie America. Doch die Interview-Eröffnung mit einer Frage zu den Immigrationsgesetzen in Arizona läuft schon mal schief: Vielleicht weil Tweedy glaubt, man wolle ihn aufs politische Glatteis führen. Vielleicht auch weil er sich als Dichter solch wunderbar surrealer Zeilen wie „I want a wig that’s been blown/ by something unknown“ unnötigerweise festgenagelt fühlt. Dabei hatte es sich förmlich aufgedrängt: Wilcos Polyphonie auf Politik zu reimen. Nach einem ersten Durchhören des 
neuen Albums The Whole Love jedenfalls bleibt vor allem der Nachhall abrupter musikalischer Wechselbäder, das Besingen von unheimlichen Lebenskorridoren zu ebenso unheimlichen Klang-Collagen – sowie der Eindruck, dass ein Typ wie Jeff Tweedy nicht nur in der Lage ist, Avantgarde und Schönheit miteinander zu versöhnen, sondern durch das Konterkarieren einer hier vorherrschenden Country-Intimität etwa durch die feedbackgesättigte Krautrock-Jam „Art Of Almost“ auch ein gesellschaftliches Zeichen setzt. Er gegen das Biedere, Heimattümelnde, Konservative seines Heimatlandes aufsteht. Und zumindest musikalisch den Tea-Party-Vereinfachern und Immigranten-Zurückschickern etwas Schmutzwasser in den Whiskey kippt. 

Jeff Tweedy aber versteht die Frage als Angriff. „Was reden Sie von Arizona? Als Deutscher sollten Sie sich da nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Sie sitzen doch, was Fremdenfeindlichkeit betrifft, selbst im Glashaus.“ Nein, Statements gegen Middle-America: Dafür mag er sich nicht hergeben. Denn auf seine Weise ist Jeff Tweedy natürlich ein Amerikaner durch und durch, Verkörperung eines aufgeklärten, patriotischen Hipsters, der es dennoch nicht mag, wenn seine Flagge befleckt wird. Jedenfalls nicht von einem deutschen Journalisten. Mit seiner Band Wilco hat er es geschafft, sich sieben Alben lang konsequent zwischen den Stühlen einzurichten. Einerseits bleibt stets die Verankerung in Traditionen zwischen Hank Williams, Woody Guthrie und Captain Beefheart spürbar. Andererseits strecken sich die Fühler nicht nur John Cale entgegen, sondern auch der nichtwestlichen Musik: Zuletzt hatte Gitarrist Nels Cline auf dem Album der Tuareg-Rocker Tinariwen mitgespielt. Schlagzeuger Glenn Kotche dagegen rearrangierte einen Song des kongolesischen Likembe-Orchesters Konono No1.



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