Zum Tod von Meat Loaf: ein kraftstrotzender, ein fragiler Rockstar

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Wer Meat Loaf einmal begegnet ist, der weiß, dass der Mann gar nicht so ein Fleischberg war, wie es sein Künstlername und sein Image behaupteten. Eher wirkte er – vor allem in seinen letzten Jahren – anfällig, fragil, ja nahezu zerbrechlich. Das hatte damit zu tun, natürlich, dass der Sänger im Rentenalter angekommen war und dass sein Gesundheitszustand schon länger nicht mehr der allerbeste war. Das lag aber vor allem auch daran, dass das öffentliche Bild von Meat Loaf ein kraftstrotzendes war, das erzählte von althergebrachter, heute würden man vielleicht sogar sagen: toxischer Männlichkeit, von Larger-than-life-Inszenierungen, von weit ausladenden Gesten, übergroßen Bühnen und bis ins Klischee überzeichneten Gefühlen.

Dieses Image formte der 1947 in Dallas geborene Michael Lee Aday, der nach nach einer schweren Kindheit mit einem alkoholkranken Vater mit einem One-way-Ticket nach Los Angeles floh und sich dort als Sänger verschiedener Bands zur lokalen Berühmtheit aufstieg, die immerhin den Anheizer für Acts wie Janis Joplin, Grateful Dead, Stooges oder Van Morrisons Them spielen durfte. So richtig hob die Karriere aber nicht ab, Aday verdiente sein Geld dann eher in Musical-Produktionen wie „Hair“ und „Rocky Horror Picture Show“ in L.A. und New York.

Die entscheidende Wende in seiner Laufbahn kam allerdings erst, als er 1973 am Broadway Jim Steinman kennenlernte. Der Pianist und Produzent schrieb dem kräftig gebauten Musical-Darsteller das Album BAT OUT OF HELL auf Leib und die sagenhafte vier Oktaven umfassende Stimme. Ein Großwerk mit von Steinmans frenetischem Piano getriebenen, atemlosen Songs, die das Jungsein feierten, indem sie die Unsicherheiten des Erwachsenwerden zum heroischen Bombast überhöhten – und in denen nicht zuletzt so unverhohlen von Sex die Rede war, dass man es auch mit mittelmäßigem Schulenglisch verstand.

Steinman entwickelte BAT OUT OF HELL aus einem Musical, einer Sci-Fi-Version von Peter Pan, das er geschrieben hatte. Und diesen Charakter behielt diese als Rockoper getarnte Teenager-Horrorkomödie. Steinman und sein Sänger, der auch hier mit Rüschenhemd und Seidentuch, mit dem er sich beständig den Schweiß aus dem Gesicht wischt, immer Darsteller einer Rolle blieb, schafften den eigentlich unmöglichen – oder ja vielleicht gefährlich naheliegenden – Spagat zwischen Andrew Lloyd Webber und Bubblegum-Pop, so nostalgisch wie durchgedreht.

Dass sie damit ausgerechnet 1977, im Jahr also, als Punk in London seinen Durchbruch feierte und Disco mit „Saturday Night Fever“ den Mainstream beherrschte, einen dermaßen großen Erfolg feierten, dass BAT OUT OF HELL bis heute mit mehr als 43 Millionen Exemplaren zu den meistverkauften Alben aller Zeiten gehört, zeigt vor allem eins: Wie großartig diese Songs waren – und bis heute geblieben sind. Das großartige Duett „You Took The Words Right Out Of My Mouth“, der hysterische Titelsong, das epische „Paradiese By The Dashboard Light“, eine eigene Mini-Oper zwischen Hardrock und Disco, oder „Two Out Of Three Ain’t Bad“ mit der hinterlistigen Liebeserklärung, die den eigenen überbordenden Kitsch unterwandert und demaskiert: „I want you, I need you, but I’m never gonna love you, but don’t be sad, two out of three ain’t bad.“

Seitdem blieben die Lebenswege der beiden auf nachgerade unheimliche Art und Weise miteinander verknüpft: Nur zusammen konnten Meat Loaf und Steinman wirklich große Erfolge feiern. Vor allem der Sänger wurde immer wieder arg gebeutelt. Schon 1976 wurde das Broadway-Musical „Rockabye Hamlet“, das nicht zuletzt auf Meat Loafs neue Popularität setzte, nach nur sieben Vorstellungen wieder abgesetzt. So ging es weiter: Drogen und Alkohol und exzessives Touren ruinierten zwischenzeitlich seine Stimme, er kämpfte mit Depressionen, wurde von ehemaligen Managern verklagt und trennte sich von Steinman. Immerhin fand Aday ein zweites Standbein als Schauspieler und trat in mehr als 65 Filmen auf, am prominentesten in „Fight Club“, aber als Musiker schien er am Ende. Der überlebensgroße Meat Loaf war geschrumpft, ein Schicksal als ewig tourender Retro-Act schien vorprogrammiert.

Der Erfolg als Musiker kehrte erst zurück, als er sich mit Steinman versöhnte und die beiden die alte Erfolgsformel reaktivierten. BAT OUT OF HELL II: BACK INTO HELL wurde 1993 Nummer Eins nicht nur in den USA, sondern in allen wichtigen Märkten, auch in Deutschland. Das jahrelangen Tourleben und sein früherer Lebenswandel aber forderten zunehmend ihren Tribut. Immer wieder brach Meat Loaf auf der Bühne zusammen, musste Konzerte abbrechen, landete im Krankenhaus. Bei einem Interview vor einigen Jahren waren Fragen zum Gesundheitszustand ebenso tabu wie zur US-Politik, in der sich Aday für die Republikaner engagierte – auch wenn er sich nur einmal offen für Donald Trump aussprach, in dessen Casting-Show „The Apprentice“ er aufgetreten war. „Mich interessiert die Perspektive eines 68-Jährigen nicht“, sagt der damals 68-Jährige, „lassen Sie mich damit bloß in Ruhe.“

Trotz seiner gesundheitlichen Probleme arbeitete Meat Loaf weiter, noch im vergangenen November kündigte er eine Rückkehr ins Studio an. Ein Versprechen, das er nicht mehr halten konnte: Am 20. Januar 2022, nur neun Monate nach seinem ewigen Weggefährten Jim Steinman, starb Michael Lee Aday alias Meat Loaf im Alter von 74 Jahren. Die Todesursache wurde nicht bekannt.


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