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Justin Timberlake beim Super Bowl: Die Parallele zu Prince


Fünf Jahre nach seinem Doppelalbum THE 20/20 EXPERIENCE stellte Justin Timberlake am Sonntag seine erst am Freitag veröffentlichte Platte MAN OF THE WOODS einem maximal großen Publikum in der Halbzeitpause des SuperBowl vor. Ein ganz normales Wochenende im Leben des Waldschrat of Pop. Wir haben uns beide Großereignisse aufmerksam angesehen, angehört und bewertet.

Wer sich darüber aufregt – und es haben sich in den sozialen Medien natürlich sehr viele Menschen darüber aufgeregt –, dass Justin Timberlake gestern in seinen Auftritt bei der sog. „Pepsi SuperBowl LII Halftime Show“ eine Coverversion des Prince-Klassikers „I Would Die 4 U“ sowie eine Videoprojektion des Großmeisters eingebaut hat, um damit den Menschen im ausrichtenden Minneapolis seinen Respekt zu zollen und gleichzeitig auch sich selbst, weil er damit ja durchaus sagte, dass er, Justin Timberlake, ein bisschen so sei wie ER, Prince, wer sich jedenfalls darüber aufregt, der macht es sich ein bisschen einfach.

Prince erscheint während Timberlakes Auftritt auf einer Leinwand.

Der Vorwurf der Anklage ist Anmaßung. Hinzu kommt der üblichen Unmut über cultural appropriation und Genre-Gentrifzierung. Dieser begleitet Timberlake, seit er 2002 bei den VMAs in New York seine Solokarriere als größter R’n’B-Star der Nuller-Jahre startete, an ähnlich exponierter Stelle also. Im kalten Winter 2018 aber wiegen diese Vorwürfe schwerer, wird mit anderer Heftigkeit diskutiert, ob diese Art des Respektzollens nicht doch eher total respektlos sei. Die Kritiker vergessen dabei, dass der Mann aus Memphis, Tennessee eine ähnliche Brückenfunktion erfüllt wie der 2016 verstorbene Megastar aus Minneapolis, Minnesota, der gleichzeitig schwarz und weiß sein konnte, Mann und Frau, Avantgarde und Mainstream, ein ehrlicher Handwerker und eine verdammte Diva mit dem maximalen Willen zum großen Auftritt.

Timberlake erfüllt eine Brückenfunktion

Video: Justin Timberlakes Auftritt beim Super Bowl 2018
Timberlake mag nicht halb so viel Genie einbringen wie einst Prince. Aber auch er hat die Gabe, die Menschen zu einen wie sonst nur Katzenbabys auf Facebook und manchmal der Sport (der Vollständigkeit halber: 41:33 Eagles, der Ehemann von Gisele Bündchen geschlagen, die leidgestählten Fans aus Philly obenauf). Er ist gut Freund mit Jimmy Fallon, mit Barack Obama und der HipHop-Kultur. Gleichzeitig ist er ein Sohn des Südens, der seine Wurzeln nie versteckt hat, der tatsächlich als so bodenständig und hilfsbereit und um Ausgleich bemüht gilt, wie es sich viele Menschen in den USA von ihren Eliten wünschen und deswegen einen Mann zu ihrem Präsidenten gewählt haben, der vieles ist, nur nicht bodenständig und hilfsbereit und um Ausgleich bemüht.

Der Präsident wurde nicht kritisiert während der Show; das hatte ohnehin niemand erwartet. Auch sonst blieben die Aufreger aus, anders als 2004, als ein balzender Jung-Justin den Nippel seiner Duettpartnerin Janet Jackson und damit auch den Sexismus des US-Unterhaltungbetriebs freilegte, denn Janets Karriere war damit de facto beendet, nicht aber die von Timberlake. Er durfte erneut auf die weltgrößte Bühne. In einem Jahr der politischen Kontroversen um die NFL hätte man diese freilich eher Kendrick Lamar oder zumindest Beyoncé gewünscht. Aber das kann man Timberlake schlecht vorwerfen. Er nahm die Chance auf einen Neustart demütig und dankbar an und lieferte ein solides, bemühtes Medley mit Fokus auf seine ersten beiden Alben und Tanz-Choreografien, die seine berufliche Vergangenheit in einer Boyband mehr als nur erahnen ließen.

Unschuldige Liebe zur Heimat

Justin Timerlake beim Super Bowl 2018

Erst zum Ende, bei seinem jüngsten Nummer-Eins-Hit „Can’t Stop The Feeling!“ zeigte Timberlake, dass er auch ein außergewöhnlicher Sänger ist. Ein Sänger, der klar in einer Traditionslinie, dort aber sehr selbstverständlich für sich steht: der weiße Soulboy und Funkateer, der genau weiß, was er da tut und wem er das zu verdanken hat.

Im Stream: Justin Timberlakes neues Album „Man of the Woods“
Das ist auch die Idee seines neuen Albums MAN OF THE WOODS. Timberlake verbindet darauf seine Persona als Entertainer-für-alle mit seinen Ursprüngen in Tennessee, den produzierten R’n’B und allgemein anschlussfähigen Dance-Pop, der ihn berühmt gemacht, mit dem Blues, Soul, Wurzel-Rock und Country, die ihn geprägt haben. Seinen Willen zum Experiment mit einer ur-amerikanischen Vorstellung davon, was noch echte Musik, was ein richtiger Song sei. Wer möchte, könnte sagen: Das eine Amerika mit dem anderen Amerika und vielleicht sogar noch ein paar andere Amerikas, die in Zeiten der ultimativen Zuspitzung gerne mal vergessen werden. Wer Jonathan Demmes Konzertfilm „Justin Timberlake + the Tennessee Kids“ gesehen hat, weiß, dass es ihm damit ernst ist: die Freude am Zocken mit seiner Band ist unverkennbar echt, die unschuldige Liebe zu seiner Heimat ebenfalls. Timberlake findet sich ziemlich geil, aber nie geiler als die Musik und die Menschen, die sie hören wollen.

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Der Vorwurf der Berechnung oder gar Hybris geht damit ins Leere. MAN OF THE WOODS, das ist er. Leider endet dieses Konzeptalbum weitgehend mit dem Konzept. Es fehlen die Hits, die seinem Ansinnen das nötige Gewicht gäben, seinen beiden in Denim gehüllten Beinen den Boden, auf dem er so selbstbewusst stehen könnte, wie er das gerne täte. Die Patina, die sein fünftes Studioalbum zeigen soll, entpuppt sich beim genauen Hinsehen als Rost auf einer Hit-Maschine, die einfach ein wenig in die Jahre gekommen ist.

Ein aufrichtiger Musiker

Natürlich ist MAN OF THE WOODS kein ganz schlechtes Album. Dafür ist Timberlake zu talentiert, das Team um seine langjährigen Hausproduzenten Timbaland, Danja und die Neptunes zu eingespielt. Die erste Single „Filthy“ etwa kickt wie die ganz großen Timberlake-Stücke, zumindest kurzfristig: Roboterfunk mit überraschenden Wendungen und jenem leicht ungelenken Stelzbock-Swag, den man ein wenig uncool oder irre charmant finden, aber schlicht nicht leugnen kann. „Montana“ und „Higher Higher“ sind slicke, federleichte Discofunk-Schmeichler, die dadurch nicht schlechter werden, dass sie Pharrell alle Naslang aus dem Ärmel schüttelt. Und „Say Something“, ein Duett mit dem Nashville-Star der Stunde, Chris Stapleton, löst tatsächlich das Versprechen der Platte ein. Es ist ein im engen Wortsinn großer Popsong, der keine sinnvollen Worte braucht, um seine Botschaft zu transportieren, um kurz ein wenig Einigkeit zu simulieren.

Dazwischen ist sehr viel Mittelmaß, auf allen Ebenen. Mittelmaß und Justin Timberlake aber gehen schlecht zusammen. Wenn er in dem, was er tut, nicht brilliert, wirkt er plötzlich ein wenig albern, traurig fast. Das steht ihm nicht. Sein Vermächtnis als einer der wenigen wahrhaft großen Unterhalter seiner Generation aber schädigt MAN OF THE WOODS dennoch nicht. Dafür steckt zu viel aufrichtiger Musiker in diesem Kerl aus den Wäldern.

Justin Timerlake beim Super Bowl 2018
Christopher Polk Getty Images