Neil Young – Mirror Ball


Edel sei der Neil, hilfreich und gut. Als generationenübergreifender „Godfather Of Grunge“ und Integrationsfigur der Generation X fühlt sich Herr Young verantwortlich für den seelengestreßten Nachwuchs im Karohemd. Onkel Neil nimmt den ob millionenfacher Plattenverkäufe von Selbstzweifeln zerfressenen Superstar Eddie Vedder bei der Hand, um gewissermaßen als Therapie ein Album mit ihm und seiner Band Pearl Jam einzuspielen. Ein Album, auf dem allerdings Neil Young den Ton angibt, während die nicht weniger prominenten Seattle-Rocker die ßegleitband mimen. So taucht der Name Pearl Jam weder auf dem Albumcover noch in der ohnehin verdächtig zurückhaltenden Werbekampagne von Youngs Plattenfirma auf, und die elf Songs des Albums werden als Neil Young-Kompositionen gelistet. Der Grund: Streitigkeiten zwischen WEA und Sony hinter den Kulissen. Busineß-Geplänkel, das dem musikalischen Gehalt der Zusammenarbeit allerdings keinen Abbruch tut. Das unter der Aufsicht von Pearl )am-Produzent Brendan O’Brien in nur fünf Tagen in Seattle eingespielte Album MIRROR BALL ist nach Neil Youngs eher introvertiertem SLEEPS WITH ANGELS von 1994 die Fortsetzung des feedbackgeschwängerten 9oer-Werks RAGGED GLORY: In roher Live-Atmosphäre, mit exzessiven Gitarrensoli und schneidenden Feedback-Orgien gibt Neil wieder einmal den rauhen Rocker. Und Pearl Jam erledigen dabei einen Job, den Youngs Hausband Crazy Horse sicherlich nicht schlechter getan hätte solide rockendes Handwerk als Grundlage für die musikalischen Verrenkungen des Altmeisters aus San Francisco. Der zeigt einmal mehr, wer die Gitarre im Grenzbereich am besten beherrscht und daß dabei schräge Sounds über Virtuosität und technische Spielereien gehen. Was Pearl ]ams Gitarrist Stone Gossard nur bestätigen kann: „Die Arbeit mit Neil ist absolut locker. Der technische Kram ist ihm egal. Und er hat uns dazu gebracht, genauso darüber zu denken.“ Mit Erfolg. Aus der lockeren Zusammenarbeit gingen zumindest drei Klassiker Youngscher Songwriterkunst hervor: ‚Song X‘, ein elektrifiziertes Seemanns-Shanty, ‚Scenery‘, ein breitangelegtes Epos vom Format eines ‚Cortez The Killer‘ und ‚Peace And Love‘, ein Duett von Young und Vedder mit der denkbar breitesten Palette an Gitarrensounds. Drei Songs, deren allmächtige Präsenz alleine schon ausreicht, um das Album dereinst im Rückblick als das definitive Young-Werk erscheinen zu lassen. Weshalb man Neil Young denn auch kleinere Ausrutscher gerne verzeiht. Wie etwa die zunehmende Tendenz zum Selbstzitat. Da klingt die Gesangsmelodie in ‚Downtown‘ verdächtig nach dem ’86er-Song ‚Bad News Beat‘, und ‚What Happened Yesterday‘ mit Kopfstimme und Harmoniumbegleitung könnte glatt ein vergessenes Fragment zum Filmsong ‚Philadelphia‘ sein. Aber was kümmert’s Mr. Young? Der macht ohnehin, was er will, und wenn er mit dieser Einstellung auch noch suizidgefährdete Grunger vom Freitod abhält, dient es auch noch einem guten Zweck. Oder?