Hirnflimmern

The Nachgeburt of Cool: Was Rammstein, AfD & Klimawandel gemeinsam haben


Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt. Und frittierte Eisenbahnzüge.

„Oh Mann, es gibt so viele coole Sachen, die wir nicht machen!“ Die Klage meines Letztgeborenen schallt in den Abend hinein. Oh shit. Tja, er ist jetzt bald 8, es war eben nur noch eine Frage der Zeit, bis auch er vom Baum dieser ernüchternden Erkenntnis essen würde. Jetzt ist es also raus. Es gibt in der Tat extrem viele coole Sachen, die wir nicht machen, und es werden ja täglich mehr. Ganz genau betrachtet fallen mir kaum coole Sachen ein, die wir actually machen.

Gurkenkrokodil und Käsemäuse

Moment: Zählt für den Musikexpress Kolumnen schreiben? Also bitte! In meiner kleinen Welt ist das fast schon as cool as it gets, aber zieht – sorry! – leider nicht so bei den Spezln in der 2. Klasse. Da müsste man hier auf dem Land als cooler „Däd“ entweder was mit Fußball oder Traktoren mitbringen. Ersteres ist da bei mir Fehlanzeige, und unseren Massey Ferguson 135, Baujahr 1974, kann ich mir zwischen meine Neil-Young- und Steely-Dan-Platten stellen. Also: bildlich gesprochen.

Ein bisschen Frieden: Wie Helge Schneider zuletzt für ordentlich Bohei sorgte

Das gerade noch Beruhigende ist, dass den Buben sein Reality Shock nicht beim Scrollen durch irgendwelche Blogs über Kitesurfen auf Bali, Basejumping in Rio und Dosenstechen in Wacken ereilte, sondern – was ich persönlich ja schon cool genug finde – beim Blättern (!) in einem alten (!!) Koch(!!!)buch(!!!!) mit crazy Food-Deko-Ideen aus den frühen 80ern, Stichwort Gurkenkrokodil und Käsemäuse. Gemüsegesichter. Frittierte Kartoffeleisenbahn. Alles coole Sachen, die wir tatsächlich noch nie gemacht haben.

Warum erzählt er uns das?

Jetzt fragen Sie: Warum erzählt er uns das? Ist dem zu Kopf gestiegen, dass er Kolumnen für den ME schreiben darf? Gegenfrage: Wissen Sie eigentlich, wie weit man die Erde zusammenpressen muss resp. müsste, damit sie ein Schwarzes Loch wird? Da mag man jetzt meinen, das kann nicht mehr so arg viel sein; wenn das hier so weitergeht, implodiert der ganze Laden doch eh bald! Aber es ist doch noch ein gutes Stück – auf 9 mm Durchmesser müsste die Erde komprimiert werden! Da würd’s ganz schön rappeln im Karton, und dann möcht’ ich sehen, wie Merz und Söder DAS auch wieder der Ampel in die Schuhe schieben. Ja, ich gebe zu, ich hab’ wieder „Alpha Centauri“ geschaut, die ganz alten Folgen – kosmologische Exkurse von vor 25 Jahren, der ultimative Eskapismus aus einer irdischen Gegenwart, die dir jeden Tag siebenundsiebzigmal das Herz bricht.

Rammsteins Erfolg ist ein Symptom der Abstumpfung unserer Gesellschaft

Ja ja, 1998. Da gab’s noch keine AfD, kein 9/11 und keine Smartphones, dafür einen Nahost-Friedensprozess, der Klimawandel hieß noch „Ozonloch“, die FDP war frisch aus der Bundesregierung geflogen, es gab noch nicht mal richtig NuMetal, und Rammstein konnte man als Novelty-Band für einen Sommer ansehen. Güldene Zeiten, so betrachtet. Wie? Sie finden es uncool, dass ich jetzt Rammstein, AfD und den Klimawandel in einem Atemzug genannt habe? Und wem gegenüber genau? Egal. Ich schnitz’ jetzt einen Kartoffelzug und hau’ ihn in die Pfanne. Damit hier EINmal was richtig Cooles passiert in diesem Haushalt.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 12/2023.