Ödland Berlin: Kampfgeschrei auf der Suche nach einem Proberaum

Ewig stecken die meisten Musiker in ihrem Wohnzimmer fest und beschallen die Nachbarn. Oder schrammeln noch bei ihren Eltern im Keller schief auf der lauten E-Gitarre herum – dabei ist das Jugendalter schon längst überschritten und jede Woche ist die übrige Band auch nicht wirklich bereit, im familiären Kreis das Sonntagsessen an einem Tisch mit weißer, gebügelter Tischdecke runterzuschlingen. Die Straße zum Proberaum machen geht, spätestens wenn der Winter kommt, auch nicht so wirklich, also machen sich die meisten Bands früher oder später auf die Suche nach einem geschützten, stickigen Raum, in dem sie sich ungestört austoben, Fans einladen und die Verstärker (fast) bis zum Anschlag aufdrehen können. Die Suche für die meisten Musiker beginnt allerdings erst, wenn die Bude bereits brennt, sich die WG-Mitbewohner mit gerissenen Nerven hämmernd und wütend vor der Zimmertür aufbauen und keinen Bock mehr auf die wummernden, strapaziösen Beats Eurer frisch geborenen Hip-Hop-Formation haben.

Proberäume: Es soll sie geben

Und dann trifft es die meisten Chaoten wie ein Schlag und die Erkenntnis kommt: Das Finden eines Proberaums unterscheidet sich in Berlin in keiner Weise von der grausamen, zähen, nahezu unmöglichen Wohnungssuche. Ist ja auch klar, Raum bleibt Raum. Aber man munkelt, es soll sie geben, diese Proberäume. Auch im Proberaum-Ödland Berlin. Manche sind sogar nach Lautstärke sortiert. Unten proben die Musiker, die eher ruhige Tonkunst schaffen und oben darf richtig Radau gemacht werden. So kommen sich keine kreischenden Punker und stillen Pianisten in die Quere. Aber dann kommt es doch zu schönen Begegnungen in so einem Haus voll mit Proberäumen, manchmal wird sogar zusammen gejammt.

Spontan mal Ramba-Zamba machen

Schluss mit dem Gequatsche. Wie kommt ambitionierter Musiker nun an so ein Teil? Die beliebten Proberäume in der Frank-Zappa-Straße sind so gut wie immer ausgebucht, gibt eine Band ihr zweites Zuhause auf, rückt sofort die nächste nach. Rein kommt man ohnehin meist nur mit Vitamin B oder als sehr geduldiger Mensch, der sich auf die Warteliste schreiben lässt. So geht es mit den meisten Proberäumen in Berlin. Für die akute Lust, sich mit der Band zu treffen und ein bisschen Ramba-Zamba zu machen, ist das alles nichts.

Dafür gibt es ein anderes Konzept: Die Noisy Rooms verzichten auf horrend hohe Mieten, die als Solokünstler alleine nur schwer tragbar sind, und setzen stattdessen auf das stundenweise, bei einem Preis von 11 bis 21 Euro sehr günstige und vor allem spontane Einmieten in deren Räume. Die sind sogar unterschiedlich ausgestattet und mitbringen muss man auch nichts, alles – vom Pick über Drumsticks bis zur geilen Klampfe – kann man sich für relativ schmalen Taler ausleihen.

Ein Proberaum bietet Platz zum Rumtoben, Ideen ausarbeiten und Spaß mit der Band.
Ein Proberaum bietet Platz zum Rumtoben, Ideen ausarbeiten und Spaß mit der Band.

Nun sind aber nicht alle Freund der Spontanität und die eigenen vier Wände sind ja doch dem ein oder anderen Drumkit-Besitzer ziemlich wichtig. Eine oft praktizierte Lösung ist die Proberaum-Mitbenutzung. Nur die wenigsten Bands benutzen ihren Proberaum schließlich sieben Tage die Woche und sind daher auf der Suche nach Untermietern, mit denen sich die Miete teilen lässt. Umgekehrt könnt Ihr das Ganze natürlich auch machen: Ihr mietet Euch in einen Proberaum ein, müsst weniger auf den Mietpreis achten, denn Ihr wollt Euch ja noch eine weitere Band ins Boot holen. Egal wie herum, auf jeden Fall solltet Ihr darauf achten, den Proberaum nicht zu überladen: Absprachen bleiben so (hoffentlich) unkompliziert, die Instrumente könnt Ihr einfach stehenlassen und spontane Proben sind eher möglich als mit fünf Bands in einem Raum.

Zum Streuner werden

Egal wie, auf jeden Fall solltet Ihr Eure Fühler ausfahren und beginnen, Euch umzuhören. Bei befreundeten Bands nachfragen, ob wer was kennt oder gehört hat. Vielleicht hat Euer Arbeitgeber einen leerstehenden Kellerraum, der genutzt werden kann. Unis sind immer eine gute Adresse, streunt in Industriegebieten rum und haltet Ausschau nach leerstehenden Gebäuden. Nicht nur punkige Jugendzentren bieten Flächen zum Proben an, da bekommt man neue Kumpels direkt dazu und nebenbei kann man was Gutes tun und gegen die Schließung wichtiger Jugendzentren wie das Drugstore protestieren. Wer nicht so gerne um die Häuser zieht, kann seine Band auch vom Sofa aus weiterbringen und auf Seiten, die sich auf das Auflisten von Annoncen freigewordener Proberäume spezialisiert haben, herumstöbern und sich so einen Proberaum zu eigen machen.

Machbar.

Frankie Cordoba Unsplash

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