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„Bin ich Sonny oder Cher?“ – Karaoke mit Metronomy

von

Joe Mount hat einen Zug drauf, der sprachlos macht. Er setzt die Bierflasche an und atmet ihren Inhalt vollständig ein. Einen halben Liter Heineken macht er in ungefähr 15 Sekunden platt – hoffentlich steht er diesen Abend durch.
Sein Flug hatte Verspätung, er wirkt abgespannt. Als er unsere Wegbiere sieht, die wir zuvor noch schnell beim Späti am Rosenthaler Platz in Berlin gekauft haben, schaut er uns ­voller Dankbarkeit an: „Darf ich eins?“ Na klar!
Joe ist im Training. Heute fast so gut wie ­damals, 2008 – ein Superjahr für Metronomy. Im Sommer erschien ihr erstes wirklich erfolgreiches Album NIGHTS OUT: Hedonismus-Disco-Pop als Ode ans Ausgehen und ­Momente-Genießen. Joe tourte mit seiner Band durch den Festivalsommer, nahm alles mit, was ging – Partys, Mädchen, Drogen. Wenn man aber genau hinsah, war er schüchtern, unsicher, stets von sich selbst peinlich berührt. Das merkt man auch, wenn man sich ein sehr altes ­YouTube-Video ansieht: „Florence meets ­Metronomy“, hochgeladen am 9. Mai 2008. Dort lungert Joe mit keiner Geringeren als ­Florence Welch in London Fields, einem Park im Stadtteil Hackney herum. Sie stellen sich gegen­seitig Fragen, eine unangenehmer als die ­andere. Joe kauert sich zu einem kleinen ­Menschenklumpen zusammen, Florence rupft ständig Grashalme aus der Wiese. „Schon ­damals ahnte ich, dass sie mit Florence + The Machine einmal sehr erfolgreich sein wird und ich eher nicht so“, sagt Joe und setzt in der nächstbesten Bar die nächstbeste Bierflasche an. Heute steht er über den Dingen, muss gütig schmunzeln, wenn er davon erzählt, wie er mit Mitte 20 noch war. Peinlich ist es ihm nicht. Wir bestellen Schnaps.

Wieso kommst du mit dem inhaltlichen Nachfolger von NIGHTS OUT eigentlich ganze acht Jahre später um die Ecke?
Ich hatte das Gefühl, die Menschen dachten damals, ich wäre nur ein elender Glückspilz, der bald wieder von der Bildfläche verschwindet. Das Album als Zufallstreffer sozusagen. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und musste erst noch zwei Alben machen, mit ­denen ich meine Professionalität unter Beweis stellen konnte.
Die meisten hielten NIGHTS OUT aber für unglaublich gelungen. Da hättest du auf die Kritiker doch scheißen können.
Heute, rückblickend: natürlich! Aber ich habe nur die schlechten Rezensionen gelesen. In ­einer stand, meine Musik könne wirklich jeder in seinem Schlafzimmer aufnehmen. Da habe ich mich so reingesteigert! Unsinn, ich weiß.
Ich dachte, der Sommer 2008 war die beste Zeit deines Lebens. Und jetzt stellt sich ­heraus, dass du einfach nur unsicher warst und dich damit selbst in den Wahnsinn ­getrieben hast.
Das war schon super, aber auch die Zeit von Cansei De Ser Sexy, den Klaxons und Late Of The Pier, und ich dachte: „Okay, ich werde in diese Schublade geschoben. Und da gehör’ ich nicht hin. Ich kann auch andere Sachen, mehr als die!“ Und deshalb hab’ ich THE ENGLISH RIVIERA aufgenommen. Und LOVE LETTERS.

metronomy_Peter_Kaaden_2Joe schließt bedächtig die Augen, nickt kurz und faltet seine Hände, um diesem Satz noch mehr Bums zu verliehen. Lange hält er die ­trotzige Pose nicht durch, vielleicht auch, weil sich so langsam alles zu drehen beginnt. Sein Körper wird zu Pudding, und er knüllt sich ­wieder ganz friedlich in seinen Sessel.
Wir bestellen noch mehr Schnaps. Berliner Luft, ein Klassiker. Und wohin soll es als ­Nächstes gehen? „In eine Karaokebar!“, quietscht Joe und donnert sein schätzungsweise sechstes leeres Bier auf den Tisch. Ernsthaft? Na gut, so wird’s gemacht.
Unser Ziel: das „Monster Ronson’s“. Wir schwindeln die Warschauer Straße in Friedrichshain entlang. Am U-Bahn-Eingang spielt eine Polka-Band, vor uns marschiert eine schwarz gekleidete Menschentraube zum Berghain, hinter uns saufen britische Austauschstudenten Drei-Euro-fünfzig-Cocktails auf einer schmierigen Hostel-Veranda. „Sind wir in der Nähe vom ‚Burgermeister‘?“, fragt Joe und blickt zur Oberbaumbrücke, die über die Spree führt. Er observiert seine Umgebung ­akribisch, beteuert aber, noch nicht allzu oft in Berlin gewesen zu sein. Und hat trotzdem recht: Die hippe Burger-Braterei ist keinen ­Kilometer entfernt. Wie kann man sich so b­etrunken noch so gut auskennen?

Foto: Peter Kaaden / Musikexpress


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