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„Bohemian Rhapsody“: Deshalb ruiniert Live Aid den Film über Queen und Freddie Mercury

Vorweg, damit die Überschrift dieses Artikels nicht missverstanden wird: Das Benefizkonzert Live Aid, das 1985 mitunter im Londoner Wembley-Stadion stattfand, ist natürlich nicht schuld daran, dass Bryan Singers Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“ dermaßen misslungen ist wie er eben ist. Das Konzert war zwar ganz toll, der Zweck sowieso. Ruiniert wird der am Mittwoch auch in Deutschland startende Film allerdings durch die Entscheidung, den Auftritt der Band als schicksalshaftes Konzert sowie als dramaturgischen Höhepunkt zu inszenieren. Gleich auf mehreren Ebenen erweist sich dieser Beschluss als fatal.

„Mini Playback Show“ auf der großen Leinwand

Regisseur Bryan Singer, seine Crew und die Darsteller haben Queens Beitrag zu Live Aid eher am Anfang der Produktion des Films abgedreht. Mit viel Aufwand wurden Outfits und Bühnenbild nachgestellt, Mercury-Darsteller Rami Malek lernte die Bewegungen der Rock-Ikone auswendig und imitiert dessen Bewegungen so gut wie möglich. Zur optischen Unterstützung trägt er sogar Prothesen, die seinen Kiefer so markant machen sollen wie den von Mercury.

Vielleicht waren Singer und sein Team so sehr berauscht von ihrer eigenen Liebe zum Detail, dass sie nicht gemerkt haben, was sie da eigentlich drehen: nämlich eine millionenschwere und auf der großen Leinwand völlig deplatzierte Ausgabe der „Mini Playback Show“.

Der Auftritt bei Live Aid ist zwar das große Finale des zweistündigen Films, zugleich aber ein Tiefpunkt in der Karriere des Regisseurs Singer („Die üblichen Verdächtigen“, „X-Men“), der übrigens einige Wochen vor Drehschluss hinwarf. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar, in der Gerüchteküche stehen sowohl Streit mit den Produzenten als auch die Angst vor #MeToo-Enthüllungen auf dem Menü. Vielleicht hat Singer aber auch gemerkt, dass sein Herzensprojekt „Bohemian Rhapsody“ ins Nichts verläuft, ausgehend eben von der dramaturgischen Fehlentscheidung, die den Kinobesuch fast zur Farce werden lässt.

Der Ton kommt aus der Konserve, das Publikum aus dem Computer

Denn nach ohnehin schon zähen 100 Minuten Queen-Vergötterung endet der Film nun in einem Fake-Konzert, das nur ein Drittel kürzer ist als der 28 Minuten lange Original-Auftritt von 1985. Malek sitzt als Mercury am Piano, hetzt vor einem nicht vorhandenen Publikum über die Bühne, im Hintergrund tut Darsteller Gwilym Lee so, als würde er Gitarre spielen können wie Brian May. Letztgenannter war gemeinsam mit Roger Taylor als ausführender Produzent des Films beteiligt und hat abgenickt, dass die berühmte Wembley-Show zu einer Playback-Show vor am Computer erstelltem Publikum verkommt. Zu einer komplett unbeseelten Kopie, deren Sinn sich dem Zuschauer nicht erschließt, egal wie man den Ansatz von Bryan Singer dreht und wendet.

Brian May und Roger Taylor posieren bei der Premiere mit Hauptdarsteller Rami Malek.

Die Alternative zur „Mini Playback Show“ liegt auf der Hand: Hätten tatsächlich musizierende Schauspieler die Soli der Queen-Mitglieder nachgespielt und ein echtes Konzert in der Qualität der anwesenden Produzenten May und Taylor gespielt, hätten diese wahrscheinlich direkt vor Ort Gift getrunken. Denn selbst ein Freddie Mercury war auf das Skillset der beiden angewiesen, was übrigens die unterschwellige Botschaft des Films ist. Das Wembley-Konzert von Queen ist also nicht adäquat nachzustellen, allen Beteiligten hätte dies vorweg klar sein müssen.

Klüger wäre es gewesen, Hauptdarsteller Rami Malek den Mercury solange spielen zu lassen, bis er durch den Vorhang auf die Bühne des Stadions geht. Und dann restaurierte Original-Aufnahmen von 1985 einzuspielen. Videos des Konzerts haben auf YouTube immerhin Millionen Klicks, Queen-Fans würden es sich bestimmt gern mit dem wuchtigen Sound eines Kinosaals anschauen. Stattdessen gibt es nun eben Playback vor einigen Statisten, die via Computer solange dupliziert wurden, bis das Wembley-Stadion mit Pixelbrei gefüllt ist.

Die Biografie als Opfer der Dramaturgie

Das vermeintlich pompöse Finale des Films ist also ein Grauen für die Zuschauer. Es ergibt sich aber noch ein weiteres Problem durch die Entscheidung, „Bohemian Rhapsody“ mit Wembley enden zu lassen. Denn die Geschichte der Band ging nach 1985 noch weiter, und die von Mercury erst recht. Dass er HIV-positiv war, sagte er seinen Bandmitgliedern erst weit nach dem Auftritt im weißen Unterhemd. Auch die versöhnliche Szene, in der Mercury seine Eltern über seine Sexualität aufklärt, fand nicht wenige Stunden vor Live Aid, sondern erst viel später statt. Die Kollegen vom Rolling Stone haben gleich eine ganze Reihe von zeitlichen Umdeutungen ausgemacht, durch die die Band-Biografie nun verwässert wird. „May und Taylor schien es auch wichtig gewesen zu sein, die Bandmitglieder noch vor „Live Aid“ von Freddies HIV-Infektion erfahren zu lassen, deren einfühlsame Reaktionen zu zeigen“, schreiben die Kollegen in Bezug auf die problematische Produzentenrolle der verbliebenen Queen-Größen.

Live Aid als Finale und Höhepunkt Queens zu erklären, wirkt sich also auch verheerend auf die Zeitlinie und somit die Authentizität des Films aus. Mercury soll laut Bryan Singer in voller Pracht so aus dem Film gehen, wie ihn die meisten Leute auch in Erinnerung hatten. Berauscht von der Liebe der Fans auf der Bühne des Stadions. Alle wichtigen Informationen zu seinem Privatleben, seiner Sexualität und seiner Krankheit mussten dementsprechend also halbherzig zuvor untergebracht werden.

Queen-Kenner werden sich über diese fehlerhaften Outfits und Szenen und Abfolge der Ereignisse nun das Maul zerreißen. Und sich daran erfreuen, dass sie die Geschichte der Band akkurater wiedergeben können als es „Bohemian Rhapsody“ vermag. Wahrscheinlich ist dies die einzige Möglichkeit, diesen Film zu genießen.

„Bohemian Rhapsody“ läuft seit dem 31. Oktober bundesweit in den deutschen Kinos. Der Film feierte seine Premiere eine Woche zuvor in Wembley. Dort, wo er eben auch endet. 

Mike Marsland Mike Marsland/WireImage

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