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Nachbericht

Superstar der Indieherzen: So war’s bei Bon Iver live in Berlin

Dass Justin Vernon kleine Lieder ganz groß singen kann, weiß man schon seit seinem Folkrock-Kleinod FOR EMMA FOREVER AGO (das Anfang des Jahres Zehnjähriges feierte); seit er „Skinny Love“ in Treppenhäusern und Wohnzimmern gesungen hat. Dass er intime Momente auch in großen Hallen erschaffen und seine gar nicht mehr so kleinen Lieder ganz groß inszenieren kann, hätte man seit dem von seiner Zusammenarbeit mit James Blake und Kanye West (Post-Dubstep, HipHop, Autotune) beeinflussten dritten Album 22, A MILLION, spätestens aber seit seiner Dezembershow 2016 im „Pioneer Works“-Kulturzentrum in Brooklyn wissen können – in voller und beeindruckender Länge nachzusehen auf YouTube.

Die Sorge, die Max-Schmeling-Halle – im Februar 2017 sollten Bon Iver im Tempodrom auftreten, die Show wurde aus persönlichen Gründen abgesagt; im September des gleichen Jahres stellte Vernon sein neues Album im Michelberger Hotel vor – wäre zu mehrzweckmäßig für ihn, war damit eigentlich schon im Vorfeld unbegründet. Am Freitagabend räumte er aber auch die letzten Zweifel aus.

Bon Iver, wie Vernon sein bekanntestes, mit einem Grammy ausgezeichnetes Ein-Mann-Projekt und gleichzeitig seine Liveband nennt, betreten um 20:15 Uhr die Bühne. Vorband gab es keine. Sie eröffnen mit „22 (OVER SOON)“, dem Opener des aktuellen Albums – und es dauert nur wenige Minuten, bis jedem der rund 10.000 Zuschauer klar wird, dass diese Hallengröße nicht nur ihrer Nachfrage geschuldet ist: Bon Iver, das sind auf der aktuellen Tour neben Vernon und vier weiteren Stammmitgliedern (darunter zwei Schlagzeuger) mindestens drei weitere Blasmusiker, gefühlt stehen hier in den folgenden zwei Stunden zwei Handvoll Künstler auf der Bühne. Den Platz, den sie brauchen, nimmt sich ihre Musik wie von selbst.

Das erste Highlight an einem Abend ausnahmloser Highlights ist „29 #Strafford APTS“, ebenfalls vom aktuellen 22, A MILLION, dessen Stücke auch das Berlin-Konzert dominieren. Neben seinem zwischen Dies- und Jenseits schwebendem und längst ikonischem Falsettgesang gehört es zu Vernons größten Songwriter-Stärken, verschwenderisch agieren zu können, es aber nie zu tun: Auf Ideen wie dem „Refrain“ dieses Liedes – in der Studioversion zum ersten Mal zwischen Minute 1 und 1:20 zu hören – würden andere ganze Songs aufbauen. Vernon belässt es heute einfach dabei, ohne Wiederholung.

Justin Vernon, ein herrlich untypischer Popstar – der es sich nicht zu einfach macht

Er legt mit seiner 2014 erschienenen Non-Album-Single „Heavenly Father“ nach und beweist auch – wenn schon kaum durch seine kargen Ansagen – durch die Auswahl der zwei folgenden Songs, dass er und Berlin eine besondere Beziehung haben: Das ganz wunderbare und nur auf der Akustischen vorgetragene „Re:Stacks“ vom Debüt stand während der laufenden Tour erst zweimal auf der Setlist, „Blood Bank“ von der gleichnamigen EP mit Kanye West erst einmal. Und hey, sein so fragwürdiges Feature mit Eminem lässt er aus – als ob jemals was anderes zu Debatte gestanden hätte. Es folgt nach neun beeindruckenden Songs: eine rund 15-minütige Pause, wie im Theater. Muss man sich erstmal erlauben können!

Es zeigt sich erneut: Der eigentlich unscheinbare Vernon ist der untypische Popstar, der er seit Jahren ist. Bei den Grammys 2012 war dieser bärtige Kauz in vier Kategorien nominiert und setzte sich als „Best New Artist“ gegen Nicki Minaj und Skrillex durch. Auch heute bindet er sich nach ein paar Songs sein Stirnband um, setzt Kopfhörer auf und lässt seine Musik noch mehr für sich sprechen als zuvor. Mit der ähnlich beliebten wie bekannten Rockband The National verbindet Vernon nicht nur eine Freundschaft und ihre Verbundenheit zu Berlin (siehe auch: People Festival), sondern einen Ansatz, den sich viele andere Künstler nicht leisten können: Beide könnten sie ohne weiteres Radio-Rock- beziehungsweise Popsongs schreiben. Beiden wäre das zu einfach und anspruchslos.

Nach der Pause spielen Vernon und Band sich und ihr Publikum neun weitere Songs lang (oder kurz, je nach Sichtweise) tiefer in einen Rausch: „Perth“ und „Holocene“ vom zweiten Album BON IVER funktionieren auch live wie Brücken zwischen dem alten und dem neuen Sound Bon Ivers, zwischen kleinem Folk und großer, elektronischer Inszenierung. Das Stroboskoplicht und die Scheinwerfer flackern immer gefährlicher, das Set endet mit dem obligatorischen Finale „Creature Fear“ in einem Postrock-Crescendo, das Mogwais Barry Burns bis in seine Neuköllner Bar „Das Gift“ gehört haben müsste.

Vor zwei Zugaben kommt Vernon alleine zurück. Erst „Calgary“. Und zum Schluss spielt er es doch, „Skinny Love“. Das „Everlong“ für Indiemädchen, das Birdy einst coverte und einer jüngeren Generation erschloss. Und das nun mutmaßlich einheitlich Gänsehaut tragende Publikum zwischen 25 und 50 beweist, dass nichts deplatzierter und verkürzter ist, als im Zusammenhang mit Bon Iver noch von Indiemädchen zu sprechen. Songwriter und Buchautor Nicholas Müller (Von Brücken, ehem. Jupiter Jones) sah Bon Iver viermal im vergangenen Jahr live und resümiert auf Facebook treffend wie einst Schmelings Faust und heute Vernons Stimme: „Berlin, Du zerlumpter Haufen. Gestern warst Du schön wie nie. Bon Iver die 4te in‘ bisschen mehr als 365 Tagen, der Gürtel geht an Schmeling. Puh ey!“

Bon Iver live am 26. Oktober 2018 in Berlin – die Setlist:

Bon Iver Setlist Max-Schmeling-Halle, Berlin, Germany 2018, 22, A Million Tour

Bon Iver live in Berlin am 26. Oktober 2018 – Videos und Fotos:

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