Highlight: Musiker erzählen von den Abenteuern, die sie erlebt haben als die Berliner Mauer fiel

Nachbericht

Cher live 2019 in Berlin: „Und was macht eure Oma heute Abend?“

Man kann nicht über Cher reden, ohne ihr Alter zu thematisieren. Deshalb gleich vorweg: Ja, Cher ist 73 Jahre alt. Eine mutige und beinahe lebensmüde (aber auch lukrative) Entscheidung, sich in diesem Alter nochmal eine Welttournee mit 82 Terminen in 74 Städten (davon 19 in Europa, davor 14 in Australien und Neuseeland, 34 in Nordamerika, danach nochmal 15 in Nordamerika, Ende ist am 19. Dezember in Dallas) ans Bein zu binden, oder? Könnte man meinen. Aber Cher wäre nicht Cher, wenn sie diesen Umstand im Laufe ihres Konzerts in der Mercedes-Benz Arena in Berlin nicht selbst mehrfach, ironisch und herzlich ansprechen würde. Und wenn dieses Konzert nicht einem Best-Of ihres Lebenswerks im Las-Vegas-Style geglichen hätte.

Die ersten Minuten vermitteln ein unsicheres Gefühl. Verspätet, gegen 21:20 Uhr und nach lauter werdenden Pfiffen in der bis unters Dach ausverkauften Mehrzweckhalle fällt der Vorhang und Cher betritt, nein, beschwebt die Bühne. In einem goldenen Stehthron wird sie engelsgleich und mit blauer Perücke, ein bisschen wie Galactica aus „Hallo Spencer“, von der Decke hinabgelassen. Unten warten ihre Tänzerinnen und Tänzer im Römer-Outfit sowie eine Liveband auf ihre Anführerin. Die tut sich sichtbar schwer, in der Choreografie zum Opener „Woman’s World“ nicht unterzugehen. Der Gesang scheint hier noch Playback zu sein, es entsteht auch dank der auf die Leinwände projizierten Nahaufnahmen der Eindruck: Diese Tour hält die Gute doch nicht mehr bis zum Schluss aus. Mindestens für den heutigen Abend aber wird gelten: Der erste Eindruck hat getäuscht.

Cher, die Beyoncé der Generation Ü50

Nach dem zweiten Song „Strong Enough“ von ihrem 22. Studioalbum BELIEVE (1998), setzt Cher zu einer zentralen Rede an: Nach ein paar Scherzen über ihre Deutschkenntnisse und David Letterman („die unsympathischere Version von Thomas Gottschalk“) erinnert sie sich an ihren 40. Geburtstag. Damals musste sich die Schauspielerin und Sängerin unter anderem von Jack Nicholson anhören, dass sie nun zu alt für bestimmte Rollen sei. Die Geschichte gab ihr recht: „Nur weil du alt bist, bist du nicht zwingend weg vom Fenster“, so ihr Fazit, und, in bester Cindy-Lauper- oder Sheryl-Crow-Manier: „Girls can do anything they wanna do.“ Bevor Cher sich in die Garderobe zum nächsten von noch sehr vielen kommenden Kostüm-, Perücken- und Kulissenwechseln verabschiedet, stellt sie noch eine rhetorische Frage an ihr Publikum: „What is your granny doing tonight?“ – „Was macht eure Oma heute Abend?“ Spätestens in dieser Sekunde hatte Cher alle für sich gewonnen. Die älteren Damen und Herren unter den Zuschauern, ihre Fans aus der LGBTQ*-Community, für die sie auch eine Heldin ist, die Ticketkäufer, die die Chance nutzen wollten, einen der noch wenigen ganz großen Popstars vielleicht zum letzten Mal live zu sehen. Und es stimmt ja: Cher ist die Beyoncé der Generation Ü50. Und Beyoncé die Cher der Millenials.



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