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Kommentar

Das Gute am Besten: Warum Compilations besser sind als ihr Ruf

Hand aufs Herz – wir alle hatten ihn schon mal drauf, diesen leicht abschätzigen Blick mit gehobener Augenbraue auf die Plattensammlung von Freunden, die da, wo das Gesamtwerk der Beatles strahlen sollte, lediglich das „rote“ und/ oder das „blaue Album“ stehen haben – oder, noch verwerflicher: nur die 1. Pah! Anfänger! Dabei sind das drei perfekte Platten. Sicherlich die besten der besten Band der Geschichte. Und kann irgendein Studioalbum der Schweden mit ABBA GOLD mithalten?

Best-ofs, Very-best-ofs, Greatest Hits, The Essentials und wie sie alle heißen, haben einen denkbar schlechten Ruf beim Connaisseur. Auch bei Bands sind sie meist unbeliebt – zumindest vordergründig, stellen sie doch auch eine gewaltige Einnahmequelle dar (das gegen den Willen der Band veröffentlichte HOT ROCKS 1964–1971 ist etwa das am häufigsten verkaufte Album der Rolling Stones). So hält man es Gruppen wie Metallica und AC/DC, deren Schaffen man vielleicht nicht unbedingt liebt, zugute, dass sie immerhin noch keine Hit-Sammlungen veröffentlicht haben. Dass sie diesen Sell-out nicht mitmachen. Dabei pochen wir auf „Authentizität“ und vergessen, dass bis ca. SGT. PEPPER’S… Alben dazu dienten, bereits veröffentlichte Singles zusammenzuführen, und ignorieren, dass jeder Tonträger ein Konsumprodukt darstellt, das entsprechend beworben wird und das man eigentlich (großes „eigentlich“!) nur gegen Geld bekommt. Geld, das man nicht unbedingt immer im Überschuss hat. Gerade nicht als minderjähriger Musikbegeisterter, der mit seinem Taschengeld haushalten muss. Der sich nicht auf Anhieb alles von QUEEN bis zum FLASH GORDON-Soundtrack leisten kann. Bei dem es eben erst mal nur für GREATEST HITS von Queen reicht. Als Gegenwert für den Inhalt seines Sparschweins bekommt er dann 57 Minuten und 20 Sekunden Brillanz. Weshalb sollte man sich dafür schämen? In wie vielen von uns haben Werkschauen wie die bisher genannten schließlich das ewige Feuer der Leidenschaft für Popmusik entfacht? Und rümpft der Komplettist vielleicht deshalb die Nase, weil er sich ärgert, viel für das Gesamtwerk einer Band bezahlt zu haben, von der er ins­ geheim nur die Singles hört, die es auf einmal zum Schleuderpreis für jedermann gibt?

Schwierig wird es natürlich bei den Kräften hinter solchen Kompi­lationen. Darf man seine Freude an einer inhaltlich ausnahmslos meisterhaften Zusammenstellung wie RADIOHEAD: THE BEST OF haben, wenn die böse Plattenfirma und nicht die Band dafür ver­antwortlich zeichnet? Oder, weiter gedacht: Was unterscheidet ein solches „Gut“ von seelenlosen Hitkopplungen von Verramsch­häusern wie K­Tel? Und resultiert federführende Beteiligung der Künstler per se in einem zufrie­denstellenden Ergebnis? Neh­men wir das eigenwillig von Noel Gallagher ersponnene erste Best­ of von Oasis, STOP THE CLOCKS: viele B­-Seiten, die schon auf der B-­Seiten-­Kollektion THE MASTER­ PLAN zu haben waren, dafür feh­len A-­Seiten wie „Whatever“, eins der nachhaltig beliebtesten Stü­cke der Gruppe. Wobei solche Entscheidungen natürlich auch immer Aufschluss über die Selbst­einschätzung des Künstlers geben und so als kreatives Statement Teil dessen Kosmos werden.

Im Zeitalter von Spotify stellen sich solche Fragen freilich kaum noch. An individuellen Vorlieben ausgerichtete Playlists ersetzen auch Krampftaten wie die alles andere als immaculate – fehler­freie – THE IMMACULATE COLLEC­TION von Madonna. Alle Songs ihres absoluten Bestsellers von 1990 wurden so gekürzt, dass sie auf nur eine CD passen. Hinterfot­zige „Greatest Hits“, die auf wich­tige Greatest Hits verzichten, wie Jay­Zs THE HITS COLLECTION ohne „Sunshine“ und die erste ihrer Art von Aerosmith (kein „Mama Kin“, kein „Toys In The Attic“ – egal, hat dennoch Elffach-­Platinstatus in den USA), damit man die dann extra erwerben muss, gehören so auch der dunklen Vergangenheit an.

Compilations können auch (unfreiwillig) komisch sein

Wozu Playlists allerdings weni­ger gut imstande sind: einem ein Grinsen abzuringen. Das können in diesem Kontext nur Compilations, die sich selbst ein Bein stellen,
wie TWO PRINCES: THE BEST OF SPIN DOCTORS. Dieser eine Song ist also das Beste der Band. Die anderen Songs auf der Tracklist darf man getrost ignorieren. Auch ehrlich benannt, in diesem Fall aber besser durchdacht, ist GREATEST HIT (…AND 21 OTHER PRETTY COOL SONGS) von Dream Theater, die gar nicht so tun, als hätten sie neben „Pull Me Under“ noch ein anderes bekanntes Lied. Und was sich Britney Spears wohl dabei gedacht hat, ihre erste Best­-of ausgerechnet nach einer gefloppten Coverversion, „My Pre­rogative“, und keinem ihrer eige­nen Welthits zu benennen? Nicht zu vergessen auch Spaßvögel wie Cockney Rejects, die ihr Debütal­bum GREATEST HITS nannten, oder die erste CD von Helge Schneider, SEINE GRÖSSTEN ERFOLGE.

Natürlich sind Best­-ofs geschönte Realität, der Instagram-­Filter über jeder Diskografie. Fehlgriffe werden – wenn sie sich nicht wie bescheuert oft verkauft haben wie Bowies und Jaggers „Dancing In The Street“ – in der Regel ebenso ignoriert wie Experimente. So ver­wehren einem selbst die eingangs erwähnten Beatles­-Werkschauen das ganze Ausmaß der Abenteu­erlust der Fab Four in deren zwei­ter Karrierehälfte. Kein „Tomorrow Never Knows“ auf 1962–1966, und schon gar kein „Revolution 9“ auf 1967–1970. Aber die Liebe zur Musik beginnt eben wie jede Liebe – mit der rosa Brille oder eben dem rosa Hörrohr. Die anstrengenden Sei­ten der/s Bewunderten erfährt man noch früh genug.

Dieser Text ist zuerst im „Reissues-Special“ im Musikexpress 12/2016 erschienen. Die weiteren Themen:

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