Highlight: Coming Soon: Neue Alben, die 2020 erscheinen oder schon erschienen sind

Jahresrückblick

Die 50 besten Platten des Jahres 2018

Platz 1: International Music – DIE BESTEN JAHRE

Staatsakt/Universal (VÖ: 27.4.)

Soweit das Offensichtliche: „Dieser Ort ist eine Kneipe, dieser Ort ist eine Bar“, singt die Gruppe International Music maximal unbeteiligt in einem Stück, das so heißt, wie sich ihr Debütalbum DIE BESTEN JAHRE anhört: „Kneipe“. Doch, man könnte behaupten, die repetitive, rhythmisch verschleppte Musik dieses Trios aus Essen sei vertontes Nussholzmobiliar im Kippenqualm; ein Ort für gefühlige Trinkerromantik ist ihre Bar deshalb noch lange nicht. Vielmehr ein warmer, aber einsamer Raum, in dem Menschen mit verschlossenen Gesichtern die Stockflecken auf dem Tresen begucken. Hier ist immer was falsch, mal hat man zwar frisch gewichste Schuhe, „so schwarz wie ein Klavier“, dafür nicht genug Kohle, Rosen und Raketen, „um ein Mädchen zu entführen“.

Aber dieser Raum, dieses Album ist noch mehr, denn nicht umsonst heißt es ja weiter im Song: „Dieser Ort ist gar nicht da.“ Mit der Kneipentür haben International Music das Portal zu einem utopischen Raum aufgestoßen, durch den die Tonsequenzen der Geschichte hallen: die mit schweren Lidern gespielte Psychedelik von The Velvet Underground, der Krautrock von Can, der todesromantische Shoegaze von The Jesus And Mary Chain, der NDW von Trio. Alles klingt vertraut, alles klingt fremd.

Was man also weiß: Peter Rubel und Pedro Crescenti, die gemeinsam die ebenso wundervolle Band The Düsseldorf Düsterboys betreiben, und der Schlagzeuger und Maler Joel Roters sind prima Pop-Archivare. Was man noch weiß: Die drei leben im Ruhrgebiet aus Überzeugung. Und das war’s dann auch bald, denn obwohl International Music in den letzten Monaten Interviews im Akkord gegeben haben, sind sie irgendwie umhingekommen, viel Persönliches preiszugeben.

Wer sich so auf Understatement versteht, der weiß zum Glück: Schwere Gedanken beschreibt man, wenn überhaupt, nicht mit von tausend Textern abgenutzten Begriffen. Also singen International Music von Hummern und Trommeln statt von Trauer und Hass, und es kann diese Lyrik nur als Dada abheften, wer so gar nicht hinhören will, wenn sich zwischen den kerzengeraden Worten Welten auftun – selbst in schlichten Liebesliedern. Zum Beispiel für das „Country Girl“, dem Rubel und Crescenti im Duett attestieren: „Du bist elektrisch regenerativ, dein Mund ist gerade, deine Lippen sind schief.“ Wann glaubte man je nach zwölf Wörtern so genau zu wissen, was das für ein Girl ist, das da sein Pulver „in die whole wide world“ verschießt? Wer hätte gedacht, dass dieses sperrige Deutsch-Englisch- Mashup auch anderen Sängern als Andreas Spechtl so gut zu Gesicht steht? Wie viele Diskurspop-Schwurbeleien erreichten in Sachen Gesellschaftsanalyse zuletzt die Wucht von „Cool bleiben“, in dem International Music die Zwänge der Zeit auf die knappe Formel „Frauen müssen geil sein, Männer müssen cool sein, Jobs müssen Geld bringen“ herunterbrechen? Oder ist am Ende alles ganz anders – und man sollte Worte an stockfleckigen Tresen grundsätzlich nicht so ernst nehmen?

Toll, dass man dieses Jahr mal wieder Rockmusik hören und sich dabei so wundern durfte. Noch toller, dass International Music auf DIE BESTEN JAHRE zwar ständig vom Scheitern singen, dabei aber das verflixte Kunststück schaffen, sich stilbewusst durch die Pophistorie der 60er- bis 80er-Jahre zu zitieren und dabei allein wie sie selbst zu klingen. Das ist rar, das ist wunderschön und wichtig für alle, die ihre Gitarre und ihr Bier mit in die Zukunft nehmen wollen. Wer nämlich glaubt, im Rock seien alle Fragen schon gestellt worden, die großen und die kleinen, die nach dem you und dem me und nach all der love, den fragen nun International Music: „Warum schreibst du den Hasen nicht mit ‚H‘?“ Julia Lorenz

Das hier waren übrigens unsere Top-50-Alben des Vorjahres – für Vergleichs-Nerds und Listen-Fans:

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