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Meinung

Die Ärzte waren schon immer politisch – nicht erst seit Farin Urlaubs Kommentar

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Der Reflex ist gelernt und natürlich zu großen Teilen inszeniert: Immer wenn eine Band in der Kampfklasse von Die Ärzte oder Die Toten Hosen eine konkrete politische Äußerung macht, wird man unter den Meldungen dazu hunderte Kommentare finden, die kläffen: „Macht lieber Musik und nicht Politik!“ Oder aber seltsame Menschen mit seltsamen Profilen und wenigen virtuellen Freunden schreiben: „Ich fand euch ja bisher immer dufte, aber jetzt habt ihr es euch echt verscherzt!“ So war es auch wieder nach dem Posting von Farin Urlaub, das er im Gästebuch seiner eigenen Website veröffentlichte. Dort tummelt sich nun Zuspruch und Ablehnung – manche Fans hadern mit nachvollziehbarer Argumentation mit den Grünen, andere stimmen zu, wieder andere Postings wirken, als hätten sich die Kommentierenden erst gestern dort angemeldet und noch nie einen Song von ihm gehört.

Wie auch immer man zu der Sache steht: Erst einmal hat Farin ja selbst geschrieben, was von seinem Statement zu halten ist. „Es geht mich nichts an, wen Ihr im September wählt, und ich bin ohnehin immer der Meinung, daß jede/r selbst nachdenken und sich informieren sollte.“ Da könnte man die Sache ja schon auf sich beruhen lassen – und dann einfach wählen, wen man will. Aber es stimmt natürlich, dass alle Mitglieder von Die Ärzte um ihre Reichweite wissen. Und diese immer wieder für politische Äußerungen genutzt haben. Selbst für konkrete Wahlempfehlungen. Wir haben mal ein paar Beispiele aus ihrer jüngsten Vergangenheit zusammengestellt.

Eine Wahlempfehlung von Bela B Felsenheimer

Schon 2019 sprach ein Mitglied der besten Band der Welt eine wirkliche Wahlempfehlung aus. Mit Nennung der Partei – und sogar in Anwesenheit der Kandidatin. „Literat, Musiker, Arzt und Influencer“ Bela B sprach sich im Rahmen der Europawahl dafür aus, Lisa Bombe von der Partei Die Partei ins Europaparlament zu wählen. Sehr stilvoll sieht das aus: Das Sakko sitzt, das Hemd ist offen, und ein Bier in der Hand hat er auch.

„Schrei nach Liebe“

Allein die Tatsache, dass dieses Lied beim großen Leserinnen- und Leservoting auf Platz 1 unserer Liste „Die Ärzte: Das hier sind ihre 50 besten Songs (laut Euch)“ landete, spricht doch wohl Bände. Als Reaktion auf die fremdenfeindlichen Angriffe in Rostock-Lichtenhagen und Solingen 1992 geschrieben, hat „Schrei nach Liebe“ in Zeiten von PEGIDA und AfD wieder an Bedeutung und Wucht gewonnen. Die Ärzte haben das durchaus mitbekommen (was auch daran lag, dass die Fans den Song wieder an die Chart-Spitze brachten) – und das Lied dann selbst als beste Waffe und politisches Statement eingesetzt. Zum Beispiel bei einer frühen Comeback-Show beim „Jamel rockt den Förster“. Das Festival ist wohl die politischste Veranstaltung, auf der man als Band spielen kann, da es in unmittelbarer Nachbarschaft von gut organisierten Nazis stattfindet. Die haben sich in den vergangenen Jahren im kleinen Dorf in Nordwestmecklenburg ausgebreitet, was Jamel den undankbaren, aber leider passenden Titel „Nazi-Dorf“ einbrachte. Der erste kurze Gig nach langer Zeit von Die Ärzte in Originalbesetzung war eine bewusst platzierte Überraschung, die man hier sehen kann:

Die Ärzte als Botschafter für die durch Corona angeschlagene Kulturbranche

Mit ihrem Auftritt bei den „ARD Tagesthemen“ im Herbst des vergangenen Jahres schrieben Die Ärzte wohl Fernsehgeschichte. Sie durften die Eröffnungsmelodie der Nachrichtensendung spielen – ein Novum. Beim Interview mit Ingo Zamperoni zeigten sie sich dann als emphatisches und gut informiertes Sprachrohr für die Interessen und Nöte der Live-Branche, die durch Corona ausgeknockt wurde. Dabei stellten Die Ärzte zum Glück klar, dass sie selbst ganz gut dastehen und auch ohne finanzielle Hilfe durchkommen, warben dann aber zur besten Sendezeit für mehr Bereitschaft der Politik, der Branche zu helfen.

All die Seitenhiebe bei ihren Konzerten

Die Ärzte reden bei ihren Konzerten bekanntlich gerne. Und viel. Was manchmal den Reiz ihrer Shows ausmacht. Wer ein paar Konzerte von ihnen gesehen hat, kriegt mit der Zeit jedenfalls eine ziemlich genaue Vorstellung davon, welche Parteien sie mögen – oder eher: welche nicht. Da haben sie nämlich nie einen Hehl draus gemacht. Bela und Farin nutzen ihre Bühne dabei immer wieder mal, um das politische Geschehen in Deutschland zu kommentieren. So sorgten nach ihrem Comeback beim Rock am Ring einige Seitenhiebe für Schlagzeilen, Schnappatmung und entrüstete CDU-Tweets, die das „menschenverachtend“ fanden. Farin moderierte „Schrei nach Liebe“ zum Beispiel so an: „Früher war das als Statement gegen Skinheads gemeint, heute sehen die anders aus. Zum Beispiel tragen sie Dackel-Krawatten…“. Womit natürlich der AfD-Gauland gemeint war. Bela sorgte dann für den CDU-Diss, als er nach „Deine Schuld“ eine besondere Widmung aussprach: „Ein Lied für AKK, Julia Klöckner, die CDU und den verdammten Rest.“

Bela B: „Unpolitisch sind wir definitiv nicht – das ist für mich als Künstler auch keine Option.“

Letzter Punkt unserer nicht sehr überraschenden Beweisführung: Die Ärzte sagen immer wieder, dass sie politisch sind. Und schreiben politische Lieder. Nicht nur, aber eben auch. Im Band-Interview mit der österreichischen Zeitschrift „profil“ sagt Bela zum Beispiel: „Wir sind keine Journalisten und keine Nachrichtensendung. Wir sind Musiker, die in drei Minuten Geschichten erzählen, manchmal schlagwortartig, manchmal dadaistisch, gelegentlich ausufernd oder lyrisch. Die politischen Themen, die wir auf dem Album verhandeln – von Wutbürgern, Verschwörungstheorien bis zum Krieg in Syrien –,werden als Teil unserer Lebenswirklichkeit erzählt. […] Unpolitisch sind wir definitiv nicht – das ist für mich als Künstler auch keine Option.“ Deutlicher kann man ja kaum werden. Wobei Rod in einem anderen Gespräch der Band mit dem Berliner Stadtmagazin „tip“ klarstellt: „Dass es so viele politische Lieder auf ‚HELL‘ gibt, das liegt, glaube ich, auch einfach daran, wie die Welt ist: Da hat sich, während Die Ärzte Pause gemacht haben, ja nichts verändert. Es ist eher noch schlimmer geworden. Diese Themen wie AfD, Querdenker oder die Identitären, die lagen einfach in der Luft, und die gehen an uns natürlich nicht vorbei. Aber ein Kalkül, dass wir als politische Band wahrgenommen werden wollten, das gab es überhaupt nicht.“

So macht man es halt auf die smarte Weise: Man verheimlicht nicht, wo man politisch steht. Und äußert sich, wenn einem danach ist. Als Fan kann man sich dann drüber freuen, zustimmen, sich drüber ärgern oder sonstwas. Denn, da sind wir wieder bei Farin und seinem Statement: „Ich bin ohnehin immer der Meinung, daß jede/r selbst nachdenken und sich informieren sollte.“


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