Urbane Hochzeiten und Vintage-Liebe

Irgendwann tauchte es auf, das erste Bild einer Hochzeit im 90er-Jahre-Vintagekleid in Las Vegas: Typ mit Bart, Frau mit pinken Haaren, Turnschuhe in Weiß. Wochen später dann das erste Bild vom Heiratsantrag auf Bali in der Facebook-Timeline. So ging das los. Allerfeinste Instagram-Optik, Liebesfilter, Glück für alle, für alle teilbar.

Irgendwann wurde klar: Es gibt einen neuen Heiratstrend bei den jungen Leuten. Was in den 70ern und 80ern undenkbar war – Verrat an der eigenen Generation und so –, ist wieder das icing on the cake des modernen Städters unter 30. Was früher spießig war, was in den ländlichen Regionen noch als gesellschaftliche Konvention galt, kommt zurück in die Stadt, in die in dunklen Trendfarben gestrichenen Altbauten des Äthetikers. Dabei werden ländliche Traditionen in den urbanen Raum übertragen, modernisiert, angepasst: Das Hochzeitskleid wird kürzer, die Feier länger. Den Pfarrer ersetzt der socialite aus dem Freundeskreis, mit Vortragserfahrung und geisteswissenschaftlichem Studium, weil alle ihn für nahezu geistlich halten. Der Polterabend wird in den Club verlegt, und zerbrochen werden da nur die Ecstasy-Tabletten. Heute werden wieder Brautsträuße gefangen, aber ohne Unmengen an Rosen, sondern eher bestehend aus Fettblattpflanzen und Sukkulenten, dickfleischige, saftvolle, urzeitliche Gewächse. Dafür gibt es Blumen im Haar der Braut. Wobei, der Trend dürfte im nächsten Hochzeitssommer auch langsam vorbei sein. Was aber sicher bleibt, sind Brautpaare mit Sonnenbrillen. Unbedingt Sonnenbrillen! Spiegel dich im Glanze ihres Blickes!

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2014 wurden laut Statistischem Bundesamt 12.000 Ehen mehr geschlossen als im Jahr zuvor; wie viele davon die Liebe von urbanen Millennials offiziell machten, wird nicht ausgewiesen. Zahlenmäßig ist dieses Phänomen also noch nicht genau zu belegen, aber die Hipsterbrille gab es bei H&M ja auch nicht sofort. Vor der Statistik steht der Trend. Jeder kennt heute einen DJ, der jetzt Tierarzt ist und nach ein paar Monaten Beziehung seine Freundin heiratet, einen Grafiker, der seiner Modelfreundin einen Antrag gemacht hat, die Freundin des hippen Anzeigenblättchenmachers, die die Verlobung wortreich, aber stilarm auf Facebook verkündet.

hipsta0082Wer in der Nähe des Kreuzberger Standesamts wohnt, kann den Hochzeitstrend bestätigen, er zeigt sich in der Tandemdichte. Das junge Paar fährt nämlich mit einem Tandem vom Standesamt zur Feier – oder mit einem Oldtimer. Wirklich Tandem. Warum das Heiraten bei jungen Menschen plötzlich wieder angesagt ist, kann man nur vermuten: Steuerliche Vorteile oder Kinder sind es eher selten, weil oft beide gut verdienen und Kinder dabei eher störend sind. Auch die Erhöhung des sozialen Status ist es nur in Ausnahmefällen. Es hat oft gänzlich emotionale Gründe. In Zeiten der Krise wird die Sicherheit der kleinen Zelle wieder attraktiver, und dass die Liebe nicht ewig bleiben muss, weiß ja heute fast jeder aus erster Hand, Generation Trennungskind, die Stabilität, die die Patchwork Familie nie bot, wird nun in der eigenen Beziehung gesucht. Eine Flucht in eine vergangene Zeit, in der die Zukunft so gut schien, wie uns heute das Früher vorkommt.

Bei den einen ist es die größtmögliche Form von Ironie, so wie man früher viel zu alte Trainingsjacken trug. Bei den anderen ist es der Wunsch der postironischen Generation, endlich mal etwas wirklich zu meinen. Endlich mal ernst machen. Ja sagen. Nicht mehr zweifeln. Der Trend entspricht der Theorie in Simon Reynolds’ „Retromania“. In diesem Buch erklärt der Autor den ewig gleichen Zirkel von Moden auf die Musik bezogen, weil die Sehnsucht nach gestern niemals weniger wird.

Heiraten ist der Thrill für Leute, die schon in Indien waren und tätowiert sind. Der nicht mehr steigerbare Partygrund, nachdem man jahrelang jedes Fest feierte, wie es fiel. Der letzte Kick, die größte Party deines Lebens. Endlich mal sinnvoll feiern. Jetzt eben wild gefeierte Liebe statt wild gefeierter Vernissage. Weil Hochzeiten so toll sind, hat sich im argentinischen Buenos Aires eine Eventagentur gegründet, die Fakehochzeiten veranstaltet. Falsa Boda heißt die Firma, die die Feste samt einem von Schauspielern dargestellten Ehepaar organisiert, für die die Gäste sich Karten kaufen müssen. In Deutschland ist das nicht nötig. Wer im Jahr nicht auf mindestens eine Hochzeit eingeladen wird, muss sich Gedanken um sein Sozialleben machen.

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Hier ist alles total echt: Beim Junggesellenabschied gibt es eine neue Tätowierung, man kann sich ja gerade nicht irren, und wenn doch, ist man geschieden. How cool is that? Durch die Emanzipation der Frau ist das Risiko für Ehemänner geringer geworden. Und die Scheidung muss nicht mehr den finanziellen Ruin bedeuten. Eine Hochzeit muss das auch nicht, und wenn doch, kauft man sich das Auto eben nicht, muss ja nicht, man kann ja Rennrad oder DriveNow fahren. Es gibt nichts zu verlieren. Läuft es schlecht, ist man schneller zurück auf dem Markt, und selbst die Scheidung kann zum Event werden. Die moderne Hochzeit basiert nicht auf Werten, klassisch traditionell, idealisiert. Vielmehr basiert sie auf der Verwertungslogik, die durch den jungen Menschen fließt wie kleine Stromimpulse.

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In den USA tauchte der Begriff „hipster wedding“ um 2010 auf. Damals sah man auch diese aus Papier ausgeschnittenen Bärte, die an Holzstäben befestigt vor das Gesicht gehalten werden. Props für jedes Fotoshooting für Leute, die sich selbst nicht reichen. Gibt es zum Beispiel bei Etsy oder DaWanda. Denn eine richtige Hipsterhochzeit hat natürlich auch eine Photobooth. Bilder produzieren, für Alben, für das Internet. Es gibt natürlich bereits den Tumblr Hipsterbride, und Pinterest ist voller Hipster-Wedding-Bilder. Doch eigentlich sind es weniger Hipster als Yuccies, über die wir hier sprechen. Young Urban Creatives. Unter 30, mit Rennrad und Health-Goth-Turnschuh, gut ausgebildet und gut verdienend, weil sie ein geiles Produkt erfunden haben, wie den Flat-White-Smoothie-Energy-Drink etwa. Von ihnen erwartet niemand mehr, dass sie erwachsen werden oder sich erwachsen verhalten. Rapper werden immer jünger, Models sehen aus wie Kinder, Schriftsteller sind 16. Also ist die scheinbar erwachsene Handlung vielleicht die letzte mögliche Rebellion.

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Auf der Yuccie-Hochzeit gibt es Getränke oder Gazpacho aus Einweckgläsern, ein Vintage-Hochzeitskleid oder eines, das ein befreundeter Designer entworfen hat. Die Mode für die Hochzeitsgäste machen neuerdings COS und & Other Stories. Cooler Chic, launige Hüte. Die Musik des Abends kommt von einem der unzähligen befreundeten DJs oder Musiker des Brautpaars, es gibt keine lustigen Spiele wie auf den Landhochzeiten, denn Nachbarn, die das normalerweise organisieren, sind natürlich nicht eingeladen. Dafür gibt es sehr persönliche Reden von Freunden, Eltern und Geschwistern – in dieser Reihenfolge. So entsteht aus der nachbarschaftlichen Zwangs- eine städtische Solidargemeinschaft bestehend aus Trauzeugen und Weddingplanner, die Voyeure der Liebe werden. Trauzeugen sind nicht mal immer die besten Freunde, beste Kollegen werdenʼs auch.

Wenn man Glück hat, gibt es MDMA-Bowle. Das Essen kann gut sein, aber darauf kommt es nicht unbedingt an. Es geht darum, hübsche Bilder zu erschaffen, deswegen wird die Hochzeitslocation aufwendiger gesucht als ein Caterer. Nur die Hochzeitstorte muss gut aussehen: wegen der Instagram-Bilder, die praktischerweise mit einem Hashtag geordnet werden. Es gibt Wegweiser wie in der Bar 25, auf Holzbretter geschrieben, hier entlang zum Dancefloor, dort zum Kuchenbuffet, auf dem Lollie-Cakes oder Macaroons angeboten werden. Wenn man Glück hat, Hasch-Brownies. Oder eine Tittentorte.

Es gibt Signature-Drinks. Ihre geilen Namen, wie Blushing Bride oder Grinning Groom, und ihre Zusammensetzung – irgendwelche Berries sind unter Garantie vermixt worden – hat jemand mit sehr hübscher Schrift auf das Glas eines alten Fensters geschrieben. Der Hashtag steht auf einer Tafel daneben. Die Einladungskarten sind auf braunem Papier gedruckt, Liebe heißt darauf „Love“. Wenn es überhaupt Karten gibt, denn eigentlich sind die ja nicht so cool.

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Die Hochzeit ist die Zäsur nach einer wilden Zeit, nach Gin-Tonic-Bädern. Man heiratet in eine andere, mehr optimierte Lebensphase hinein. Der Anfang einer Beziehung wird in der Soziologie als Aufbauphase bezeichnet; sie wird von der Bestandsphase abgelöst. Früher ging man davon aus, dass dieser Übergang von einer Heirat markiert wird. In den letzten Jahrzehnten wurde der Übergang aber eher durch das Zusammenziehen oder durch das Löschen des Tinder-Profils markiert. Heute ist eine zügige Heirat in der Aufbauphase eher ein Grund für Schulterklopfen als für freundschaftliche Besorgnis.

Wie lange die jungen Trend-Ehen dauern, ist natürlich noch nicht abzusehen. Die Sehnsucht nach ironiefreier Liebe ist noch kein Garant dafür, dass sie funktionieren wird. Aber wer die warme Wollmütze und das kuschelige Flanellhemd liebt, dem kann man natürlich schwerlich emotionale Kälte nachsagen.

Janneke Storm Stocksy
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