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Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

„Kultserie“

Versehentlich Zeitgeist: 18 Dinge, die ich von der „Friends“-Reunion-Show gelernt habe

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

18 Dinge, die Linus Volkmann von der „Friends“-Reunion-Show gelernt hat

01. Die Reunion-Show in drei Adjektiven? Laut, nervös, abwaschbar.

02. Schon der Druck beim eigenen Klassentreffen der Grundschule Nieder-Ollendorf-West ist ziemlich groß. Den Abend, bevor ein solches steigen soll, konferiert man noch mal mit sich: Vielleicht doch besser absagen? Weil man sich unter’m Strich zu alt, zu dick, zu erfolglos oder alles gleichzeitig fühlt? Klar sollte das alles keine Rolle spielen, aber bei der Stimme im eigenen Kopf ist das irgendwie nicht angekommen.

03. Von Millionen Bildschirm-Zuschauer*innen dahingehend ausgecheckt zu werden, wie weit der Alterungsprozess fortgeschritten ist, dieses Gefühl testen die sechs ehemaligen „Friends“-Darsteller nun unter der Moderation von James Corden („Carpool Karaoke“) aus. Ist das nicht furchtbarer Stress? Die Antwort steht dabei schon in den ersten Minuten fest – und zieht sich durch die kompletten 100 Minuten. Sie lautet: Ja, es ist furchtbarer Stress.

04. Die Ausstrahlung der letzten von insgesamt 236 Folgen „Friends“ liegt heute 17 Jahre zurück – die der allerersten Folge bereits 27 Jahre.

05. Man kann auch selbst nicht aus seiner Haut – und von Glück sagen, dass die hier nicht zu Markte getragen wird. Viel eher müssen jetzt also unsere Superstars der Nuller schwitzen. Denn wenn Joey, Ross, Rachel, Monica, Phoebe und Chandler langsam in diesen seltsam konzipierten Show-Hybriden einsickern, guckt man NATÜRLICH zuerst mal: Wer kann noch mit dem eingebrannten Bild von einst mithalten, wer hat was machen lassen, wer hat’s aufgegeben?

06. Um den ohnehin lodernden Lookism und Ageism einer solchen Veranstaltung nicht noch mehr zu befeuern, sei hier nur das Nötigste konstatiert für alle, die sich das Ereignis nur in Textform geben: An den gefrorenen Gesichtern von Courtney Cox (Monica), Jennifer Aniston (Rachel) und David Schwimmer (Ross) erahnt man bionische Modifikationen, Lisa Kudrow (Phoebe) sieht sich sehr ähnlich, Matt LeBlanc (Joey) verzichtet aufs Haarfärben. Why not?

07. Bleibt noch Matthew Perry (Chandler), dessen Absage aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustand zuletzt immer wieder eine solche Reunion verunmöglichte. Jener wirkt auch jetzt hinfällig und gequält. In die Schnitzeljagd der Sendung (Interview-Couch, Tischgespräche, Einspieler, Grußworte) wird er kaum involviert. Offensichtlich war der Plan der Produktion, dass er halt irgendwie dabei ist und das muss eben reichen. Als Zuschauer übernimmt man diese Diktion sehr schnell. Parole: Hauptsache Matthew hält durch.

08. Fußballer David Beckham, die pakistanische Aktivistin Malala Yousafzai und Kit Harrington („Jon Snow“) outen sich als „Friends“-Ultras. Weckt mich, wenn diese drei mal eine Band gründen.

09. Zentrale Lektion der Show: Der Mensch (lies: Zuschauer*in) kann weit mehr gespielte Fröhlich- und Herzlichkeit ertragen, als er vorher vielleicht denken würde.

10. Wenn Lady Gaga nicht gerade ein Trademark-Kostüm aus Fleisch oder Kryptonit trägt, ist sie diese Sorte Superstar, die man im REWE hinter sich an der Kasse niemals erkennen würde. In der „Friends“-Reunion wird das noch mal besonders deutlich. Zusammen mit Lisa Kudrow performt sie das sich längst verselbständigte Kult-Stück „Smelly Cat“ der Serienfigur Phoebe Buffay.
Aber war das jetzt wirklich Lady Gaga gewesen? Kein Insert, keine Moderation verrät es. Muss man schon das Internet fragen. Das sagt: Ja, sie war es.

11. Heidi Klum trug an einer Stelle ein riesiges Kleid, unter dem sich die Tokio-Hotel-Zwillinge versteckt hatten. Doch das war natürlich beim „Germany’s Topmodel“-Finale, das parallel zum Start der „Friends“-Reunion lief. Na, dann schon lieber eine dauerkreischende Jennifer Aniston im zementierten Rachel-Modus als das…

12. Der Schauspieler des bei „Friends“ ewig zu kurz gekommenen Gunthers (James Michael Tyler) ist von allen Beteiligten am besten gealtert, darf aber leider nicht mit den anderen auf die Couch. Wie schon einst im „Central Perk“. History repeating.

13. Die „Friends“-Produzentin Marta Kauffman konstatiert an einer Stelle zu dem großen Erfolg der Serie: Diese sei damals eben „versehentlich Zeitgeist“ gewesen.

14. Zur Bebilderung einer solchen Aussage nutzt man unter anderem das „Friend“-Cover des amerikanischen „Rolling Stone“ von 1995. Welche Strahlkraft diese Sitcom besaß, wird dabei besonders deutlich, liest man die Namen der Acts, die sonst noch in der Ausgabe zu finden waren – und die „Friends“ nicht vom Titel verdrängen konnten: Babes In Toyland, Metallica, Oasis.

15. War „Friends“ seinerzeit eben wirklich „versehentlich Zeitgeist“, bemüht sich die Reunion-Show dagegen allzu bewusst, es auch 2021 wieder zu sein. „Friends“ als queerer, diverser Nukleus – natürlich tief in der Schwarzen Community verwurzelt. Diese anmaßende Behauptung ist letztlich auch das große Problem der Sendung.

16. Denn bei „Friends“ ging es doch ausschließlich um die Befindlichkeit einer rein weißen Hetero-Clique mit sehr konservativen Wertvorstellungen. Eine Hetero-Clique, bei der es – das sollte man nicht vergessen – immer ein Lacher war, wie schrecklich die drei Männer untereinander Körperlichkeit finden würden. Dahingehend wurde gern über das Begehren der männlichen Figuren damit kokettiert, dass Zärtlichkeit zwischen den Frauen selbstverständlich superhot sei.

17. Dieses nicht progressive Erbe deutet die Reunion-Show nun teilweise grotesk um – und versucht dem nostalgischen Fan „Friends“ als eine enorm diverse wie queere Angelegenheit zu verkaufen. Gemacht wird das wie folgt: Aus vielen Ländern (am meisten: Ghana) gibt es beispielsweise Grußworte und die werden überproportional von PoC und/oder queeren Menschen ausgesprochen. Alle stehen vor ihren jeweiligen Sehenswürdigkeiten, die Show wirkt in diesen Sequenzen wie die Berichterstattung zum ESC. Eine Frau scheint die Regieanweisung gehabt zu haben, extra noch ihre Frau erwähnen zu müssen, damit die Zuschauer *innen sie auch eindeutig als lesbisch erkennen können.

Da der ursprüngliche „Friends“-Cast diese Vielseitigkeit nicht annähernd abbildet, wirkt das doch sehr nach Pinkwashing und ähnlichen Strategien. Natürlich ist es schön, sich solchen Themen auch mit Verspätung zu öffnen, aber wenn es einem wirklich ein Anliegen wäre, wäre es angebracht, in der Sendung darauf hinzuweisen. Ein „Früher hat man es halt null sehen können bei uns, aber gefühlt haben wir es schon immer“, das wäre zumindest ein besseres Statement, als nachträglich so zu tun, als wäre alles schon immer so bunt gewesen wie bei der Reunion.

18. PS: Trotz allem Unbill hinsichtlich dieser aseptischen Show-Attrappe an der steten Schwelle zur Fremdscham möge dieser Text mit versöhnlichen Worten schließen: „Smelly cat, smelly cat – it’s not your fault!“


„Friends: The Reunion“: Erster Trailer und Gaststar-Liste veröffentlicht
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