Hirnflimmern: Revolverheld gehen Josef Winkler haargenau auf den Sack


Matschpathos, Emotionsbehauptung und Selbstaufgabe – mittendrin: Josef Winkler. Und die ganze Nacht brennt Licht!

Letztens im Radiosender meines Vertrauens: der „Tag des Digitalradios“. Einen ganzen Tag lang beömmelte die Rundfunkanstalt ihre Hörer damit, wie spitzenmäßig es doch sei, Radio digital statt analog zu hören, und wäre das nicht grandios, auf „eine Vielzahl von Radioprogrammen zugreifen“ zu können, von denen eines dann auch speziell „auf Ihren Geschmack zugeschnitten“ sei? Auf dass sich bald niemand mehr mit IRGENDetwas konfrontieren lassen muss, das er nicht schon kennt.

Ich sag mal so: Wenn es 1986 schon einen auf meinen Geschmack zugeschnittenen Schrottpopsender gegeben hätte, würde ich vielleicht heute noch „In The Army Now“ und Oran „Juice“ Jones hören. Aber da waren gottlob ein paar Multikulti-Träumer bei diesem Analogsender, die auch mal uralten Soul spielten oder ein Stück von der neuen Judas Priest. Äh, ja, Judas Priest. Niedlich, gell? Das war mal das Wüsteste, was der Overground zu bieten hatte.

Aber heute ist ja alles so individuell, dass Musik zu hören, die man nicht mag, einem Opfergang gleichkommt, den man allenfalls noch der Liebe wegen auf sich nimmt. Das entnehme ich jedenfalls der mir unbegreiflichen Band Revolverheld, deren neue Single mich insofern speziell auf mich zugeschnitten deucht, als sie mir HAARgenau auf den Sack geht. Revolverheld sind ja eine dieser Bands, die glauben, sie könnten sich alles erlauben, weil sie halt auch ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Großen Zuspruch erhalten sie dafür, dass sie Banalitäten zu mit der lyrischen Finesse einer Morgenlatte getexteten, matschpathetischen Großpop-Ereignissen hochsterilisieren, bei denen die Anzahl der Streichorchester und die Lautstärke der „Wouh-wouh“-Chöre den Grad der behaupteten Emotionalisierung vorgeben; von wegen, Männer können seine Gefühle nicht zeigen!

Jetzt gibt’s „Ich lass für dich das Licht an“, das sich geriert als einer der großen Lovesongs der Popgeschichte und Contemplatio über männliche Selbstaufgabe im Angesicht der Himmelsmacht Liebe, wo’s doch in echt nur mal wieder um den alten Merksatz geht: Wer ficken will, muss freundlich sein. Mit seinem Spatzl würde er sogar Musik hören, die er nicht mag, tönt bedeutungsschwer der Revolvermann, als ginge es um den Treueschwur am Sterbebett. Und ja: „Ich lass für dich das Licht an, obwohl’s mir zu hell ist.“ Wow. Das ist ungefähr so romantisch wie „Ich bring für dich den Müll raus, obwohl das eigentlich Weiberarbeit ist.“

Da bin ich doch mehr bei Bill Ramsey, bei dem 1962 schon klar war, dass es nicht der Nachsicht eines brünftigen Alphamännchens bedarf, wenn die Dame des Hauses nachts Licht will. „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett. Ohne Krimi tut’s die Mimi leider nicht, und es brennt die ganze Nacht das Licht.“ Punkt. Und wenn der Typ ein Problem damit hat, soll er in die Kneipe gehen, aber hier nicht auf gönnerhaft machen. Und bitte: Kein Lied drüber schreiben. Danke.

Diese Kolumne ist in der Mai-Ausgabe 2014 des Musikexpress erschienen.