Ich bin der andere von uns beiden


Ihre Gegensätze ziehen sich an, die Erinnerung nährt sie. Und es gibt noch ein paar gute Gründe mehr, warum Robert und Grant nicht anders können, als mit den Go-Betweens Popmusik zu schaffen, die die Zeit übersteht.

Es ist ihr neuer Song „Darlinghurst Nights“, der uns in nur einer Zeile nahezu alles über die Go-Betweens erzählt. In ihm öffnet Robert Forster ein Notizbuch, liest die Überschrift „The Darlinghurst Years“ und klappt es wieder zu, und ein paar Tränen quillen aus dem Umschlag. „I didn’t have to read it. It all came back.“ Forsters Erinnerungen an 1983. Er und Grant McLennan tourten in ihrer Heimat Australien und hingen mit Künstlerfreunden wie Frank Brunetti von Died Pretty in der Wohnung ihres Tourmanagers in Darlinghurst ab, einem Randbezirk von Sidney. „I didn’t have to read it. It all came back.“ Das ist die perfekte Beschreibung für das, was Go-Betweens-Platten mit einem anstellen und wovon sie alle handeln: Es geht um die Erinnerung. Natürlich, auch Prefab Sprout sangen darüber, über diese Jahre, in „I Remember That“ und unzähligen anderen Songs, auch Aztec Camera, doch niemand tat es so meisterhaft wie die Go-Betweens aus Brisbane, die sich 1978 LP Hartleys Roman „The Go-Between“ als Namensvorlage auswählten.

Wo die Grenzen zwischen Traum und Wachsein, zwischen süßer Imagination und unwirtlicher Realität verschwammen, siedeln Grant McLennan und Robert Forster ihre Stücke an. Schon vor 22 Jahren gelang McLennan so mit „Cattle And Cane“ eine Großtat beinahe epischen Ausmaßes. Was ist so faszinierend an der Beschäftigung mit dem eigenen Gedächtnis, an Wiederkehr und Rückbesinnung? „Nun, ich habe ein fach keine Probleme damit, rückwärts zu gehen“, sagt Forster. „In der zeitgenössischen Popmusik geht es immer um die Gegenwart, in den Texten heißt es andauernd, Ich tu‘ dies, ich mach’das‘. Bei Romanautoren oder Filmemachern dagegen ist die Handlung auch gerne mal im Jahr 1910 angesiedelt, und niemand wundert sich darüber. Aber geh‘ mal zu einer Plattenfirma und sag‘:, Ich hab‘ hier einen Song geschrieben, der 1910 spielt.‘ Dann gucken sie dich an, als wärst du verrückt.“

Robert Forster, 47, ist immer noch der Inbegriff von Stil: Er trägt einen neuen Anzug, erkundigt sich nach den Büchern, die man zuletzt gelesen hat, und sieht von Jahr zu Jahr mehr aus wie Bryan Ferry, auch wenn Karl Lagerfeld sein Stil-Vorbild ist, wie er verstohlen erzählt. Grant McLennan, auch 47, scherzt, er selbst würde Brian Eno immer ähnlicher. Als Grant noch ein Kind war, war ihm die Realität meist zu langweilig. Er las viele Bücher, er wollte wissen, warum die Dinge so lagen, wie sie lagen, und sehnte sich nach den seltenen transzendenten Momenten, in denen man sich größer fühlt als das Leben selbst. Wir sitzen in der etwas angejahrten Bar eines Hotels an den Hamburger Landungsbrücken, über uns ein Schwarzweißfoto von Willy Millowitsch, neben uns Geschäftleute, die böse gucken und sich allmählich betrinken.

„Too Much Of One Thing“, zu finden auf der letzten Go-Betweens-Platte BRIGHT YELLOW BRIGHT ORANGE, gab, wenn auch leicht verschlüsselt, Auskunft über das Verhältnis zwischen Robert und Grant: Forster freute sich diebisch, daß er McLennan erstmals seine Worte in den Mund legen konnte, denn Grant sang eine Strophe in dem dylanesken Sechsminüter, der zudem einen echten Ausnahmefall darstellt: Die Songs, die Forster und McLennan gemeinsam schrieben, lassen sich an einer Hand abzählen man braucht nicht einmal alle Finger dazu. Obwohl Forster schon vor längerer Zeit mit Frau und Kind von Regensburg zurück nach Brisbane gezogen ist und seitdem wieder Stadt, Land und Kontinent mit McLennan teilt, heißt das neunte Go-Betweens-Album OCEANS APPART. Ein Hinweis auf die grundverschiedenen Charaktere der beiden Songschreiber? Forster: „Wir sind Freunde, auch wenn wir sehr verschiedene Leben leben. Aber dieDinge.fiir die wir uns interessieren und über die wir uns austauschen, sind dieselben geblieben: Musik, Filme, Bücher. Wir haben eine Freundschaft, in der wir über viele, viele andere Dinge außer über Musik reden können.“ Grant McLennan wirft einen weiten Blick zurück und fügt hinzu: „Wenn man sich noch genau daran erinnert, wie man jemanden kennengelernt hat, dann ist dieser Mensch einem vermutlich sehr wichtig. Als ich Robert damals kennenlernte, ging ich gerade frisch zur Uni. Er hatte immer Platten unter den Arm geklemmt, die auch ich mochte, und den neuen ,NME‘ hatte er meistens auch dabei. Wenn er etwas hatte, was ich noch nicht kannte, hat mich das inspiriert. Es war immer gegenseitiger Respekt da und Vertrauen in den Geschmack des anderen. Außerdem mochten wir beide The Saints und Bob Dylan. Ein Grund dafür, warum unsere Rückkehr mit THE FRIENDS OF RACHEL WORTH vor fünf Jahren so gut funktioniert hat, war eben, daß zwischen uns beiden in all der Zeit eine starke intellektuelle Verbindung bestanden hat – unabhängig davon, wie lange wir uns gerade nicht mehr gesehen hatten.“

Das Erstaunliche an THE FRIENDS OF RACHEL WORTH waren nicht nur die großartigen Lieder, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Go-Betweens nach über einer Dekade Pause (ein paar gemeinsame Auftritte in jener Zeit, in der beide je vier Solo-Alben veröffentlichten, ausgenommen) alte Fäden wiederaufnahmen: Wie jeher seit der zweiten LP BEFORE HOLLYWOOD aus dem Jahr 1983 gab es zehn Songs, wie immer fünf von Forster und fünf von McLennan. Forsters Lyrik war klar wie eh und je, sein Songwriting leicht ruppig, McLennan textete phantasievoll und abstrakt, seine Kompositionen waren mustergültiger, traumverlorener Pop.

Vergegenwärtigt man sich, mit wieviel sträflicher Mißachtung, mit wie vielen Labelwechseln, Umzügen und Änderungen in der Besetzung Forster, McLennan und frühere Mitglieder wie Robert Vickers, Amanda Brown oder Lindy Morrison zu kämpfen hatten, verwundert es wenig, daß die Band nach 16 lovers lane keine Lust mehr hatte. „Am letzten Tag der 80er Jahre beschlossen wir, es sein zu lassen“, resümiert McLennan. „Eine Dekade war zu Ende, und irgendwie war es für uns der optimale Zeitpunkt, um zu gehen. Natürlich war ich auch verärgert. Ich wußte ja, daß wir eine gute Band sind, die unterbewertet war.“

Grants Weißbier kommt, er lächelt milde und bedankt sich höflich. Wie Robert ist auch er davon überzeugt, daß ihnen oceans APARTphantastisch gelungen ist. Früher hat er eigene Alben nie zu Hause angehört, die neue aber spielt er immer wieder. Er weiß um die schroffe Unbedingtheit von Roberts „Here Comes A City“ und vom simplen Zauber seines eigenen Stückes „Boundary Rider“. Den Hintergrund für Forsters „Mountains Near Dellray“ hat Grant selbst geliefert: Er erzählte Robert von seinem Tasmanien-Urlaub. Das fand der so faszinierend, daß er einen Song daraus machte. Die Romantik, das Hineinragen von früheren Geschehnissen in die eigene Gegenwart, sogar das in den Achtzigern vor allem von Forster transportierte Androgyne – alles ist wieder da.

Das Gespräch geht kreuz und quer, bis Robert schließlich langmütig die Fragen zum RACHEL-WORTH-Abschluß „When She Sang About Angels“ beantwortet, einem ambivalenten, wehmütigen Stück über Patti Smith: „Ja, meine Gefühle Patti Smith gegenüber sind ambivalent. Mal macht sie Sachen, die einfach herausragend sind, über anderes wieder schüttelt man den Kopf. Ich könnte ihr niemals begegnen. Einmal war sie nur ein Zimmer weiter untergebracht, und derjenige, der gerade mit ihr gesprochen hatte, kam zu mir und sagte: ‚Du kannst gerne auch reinkommen.‘ Natürlich lehnte ich ab. Von Menschen, die ich sehr bewundere, möchte ich das Bild behalten, daß ich in meinem Kopf habe. Ich habe Michael Stipe getroffen, er ist nett. Oder Nick Cave – kein Problem. Vielleicht sind es gerade ältere Leute, die ich nicht treffen möchte. Bob Dylan zum Beispiel würde ich definitiv niemals begegnen wollen.“

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