Spezial-Abo

Jan Joswig kontrolliert: Cole Williams aka The Child Of Lov

von
frei Ÿber Domino Records

Unterschicht, geschlechtsunspezifisch und stolz darauf: Das ist der verwirrende Stil von The Child Of Lov.

Cole Williams aka The Child Of Lov fordert für seine Kunst: „This thing is about the music, not the person.“ Dafür hängt sich der Niederländer ganz schön weit heraus mit seiner Person und ihrem Stil-Habitus. Während sich der schwule Frank Ocean modebewusst, aber nicht geschlechtsidentitätenverwirrend kleidet, geht TCOL die provokante Gratwanderung ein. Er steht auf Fila, einerseits. Mehr Ghetto-Gangsta-Machismo kann man nicht zitieren. „Put Your Filas On“ diktierte 1986 der oberste Dicke-Lippe-Rapper Schoolly D zu Brachialbeats.

Andererseits steht TCOL auf Versace, den Inbegriff für süßlichen Prunk zwischen schwül und schwul. Um seinen barocken Goldblouson sollten ihn M.I.A. und Santigold genauso beneiden wie die queeren Rapper Mykki Blanco oder House of Ladosha. Übermaskuliner Pimp und effeminierte Glitzer-Diva, TCOL mixt beides zu einem schillernden Look jenseits herkömmlicher Geschlechter-Codes, mit pinkfarbenem Bass vor dem Bauch und HipHop im Herzen.

Aber ob er sich mit Pitbull oder mit Hermès-Seidentuch präsentiert, so sehr er zwischen maskulin und feminin verwischt, eine Zugehörigkeit behauptet er konsequent: die Klassenzugehörigkeit zur Unterschicht. Seine ätzende John-Turturro-Visage hilft ihm dabei. So raffiniert seine Stil-Spielereien sind, für einen versnobten Neureichen würde man ihn nie halten. Er mimt den versnobten Proleten. Mit dieser Haltung platziert er sich ähnlich wie Ninja von Die Antwoord. (Scheinbare) Unterschicht und stolz darauf.

Auch Mykki Blanco kokettiert mit dieser Attitüde, wenn er GG Allin als Inspiration angibt. Aber während Ninja in seinem Habitus keine Missverständnisse über sein Macho-Selbstverständnis riskiert und Mykki Blanco offen schwul ist, lässt TCOL die geschlechtspolitische Frage in seinem Outfit offen: Unterschicht und geschlechtsunspezifisch und stolz darauf. So wird ein niederländischer Schlafzimmerproduzent zum Posterboy einer proletarisch-antihomophoben HipHop-Kultur: post-gender White Trash.



M.I.A. teilt mit „CTRL“ einen Song „fürs Hier und Jetzt“
Weiterlesen