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Kaufanleitung für The Who: Die Must-Have-Alben der britischen Rocklegenden

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The Who begannen 1964 als R’n’B-Adepten, lieferten Hardrock, ausschweifende Konzeptwerke und noch ausschweifendere Live-Shows. Doch trotz Union Jack und Mod-Target: Britpop war’s nur am Anfang. „Die Erfinder des Brit-Rock“ trifft es viel besser. Wir haben uns einen Überblick zu den wichtigsten Werken der Band verschafft. Hier kommen die absoluten Must-Have-Alben.

Diese Alben müssen sein:

THE WHO SELL OUT (1967)

Wenn Campbell’s Dosensuppe dank Andy Warhol als Kunstwerk durchgeht, dann gilt das auch für diese Pop-Art-Collage aus Werbejingles, Pausenmelodien der jüngst verblichenen Piratensender und Psychedelic-Rock der Sorte „I Can See For Miles“. Folglich wurden The Who 1967 nicht mehr nur als Instrumente tötende Vandalen wahrgenommen, sondern – unterfüttert von Ex-Kunstschüler Pete Townshends Eloquenz – als ziemlich smart, fast schon intellektuell. Es sollte 13 Jahre dauern, bis sich Nina Hagens Ex-Band Spliff mit ihrer THE SPLIFF RADIO SHOW an ein ähnliches Konzept wagte. The Who waren damals ihrer Zeit voraus, was die Kritiker begeisterte, vom Publikum allerdings kaum goutiert wurde – trotz feiner Songs wie „Tattoo“, „Odorono“ oder der Beach-Boys-Hommage „I Can’t Reach You“. Die amüsierwillige Rock-Crowd erwartete Kleinholz auf der Bühne, aber keinen Kommentar zu jener Erscheinung, die von den 68ern recht bald „Konsumterror“ genannt werden sollte.

TOMMY (1969)

Opus magnum, die Erste: Mit zeitgenössischen Blumenkindern konnten The Who tatsächlich nur sehr wenig anfangen, auf die Frage, wie es denn in Woodstock gewesen sei, antwortete Townshend knapp: „I hated it“. Seine esoterisch angehauchte „Rock-Oper“ traf den zeitgeistigen Hang zu Spiritualität und Innerlichkeit aber dennoch, die Zahl derer, die sich zu „See Me, Feel Me“ bei Kerzenlicht und Räucherstäbchen eins mit dem Universum wähnten, dürfte immens gewesen sein. Subtrahiert man die wenigen Längen und einige skurrile Intermezzi, bleibt immer noch klug inszenierte, bisweilen sogar fulminante Rockmusik übrig. Angemessen laut gehört, ist das Überwältigungspotenzial von „Pinball Wizard“ oder „I’m Free“ noch immer ganz erstaunlich, und für das Schlagzeug-Intro von „Amazing Journey“ gehört Keith Moon ohnehin heilig gesprochen. Für The Who bedeutete das Doppelalbum den großen Durchbruch, aus der Singles-Band der Sechziger waren Albumkünstler für die Siebziger geworden.

LIVE AT LEEDS (1970)

Spätere Ausgaben des Konzertmitschnitts enthalten auch die TOMMY-Sektion damaliger Shows, die Originalausgabe mit lediglich sechs Songs spricht indes eine völlig andere Sprache: The Who im kompromisslosen Hardrock-Modus mit Mose Allisons „Young Man Blues“, dem britischen Rock’n’Roll-Standard „Shakin’ All Over“ und Eddie Cochrans Teen-Frust-Hymne „Summertime Blues“. Auch dabei ist eine fast viertelstündige Fassung von „My Generation“, die das tendenziell schöngeistige TOMMY-Repertoire komplett konterkariert und streckenweise als Punk durchgeht. The Who verdeutlichten auf der Bühne, wofür sie trotz intellektuell herausfordernder Exkurse und all der kompositorischen Finesse ihres Vorgängerwerks noch immer standen: erschreckend lautes und stets riskantes Powerplay am Rande des Abgrunds. Wenn Townshends Finger nicht schon beim dritten Song bluteten, war’s keine gute Show. Der Auftritt in Leeds war sogar sehr gut.

Diese Alben sollten sein:

MY GENERATION (1965)

Amphetaminbefeuertes Stottern, jene denkwürdige Textzeile „Hope I die before I get old“ und eine destruktive Feedback-Kakophonie als Finale: Es sind zweifellos der Titelsong und seine aggressive Wir-gegen-den-Rest-Rhetorik, die das Image der Band als Berserker der Beat-Ära prägten. Dabei ist MY GENERATION eines der profundesten Debütwerke des Prä-Album-Zeitalters, als vor allem Singles den Markt dominierten: Ruppige James-Brown-Adaptionen und Mod-Rock á la „The Good’s Gone“ standen für „Maximum Rhythm & Blues“, eine Vorliebe für Beatles und Beach Boys brach sich in „The Kids Are Alright“ Bahn – zwischendrin allerdings mit für damalige Verhältnisse unerhörter Heavyness.

WHO’S NEXT (1971)

Harte Landung: Die Euphorie der Sechziger wich zunehmender Desillusionierung, Townshend dichtete entsprechend zornig „Won’t Get Fooled Again“ und wurde in „Baba O’Riley“ noch deutlicher: „I don’t need to fight to prove I’m right“. Inspiriert von Terry Riley, dem Wegbereiter der Minimal Music, bestand die Anfangssequenz aus einem Synthesizer-Loop, Dave Arbus von der Band East Of Eden steuerte das manische Geigensolo bei. Art-Rock traf auf Hardrock. The Who waren mit TOMMY reich geworden, allerdings auch reich an Problemen. Nur Roger Daltrey blieb standhaft, genoss die Rolle des blondgelockten Helden, für den Rest galt: zu viele Drogen, zu viel Alkohol. Townshends Wut auf die Welt konnte nicht einmal Guru Meher Baba wirklich lindern, nach TOMMY litt er zudem unter dem enormem Erwartungsdruck. Was blieb? Wochenlange Tourneen, noch mehr Rockstar-Lifestyle – und das feste Vorhaben, die Welt mit einem weiteren Mammutwerk zu überraschen.

QUADROPHENIA (1973)

Opus magnum, die Zweite: Anfang der Siebziger begann die Ära der Rock-Revivals, allerlei Glitzer-Acts beschworen den Geist von ’57. The Who bevorzugten einen völlig anderen Ansatz. Sie bezogen sich zwar thematisch – durchaus autoreferenziell – auf die Mod-Kultur der frühen Sechziger, bewegten sich musikalisch jedoch im Hier und Jetzt. Die juvenile Hauptfigur Jimmy stand stellvertretend für die vier Bandmitglieder, was den Titel QUADROPHENIA halbwegs nachvollziehbar erscheinen lässt. Aber wie immer bei Townshend gab’s allerlei Subtexte: QUADROPHENIA ist eine Coming-of-Age-Geschichte voller Wut, Angst, Frustrationen und Selbstzweifel. Mittels Synthesizer teils ausufernd instrumentiert, warf das Werk zwar keine signifikante Hit-Single ab, doch wer der musikalischen Essenz dieser Band nachspüren möchte, kommt aber an einem Track wie „The Real Me“ kaum vorbei: eine kraftvoll-heisere Stimme plus Townshends Gitarren-Schrapnelle, ergänzt um John Entwistles atemberaubenden Bass und einen exzessiven Trieb-Trommler. Der Beweis, dass Kernfusion auch im Plattenstudio möglich ist.

Diese Alben können sein:

Ein wenig planlos wirkte 1966 das zweite Album A QUICK ONE: Zwischen Hardrock, Pop und Motown-Cover fand immerhin der Mehrteiler „A Quick One, While He’s Away“ Platz. Ein netter Probelauf, mehr nicht. „Run Run Run“ macht aber immer noch Spaß. Nach der ambitionierten Großtat QUADROPHENIA schien die Luft 1975 ein wenig raus zu sein. THE WHO BY NUMBERS geriet nur mäßig mitreißend, nervte gar mit der Schunkelnummer „Squeeze Box“. Pete Townshend war damals suff- und drogenbedingt in finsterer Stimmung und nicht gerade von der Muse geküsst. Roger Daltrey nannte es hingegen sein Lieblingsalbum im Werk der Band, womit er allerdings ziemlich allein dastehen dürfte. Nach WHO ARE YOU erwischte es 1978 mit 32 Jahren das eben doch nicht ewige Party-Animal Keith Moon. Das Cover-Foto zeigte ihn noch auf einem Stuhl mit dem Aufdruck „Not to be taken away“, was aber leider auch nicht geholfen hatte. Pete Townshend bezeichnete das Album später als „Mist“, doch zumindest der Titelsong war nicht gänzlich uncharmant geraten.

Die Band war ab FACE DANCES von 1981 eine andere, Neuzugang Kenney Jones konnte einem ob all der ständigen Moon-Vergleiche wirklich leidtun. Dabei war das Werk vitaler ausgefallen als der eher verzichtbare Nachfolger IT’S HARD aus dem Jahr 1982. Danach herrschte bis 2006 Sendepause. Vier Jahre zuvor war John Entwistle in einem Hotelzimmer in Paradise, Nevada, verstorben. Mit 57 Jahren, einem örtlichen Groupie im Bett und einer Überdosis Kokain im Blut. Da waren’s nur noch zwei plus diverse Gastmusiker, doch ENDLESS WIRE konnte den zuvor ramponierten Ruf immerhin ein wenig aufpolieren. Noch ein bisschen besser gelang das Ende vergangenen Jahres auf dem aktuellen Album WHO. Kleine Zugabe: Wer die zwischen 1964 und 2014 erschienenen Singles – darunter auch formidable Non-LP-Tracks wie „Pictures Of Lily“, „Magic Bus“ und „The Seeker“ – sucht, wird von THE WHO HITS 50! zwar nicht komplett, aber doch sehr ordentlich bedient.


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