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Kraftwerk-Chef Ralf Hütter im Interview: „Ich höre die Stille und die Welt“

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Zwei Jugendliche, zwischen 13 und 14 Jahre alt, sitzen in einem weitgehend orangefarbenen Jugendzimmer, mit einer orangefarbenen Tapete, deren Muster epileptische Anfälle hervorrufen kann. Es ist das Jahr 1976. Der eine Jugendliche, der in dem weitgehend orangefarbenen Jugendzimmer wohnt, möchte dem anderen Jugendlichen, der bei ihm zu Besuch ist, seine neueste Schallplattenerrungenschaft vorspielen. Der andere Jugendliche ist nicht unbedingt ein Freund des Zimmerbesitzers, eher ein Klassenkamerad, der nicht oft bei ihm zu Besuch ist. Die neueste Schallplattenerrungenschaft ist das Album KRAFTWERK 2 aus dem Jahr 1971, das damals, fünf Jahre nach seiner Veröffentlichung noch in der Plattenkiste jedes ordentlichen Elektrogeschäfts in der fränkischen Provinz vorrätig war.

Ich weiß nicht mehr, ob es bei „Strom“ oder „Spule 4“ war, den experimentellsten, songfernsten Stücken auf der zweiten Seite der zweiten Kraftwerk-LP, als der Avantgarde-Musik-ungeschulte Klassenkamerad fragt, was das denn überhaupt sein soll, das wäre ja gar keine Musik. Soll heißen: Musik, wie sie Teenager in den mittleren 70er-Jahren kennen, The Sweet, Slade, Suzi Quatro, vielleicht aber war der Klassenkamerad schon eine Stufe weiter, jenseits der Teeniemusik, bei Deep Purple oder Led Zeppelin angekommen. Was soll das denn überhaupt sein?

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Ich konnte seine Frage nicht beantworten, die Faszination, die Kraftwerk und die „Synthesizermusik“, wie wir es nannten, für mich und meine beiden besten Freunde ausmachte, die wir damals kollektiv eine mickrige Kraftwerk-Tonträgersammlung besaßen: den Sampler DOPPELALBUM, die Alben KRAFTWERK, KRAFTWERK 2 und AUTOBAHN als Kaufkassette.

Gewiss spielte der Wunsch nach einer Second-order-Andersartigkeit eine Rolle. Anders sein als die, die dachten, sie wären anders, nur weil sie Suzi Quatro auf Bayern 3 hörten. Allein das Cover von KRAFTWERK 2: ein grüner Verkehrsleitkegel, darüber in einer Art Brandeisenschrift das Wort Kraftwerk in Versalien und die Zahl 2. Dieser Minimalismus in einer durch den auslaufenden Glam-Rock maximalistisch aufgeladenen Pop-Ära.

Heute könnte ich die Frage, was denn das überhaupt sein soll, beantworten. Ich würde antworten, dass es grundsätzlich zwei Intentionen beim Musikmachen gibt, deren Resultate beide ihre Berechtigung haben können: die eine – wohl häufigste – ist, viel Geld zu verdienen und/oder viele Frauen zu bekommen, die andere ist, Kunst zu schaffen. Ich würde meinem Klassenkameraden heute sagen, dass Kunst so radikal sein muss, damit Leute wie er fragen, was das denn überhaupt sein soll. Weil Radikalität in der Kunst Türen öffnet für Entwicklungen, die eine Generation später schon wieder als „normal“ angesehen werden.

Und dass Musik, die allen gefallen will, sehr oft sehr viele Kompromisse eingehen muss, um allen zu gefallen. Ich würde ihm raten, sich nicht für eine Seite zu entscheiden, das vermeintlich Normale oder das vermeintlich Verrückte, sondern, sich das beste aus allen Welten zu ziehen. Dafür muss er aber die Bereitschaft haben, sich mit den fremden Welten zu beschäftigen.

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