ME-History

Kraftwerk-Chef Ralf Hütter im Interview: „Ich höre die Stille und die Welt“


Aus dem ME 08/2017: Musikexpress-Redakteur Albert Koch wollte 1997 einmal ein Interview mit Kraftwerk-Chef Ralf Hütter haben – 20 Jahre später hatte er es bekommen.

Was ist dein liebstes Kraftwerk-Album?

Man darf eine Mutter nicht nach ihrem Lieblingskind fragen. Die Frage ist für mich nicht zu beantworten.

Kraftwerk: Ralf Hütter im Interview 1991
Manchmal hat man ja ein Kind nicht so lieb, weil es unartig war.

Das hat dann vielleicht was Böses gemacht. Alle Werke sind Teil meines Lebens, das kann ich so nicht werten. Zum Glück bin ich kein Musikkritiker und muss sie auch nicht bewerten. Für mich ist unser Werk ein Kontinuum. Eigentlich sind die Werke und Schallplatten auch nicht fertig, sie sind Dokumente aus dem Zeitraum, in dem sie entstanden sind. Es sind eher Konzepte, wie in früheren Zeiten, als ein Komponist ein Werk in Noten gefasst hat, damit es immer wieder neu interpretiert werden kann. So sehe ich das. Die Platten sind die Partituren oder die Skripte, die Drehbücher für unsere Performance. Wir arbeiten ständig daran weiter. Wir arbeiten nachmittags daran und zwischen den Shows. Gestern hatten wir zweimal eine Stunde Zeit, da haben wir noch etwas korrigiert. Unsere Musik wird ständig upgegradet. Es ist fantastisch, dass das mit dieser mobilen Computertechnik alles möglich ist. Das ist ein Geschenk der Technikwelt an uns, und wir geben das zurück mit Klängen und Worten und Bildern.

„Music non-stop, Techno Pop“

– aus „Musique Non-Stop“

Früher hat ein Synthesizer ein Vermögen gekostet und heute ist er als kostenlose Software auf dem MacBook enthalten.

So ungefähr. Mein erster Mini-Moog hat wirklich genauso viel gekostet wie mein grauer VW Käfer damals. 5500 D-Mark. Ich habe die Rechnung noch. Der Synthesizer war für mich aber viel wertvoller als das Auto. Mit dem Auto konnte ich in der Gegend herumfahren, aber mit dem Synthesizer konnte ich mir die ganze Welt erschließen.

Die Mensch-Maschine –
Kraftwerk 1978

Aber die Verbindung von Synthesizer und Auto hat das Album AUTOBAHN ergeben.

Natürlich! Das Summen der Motoren, das Tuning und die singenden Luftströme haben wir auch so gehört.

„Wir fahr’n fahr’n fahr’n auf der Autobahn.
Die Fahrbahn ist ein graues Band,
weiße Streifen, grüner Rand“
– aus „Autobahn“

Hörst du aktuelle elektronische Musik?

Ich höre die Stille und die Welt. Wenn ich in Clubs gehe und tanze oder auf der Straße die Geräusche und den Lärm höre. Ich fokussiere mich nicht auf eine Musikrichtung, auf unseren Reisen höre ich die dortige Musik. Ich höre mehr Klänge als bereits vorproduzierte Musik. Und natürlich die Stille. Ich versuche mich auch zurückzuziehen, damit wir wieder produzieren können. Wenn wir in Großstädten mit einer riesigen Geräuschkulisse sind, kommt von überall irgendetwas, die Leute laufen herum, haben ihre Kopfhörer-Stöpsel in den Ohren und stieren auf ihre Smartphones, und jeder hört aneinander vorbei. Wenn wir in die Halle gehen, wo wir nachmittags den Soundcheck machen, ist das einer der schönsten Momente: Es geht die Tür auf, und es herrscht absolute Stille. Den Saal füllen wir dann mit unserem Klang. Stille ist wie beim Malen die leere Leinwand.

Wenn du an deiner Musik arbeitest, lenkt dich dann andere Musik ab?

Nein, ich kann mich eigentlich ganz gut ein- und ausschalten. Das kann man lernen, es ist aber ein sehr langer Prozess.

In meiner Wahrnehmung ist Kraftwerk in erster Linie nicht eine deutsche Band, sondern eine europäische, was vielleicht auch den Erfolg am Anfang im europäischen Ausland erklärt. Angesichts der aktuellen politischen Lage mit Brexit und dem Rechtsruck in vielen europäischen Ländern wirkt das Album TRANS EUROPA EXPRESS wie eine Beschwörung des europäischen Gedankens. Wie siehst du das?

„Rendezvous auf den Champs-Elysées.

Verlass Paris am Morgen mit dem T.E.E. (…)

In Wien sitzen wir im Nacht-Café,

Direktverbindung, T.E.E.“

– aus „Trans Europa Express“

 

>>> JETZT BESTELLEN! 

Mit der Juni-Ausgabe veröffentlicht MUSIKEXPRESS ein besonderes Sammlerstück – eine exklusive Vinyl-7“-Single von Kraftwerk: „Heimcomputer“, neu abgemischt von Ralf Hütter.

Das Interview mit Ralf Hütter und der dazugehörige Begleittext erschienen erstmals im August-Heft 2017 des Musikexpress. Und ja: Das Interview endet tatsächlich mit dem Zitat aus dem Song „Trans Europa Express“. Das war seine Antwort auf die Frage. Wir haben versäumt, das im Heft kenntlich zu machen und bitten um Entschuldigung.

Kraftwerk Redferns