„Lies endlich die Sexszene, Thees!“

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Auch Jochen Distelmeyer und Morrissey haben sich 2015 daran versucht: Romane. Doch die Bücher der beiden gefeierten Songdichter wurden eher negativ rezensiert. Große Erfolge waren es beide nicht. Anders Thees Uhlmanns Romandebüt, das von einem Roadtrip handelt, der damit beginnt, dass der Tod an der Tür des Erzählers klingelt. Wie der Trip des Indie-Rockers durch die Literaturwelt und über die Lesebühnen der Republik so verläuft, davon erzählt dieser Fragebogen:

Mein erster Gedanke, als ich das erste Buch auspacken durfte: Meine Lektorin soll aufhören mich anzulächeln! Da ist es! Und es steht mein Name drauf! „Das Cover ist wirklich genau so, wie du es haben wolltest.“ Oh, sogar so ein altmodisches Lesezeichenband ist drin! Erst mal die Widmung lesen … Ach, die habe ich ja selber geschrieben. Ist das schön. … und wie das riecht!

Das größte Missverständnis über „Sophie, der Tod und ich“: Dass die Geschichte viel mit mir persönlich zu tun hat. Selbst wenn mein Protagonist im Buch Altenpfleger ist und ich das auch mal war. Das hat mir nur geholfen, eine Biografie zu bauen, die ich mir selber glauben konnte.

Anzahl der Interviewer, die offensichtlich keine Ahnung hatten von Thees Uhlmann, dem Musiker: Less than zero.

Anzahl der Interviewer, die mein Buch offensichtlich nicht gelesen hatten: Wirklich alle Journalisten hatten sich gut vorbereitet und genug gelesen, um ein schönes, nachhaltiges Interview dazu zu führen.

So oft habe ich die folgende Frage gestellt bekommen: „Und was würdest du tun, wenn du selbst noch drei Minuten zu leben hättest?“: So circa zwanzig Mal. Aber die Frage, wie häufig mir diese Frage gestellt wurde, wurde mir inzwischen auch schon zehn Mal gestellt.

Welches Klischee über Bücher schreibende Musiker trifft hundertprozentig zu: Sie haben keine Ahnung, wie man wirklich Bücher schreibt.

… und welches über Schriftsteller sowieso: Die haben auch keine Ahnung, wie man wirklich Bücher schreibt.

Virtuosester Romancier, der auch Musiker ist: Ich weiß nicht, ob man den Ton der Bücher von Sven Regener als virtuos bezeichnen kann, aber bei meinem Buch habe ich gemerkt, wie intensiv man arbeiten muss, damit eine Passage nebensächlich und unkompliziert klingt. Und da ich es einfach liebe, wie Sven die 80er, Bremen, familiäre Prozesse und Menschen beschreibt, würde ich doch sagen, dass ich „Neue Vahr Süd“ virtuos und wundervoll komponiert finde.

Die Buchmesse in Frankfurt ist am ehesten zu vergleichen mit: … einer in Würde gealterten Popkomm von 1994. Das hatte zwar nichts mit Würde zu tun, aber geil war es trotzdem. Bei der Buchmesse ist das ähnlich. Die Freude darüber, dass man noch einen Job hat, von dem man einigermaßen leben kann, ist überall spürbar. Im Gegensatz zur Musik hat das Buch ja noch Messen. Auf der Rowohlt-Party durfte ich dann zuschauen, wie zwei mir bekannte Autoren über Stunden diskutiert und sich angeschrien haben. Ich stand glücklich daneben und dachte mir: „Herrlich, hier wird noch diskutiert!“

Wichtigster Unterschied in der Vorbereitung auf eine Lesung zu einem Rockkonzert: Es ist eigentlich dasselbe wie immer: Nasendusche extra kalt, Ipalat und ein Glas Weißwein.

So oft habe ich mir bislang bei einer Lesung eine Gitarre um den Hals gewünscht: Einmal. Ich hatte davon erzählt, dass meinem Protagonisten Liebeslieder Angst machen, weil er Liebe erdrückend findet. Da hätte ich gerne eine Gitarre gehabt, um dem Publikum ein solches Liebeslied vorzuspielen.

Empfohlener Alkoholpegel für eine Lesung: 0,1 Promille. Dieses Buchstaben-Lesen ist noch ein wenig filigraner als ein a-Moll#7. Bei Musik ist 0,2 Promille die Höchstgrenze.

Ein Wort oder Satz, vor dem ich mich fürchte, weil ich dabei immer wieder ins Stottern gerate: „Ein weiches, weißes T-Shirt“. Gerne selbst mal versuchen. Es ist die Hölle.

Der beste Zwischenruf bislang: „Bitte lies endlich die Sexszene, Thees!“

Ungeahnte Anstrengung auf Lese-Tour: Ich wusste nicht, dass auch einfaches Vorlesen heiser machen kann.

Für mein nächstes Buch benötige ich: Ich benötige nichts, um Kunst zu machen. Ich habe einem Freund die Ecke in meiner Küche gezeigt, in der ich schreibe. Er meinte: „Mein Gott, sieht das traurig aus.“ Aber für mich ist das der schönste Platz in der Wohnung: Fest in der Ecke, sodass ich die Wölfe im Blick behalten kann, wenn sie kommen – und dann einfach nachdenken und schreiben.

 


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