Highlight: Die 50 besten Alben des Jahres 2016

Interview

Nicolas Jaar: „Ich spiele den ganzen Tag lang mit kleinen Tieren“

In der Zwischenzeit hat Nicolas Jaar, Sohn des chilenischen bildenden Künstlers, Architekten und Filmemachers Alfredo Jaar, ein Label gegründet (Other People) und Unmengen von Musik auf Singles und EPs veröffentlicht, solo und zusammen mit seinem Labelkollegen Dave Harrington im Projekt Darkside, das zurzeit auf Eis liegt. Bei Darkside haben Jaar und Harrington in einer unverschämt eklektizistischen Weise Ambient, House, Blues und Psychedelic-Rock miteinander verbunden.

Allen Jaar-Musiken – ob Songs oder (Club-)Tracks – ist der Hang zu Abstraktion und Experiment und eine gewisse Melancholie und Traurigkeit gemein. Im vergangenen Jahr hat Nicolas Jaar das Album POMEGRANATES als YouTube-Stream veröffentlicht. Der neue, inoffizielle Soundtrack zum sowjetischen Film „Die Farbe des Granatapfels“ aus dem Jahr 1969 von Regisseur Sergei Paradschanow zeigt den 26-Jährigen auf der Höhe seiner Experimentalkunst mit elektro-akustischen Übungen in Ambience, es ist ein Ausflug an die äußeren Ränder der Avantgarde. Jetzt veröffentlicht Jaar sein zweites „reguläres“ Album SIRENS, das alle seine künstlerischen Eigenschaften zusammenbringt.

Es ist eine Reise von der Abstraktion zum Song. Ein postmoderner Künstler wie Nicolas Jaar gibt Interviews nicht am Telefon, sondern über Skype. Im Gespräch macht er sich kleiner, als er ist. Ob sein Debütalbum eine definitorische Wirkung auf die elektronische Musik des aktuellen Jahrzehnts gehabt hätte, das könne er nicht sagen, das müssten andere entscheiden. Seinen enormen musikalischen Output der vergangenen acht Jahre – ein Dutzend EPs, zwei Alben, zwei Soundtrack-Alben und ein Album mit Darkside – spielt er herunter. Im Verlauf des Gesprächs wird aber eines deutlich: Jaar, der in seinem Apartment in New York sitzt, hat von Skype genauso viel Ahnung wie der Interviewer: keine. Es ist sein erstes Skype-Interview.

Nicolas Jaar und Dave Harrington waren zusammen Darkside.
Nicolas Jaar und Dave Harrington waren zusammen Darkside.

These: Es gibt mindestens drei Inkarnationen des Künstlers Nicolas Jaar. Den, der im Jahr 2011 das minimalistische Meisterwerk SPACE IS ONLY NOISE veröffentlicht hat. Den Solokünstler, der im Club mehr tanzbare Musik spielt. Und den Live-Musiker, der die Tracks von SPACE IS ONLY NOISE auf die Bühne gebracht hat, woraus dann das Projekt Darkside entstanden ist. Stimmst du zu?

Nicolas Jaar: Danke, das ist eine sehr schöne Art, meine kleine Geschichte zu erzählen.

Ich habe dich 2011 im Berghain in Berlin Spielen sehen. Die Musik, die du gespielt hast, war relativ Berghain-gemäß. Du hast einmal gesagt, du hättest kein Interesse an Szenen und Trends. Das, was du machst, wäre nicht cool. Wenn du im Berghain Berghain-Musik spielst, ist das dann nicht ein Zugeständnis an eine gewisse Szene, an die Coolness?

Ich glaube, das Berghain klingt einfach nach Berghain. Du kannst dort spielen, was du willst, zum Beispiel ein Stück von Steve Reich, und es wird mehr nach Berghain klingen als in deiner Wohnung. Stimmst du mir zu?

Absolut.

Das Berghain hat eine sehr starke Energie und eine sehr starke Soundästhetik, die auch durch die besondere Architektur bedingt ist. Wenn ich mich recht erinnere, war ich, als ich damals dort solo aufgetreten bin, nicht Herr meiner Sinne. Ich glaube, ich wollte SPACE IS ONLY NOISE dort nicht spielen, weil ich der Meinung bin, dass das Album eher an einem Ort gehört werden sollte, der mehr mit Livemusik assoziiert wird, und man sollte mehr dabei improvisieren. Wenn du mich in einem Club siehst, spiele ich Clubmusik. Hast du dich damals gewundert?

Nein, überhaupt nicht. Es ist mir nur aufgefallen. Die Energie war der Wahnsinn, der Laden war proppenvoll und die Leute sind komplett durchgedreht. Wo wir gerade über Clubs reden. Du hast einmal gesagt, „jeder in einem Club ist todunglücklich“. Das hat mir einen Satz in Erinnerung gerufen, den der ehemalige Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren vor über 30 Jahren in einem Interview mit dem Billboard gesagt hat: „Diskotheken sind Tempel der Einsamkeit und Verzweiflung, mit einsamen Typen in der Ecke, die stundenlang herumhängen und saufen, und denken, wenn sie morgen zurückkommen, wird sich alles ändern. Aber es wird sich gar nichts ändern…“

Das ist sehr gut, ein schönes Zitat! Aber ich würde heute nicht mehr sagen, dass jeder in einem Club todunglücklich ist. Der Satz klingt gut in einem Interview, aber ich glaube nicht mehr daran. Das ist mir zu schwarz-weiß gedacht.

Nicolas Jaar – SIRENS
SIRENS ist im Oktober 2016 erschienen.

Wer nur dein erstes Album SPACE IS ONLY NOISE kennt und jetzt SIRENS hört, könnte ein bisschen überrascht sein, weil er die Entwicklungsstufen auf 12-Inches wie der „Nymphs“- Serie, oder den POMEGRANATES-Soundtrack verpasst hat.

Es ist wichtig, das alles als eine Art Trilogie zu sehen, obwohl das Wort „Trilogie“ eigentlich zu hochtrabend dafür ist, nennen wir es ein kleines Dreieck. Das Album SIRENS ist in Verbindung mit den „Nymphs“-EPs entstanden. Ich hatte zuerst den POMEGRANATES-Soundtrack gemacht, als eine Seite des Dreiecks, dann kam „Nymphs“ und jetzt kommt SIRENS. Ich hatte das Gefühl, das Dreieck zu vollenden, indem ich SIRENS machte. Es gibt eine mehr ambienthafte Seite, eine clubbigere Seite und eine mit mehr Songwriting. Ich kann mir ganz schlecht vorstellen, eine Platte zu machen mit einem Club-Track, zwei Ambient-Tracks und drei Songs. Ich möchte tiefer vordringen. Ich weiß, dass das sehr viel Musik ist. Aber ich hoffe, dass neugierige, interessierte Menschen es als ein großes Ganzes sehen. Aber du hast recht, das neue Album könnte die Leute verwirren, wenn ihnen nur eine Seite des Dreiecks bekannt ist.

„Nymphs“ wird auch noch als eine Platte veröffentlicht werden. Ich hoffe, dass die Leute den Kontext verstehen

Das Gesamtbild bekommt man nur, wenn man alles kennt, das du veröffentlicht hast.

(lacht) Und genau das ist das Problem. Ich mache zu viel Musik.

Die Tracks der „Nymphs“-Reihe würden mit 42 Minuten Spielzeit auch ein Album ergeben. Woher wusstest du, dass sie nicht das Album sind?

Es ist ein Album, auch wenn es als drei EPs veröffentlicht wurde. Es ist nur auf unterschiedlichen Wegen veröffentlicht worden. „Nymphs“ wird auch noch als eine Platte veröffentlicht werden. Ich hoffe, dass die Leute den Kontext verstehen.

Woher kommt dein Interesse für experimentelle, abstrakte Musik?

Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht so genau. Ich arbeite fast täglich an Musik. Die überwiegende Mehrheit klingt so ähnlich wie POMEGRANATES, das ist fast eine Art Selbstmedikation für mich. Das ist sehr persönlich und sehr intim, fast so, als ob ich damit meine kleinen Dämonen austreiben würde, einen nach dem anderen. Daher kommt wahrscheinlich mein Interesse für experimentelle Musik, es kommt nicht aus irgendeinem abstrakten Grund, es stammt aus einer – ich mag das Wort „emotional“ nicht – eher persönlichen Ecke.

Die Einflüsse, die du verarbeitest, Ambient, House, Psychedelic, Blues, Minimal Techno, Neo Classical – würde ich die alle in deiner Plattensammlung finden?

Ja, natürlich. Die letzte Platte, die ich mir gekauft habe, ist DANCE OF THE COWARDS von Greater Than One. Kennst du die? (geht ins Nebenzimmer, holt das Album und hält es in die Kamera – Anm. d. Red.). Ich habe es wegen des Titelsongs gekauft, die anderen sind okay, aber dieser Song ist nicht von dieser Welt, er ist überirdisch, ich liebe ihn.

Musik von Radiohead oder Bon Iver, die mit üblichen Vorstellungen von Popmusik nicht mehr viel zu tun hat, erreicht mittlerweile ein sehr großes Publikum. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Ich glaube, das liegt daran, weil sich alles beschleunigt. Durch die Verfügbarkeit von Musik und die Bequemlichkeit, mit der jede Art von Musik zu bekommen ist, werden die Menschen neugieriger. Sie wollen mehr. Und das ist sehr aufregend. Es ist lustig: Nachdem ich POMEGRANATES veröffentlicht habe … es ist vielleicht mein experimentellstes Album bisher, findest du das auch?

Auf jeden Fall.

Die Leute reagieren heute mit Begeisterung auf Bands, die die Grenzen verschieben

Als ich es veröffentlicht habe, dachte ich, jetzt ist die Zeit gekommen, „richtige“ Songs zu schreiben. Ich glaube, dass wir einen Ausgleich brauchen. An einem Tag hörst du nur abstraktes Zeug und am nächsten Tag möchtest du Songs hören, weil du wissen möchtest, was ein Künstler zu sagen hat, mit seinen Worten und seinen Gefühlen. Wir leben in sehr aufregenden Zeiten. Und ich hoffe, dass die Leute offen sind für alle Arten der Kommunikation. Ich gebe dir recht, auch wenn ich das Radiohead-Album für gar nicht so experimentell halte, aber die Leute reagieren heute mit Begeisterung auf Bands, die die Grenzen verschieben. Bezogen darauf leben wir in himmlischen Zeiten, bezogen auf andere Dinge sind die Zeiten nicht so gut. Marketing zum Beispiel. Die Leute sind viel zu sehr daran interessiert, wie die Musik vermarktet wird, aber was hat das mit der Musik zu tun? Nicht sehr viel.

MANCHESTER, UNITED KINGDOM - MARCH 27: Dave Harrington and Nicolas Jaar of Darkside perform on stage at The Ritz, Manchester on March 27, 2014 in Manchester, United Kingdom. (Photo by Andrew Benge/Redferns via Getty Images)
Mit Dave Harrington live als Darkside bei einem Auftritt im Jahr 2014.

Ich habe dein neues Album so angehört, wie du es befohlen hast: am Stück. Der Vorteil ist, man bekommt oft nicht mit, wann ein Track zu Ende ist und wann der neue beginnt. Es ist wie eine Reise, die mit experimenteller elektronischer Musik beginnt und bei so etwas Ähnlichem wie Rockmusik aufhört, und irgendwann kommt noch eine Art Reggae-Song. Zweimal musste ich an Suicide denken.

Kennst du den Song „Four Women“ von Nina Simone? Sie singt davon, wie sie zu vier verschiedenen Frauen wird und erzählt ihre Geschichten durch ihren Schmerz. Es ist eines meiner Lieblingslieder aller Zeiten. Mich hat dieser Song stark beeinflusst, und vor allem die Idee, die dahintersteht. Ich glaube, dass SIRENS sehr beeinflusst ist von der Idee Nina Simones, eine Geschichte durch die Augen verschiedener Menschen zu erzählen. Wenn ich in New York in meiner Gegend auf der Straße laufe, sehe ich einen Typen aus Kuba, einen aus Puerto Rico, einen aus Ghana, einen Reichen, einen Armen. Wenn du empathisch bist, erkennst du, wie viele unterschiedliche Menschen hier sind mit den unterschiedlichsten Geschichten. Ich bin Chilene, mein Vater hat arabische Wurzeln, meine Mutter französische, ich wurde in den USA geboren, bin aber nach Chile gezogen – es ist wie ein zerbrochener Spiegel, der aus all diesen Identitäten besteht, die wir zu sehen bekommen. Mir gefällt es, dass du erkannt hast, dass ich auf dem Album von hier nach da nach dort gegangen bin. Aber das habe ich nicht nur getan, weil ich experimentieren wollte, ich wollte die Geschichte aus der Sicht von verschiedenen Leuten, durch verschiedene Leben, durch verschiedene Denkweisen und verschiedene Arten von Schmerz erzählen. Ich habe natürlich keine Kontrolle darüber, wie die Leute meine Musik wahrnehmen, aber ich hoffe, dass sie das vielleicht spüren.

In deiner Musik ist immer eine gewisse Traurigkeit und Melancholie zu spüren. Zum Beispiel dein Remix von „Billie Jean“ von Michael Jackson. In viereinhalb Minuten erzählst du allein mit der Musik alles über die zerrissene Persönlichkeit Michael Jackson. Wo kommt diese Traurigkeit her?

Es hängt davon ab, an welchem Punkt in meinem Leben ich mich gerade befinde. Als ich mit meiner Mutter sieben Jahre lang in Chile gelebt habe, waren das sehr schwierige Zeiten für mich, die immer noch in mir hochkommen. Das mag vielleicht ein Grund dafür sein. Ich höre hauptsächlich sehr melancholische und traurige Musik.

Dein Vater Alfredo Jaar ist ein bekannter bildender Künstler. Er spielt auf SIRENS eine wesentliche Rolle. Ein Gespräch mit dir als Zweijähriger, das aufgenommen wurde, kurz bevor du dich von ihm trennen musstest, weil du mit deiner Mutter nach Chile gegangen bist, bildet die Grundlage des Tracks „Leaves“.

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb ich diese Konversation eingebaut habe. Der erste ist lustig. Einmal sagt mein Vater zu mir: „Lass uns aufhören mit dem traurigen Zeug und tanzen gehen.“ Danach beginnt der Reggae-artige Song. Es ist als Witz gedacht. Ich mag bittersüße Dinge. Ich glaube, dass in jeder Sache, mag sie auch noch so traurig sein, ein Stück Humor steckt. Das Gespräch mit meinem Vater stammt von einer alten Videocassette, die ich im Haus meiner Eltern gefunden habe, als sie gerade umzogen. Es war zu der Zeit, als ich die Arbeiten am Album beendete. Nachdem ich das Video gesehen hatte, habe ich erkannt, dass ich schon als Zweijähriger gewusst habe, wer mein Vater war, und um was es bei diesem Gespräch gegangen ist. Ich dachte immer, dass ich damals, als ich nach Chile ging und mich von meinem Vater trennen musste, nicht gewusst hätte, wer er war, doch als ich die Aufnahmen sah, wurde mir bewusst, dass ich ganz genau wusste, wer er war und dass ich die Trennungssituation damals schon erfasst hatte. Du hast als Zweijähriger schon ein Bewusstsein für die Dinge, die sich ereignen.

Roger Kisby Getty Images
Andrew Benge Redferns via Getty Images


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