Highlight: Diese drei Bluetooth-Lautsprecher sind die besten fürs staubige Festivalgelände

Reportage

Nordisch by Nature: Zu Besuch beim Vill Vill Vest in Bergen

Am Samstag, eigentlich ist das Festival da schon dabei, steht dann plötzlich das Bergen auf der Bühne, das auch wir in die Jahre gekommenen Indie-Nasen sofort wohlig umarmen. Genauer: Kommode, die Band von Eirik Glambek Bøe, in den Frühnullern eine Hälfte der auch in Deutschland so innig geliebten Kings Of Convenience, die lange Zeit der bekannteste Pop-Export der Stadt waren, gibt auf einer der beiden Aftershowpartys – die andere schmeißt Made, jene Management-Agentur, die unter anderem die Welterfolge von Aurora und Sigrid verantwortet – ein kleines, aber umjubeltes Konzert, eingereiht zwischen fünf anderen Bands. Es ist wunderbar analoger Discopop, der gut in das Venue passt: Das „Landmark“ ist das Restaurant der Kunsthalle; einem mintgrünen Bau aus der Zeit der neuen Sachlichkeit. Mittags isst man auf formschönen Eames-Stühlen Fischgerichte, abends gibt’s bisweilen Konzerte. Im Flur sieht man über seinen Köpfen durch eine halbtransparente Decke die Schuhe derer, die in der temporär im Obergeschoss befindlichen Disco tanzen. Kurzum: Es ist ein wahnsinnig schöner Ort, und der analoge Disco-Pop von Kommode, der tatsächlich sehr an das erinnert, was Erlend Oye mit The Whitest Boy Alive macht, passt gut in dieses Retro-Feeling. Sogar, das ist keine Lüge, sogar die großen Grünpflanzen, die auf einer Empore oberhalb des Tresens stehen, tanzen mit dem Bass.

Es ist ein guter Abschluss für drei Tage, in denen man eher selten in diese gelöste Stimmung kommt, was bei Veranstaltungen wie dem Vill Vill Vest ja systemimmanent ist: Das Festival in Bergen ist eben nicht nur das, ein Festival. Es ist auch eine Konferenz, es ist ein Ort, an dem vor allem Gedanken ausgetauscht werden. Hier wird Musik nicht nur gehört, sondern in erster Linie verhandelt.

Man kennt das von den großen Branchentreffen, vom Reeperbahn-Festival in Hamburg, vom South By Southwest in Austin oder vom Spot in Aarhus; und oftmals ist es eher anstrengend als anregend, in Panels zu sitzen und sich Vorträge über Digitalisierung, über Vertriebsstrukturen, über Ticketing, den Live-Markt oder die Zukunft der Musikindustrie anzuhören. Dass das in Bergen nicht so ist, dürfte vor allem an der Größe der Stadt (und des Festivals) liegen: Das Literaturhuset wirkt mit seinem hellen Holz wie eine Bibliothek, die Wege sind kurz, die Säle klein. So hat man das Gefühl, dass man nach einigen Panels alle anderen Teilnehmer zumindest schon einmal gesehen hat. Vor allem aber ist das Tagesprogramm nicht zu umfänglich und sorgsam kuratiert. Neben den üblichen Themen wird immer wieder die Verbindung zu dem geschaffen, um das es bei so einer Veranstaltung ja auch gehen soll: die Freude an der Musik.

Irmin Schmidt im Gespräch mit dem Musikjournalisten Wyndham Wallace.

Erstes Beispiel: ein Vormittag mit dem großen Irmin Schmidt. Das Can-Gründungsmitglied erzählt dem britischen Musikjournalisten Wyndham Wallace – ja, was genau eigentlich? Ach, eigentlich sein ganzes Leben. Wie er Neue Musik entdeckte, wie er bei Karlheinz Stockhausen lernte, wie er als Dirigent reüssierte und wie er schließlich in New York langsam bemerkte, dass es neben der so schweren Klassik noch andere Möglichkeiten geben müsse. Davon, wie limitiert die Arbeitsmöglichkeiten waren, auf die Can anfangs zurückgriffen und wie diese Limitationen ihn schulten. Von Matratzen an den Wänden des Studios, von Besetzungswechseln und auch davon, wieso bei Can auch diejenigen, die nichts zu einem Stück beitrugen, etwas dazu beitrugen.

Oder Röyksopp, das norwegische Elektro-Nationalheiligtum. Ursprünglich aus Stavanger, aber seit 20 Jahren in Bergen beheimatet. Zwar hatte man auch ihnen einen Moderator an die Hand gegeben. Aber eigentlich war der überflüssig. Svein Berge und Torbjørn Brundtland nahmen das Ruder selbst in die Hand und versorgten den knüppelvollen Saal mit so einer Art Hybrid aus Vortrag und Diashow, der sich in einigen Aspekten interessant mit dem verschränkte, was Schmidt am Tag vorher erzählte. Auch bei ihnen ging es um die Macht der Arbeitsmittel, um das Gefühl, etwas zu tun, mit dem man alleine auf weiter Flur ist und um den Anspruch, eine gänzlich neue Art der Musik zu verfassen. Was indes von dem Talk im Kopf bleiben wird, ist ein Foto, vielleicht das erste Bild der Band. Zwei Pimpfe, elf oder zwölf Jahre alt vor ihren Keyboards. Im Hintergrund etwas, das wie eine Sprossenwand aussieht. Und vor der Bühne ein vereinzelter Zuschauer. Lange Haare, Jeanskutte. Schön, dass auch große Karierren so losgehen.

Oben: früher. Unten: heute. Röyksopp blickten auf dem Vill Vill Vest auf ihre Bandgeschichte zurück.

Oder zumindest früher so losgingen. Denn einen Raum weiter zeigt sich, wie planvoll heute agiert wird, wenn es um den Aufbau von Pop-Karrieren geht. Natürlich sprechen wir hier von einer anderen Art von Pop, von jener, in der der kommerzielle Erfolg mindestens genauso wichtig ist wie der künstlerische. Drei A&Rs sitzen auf dem Podium, einer von Universal Deutschland, einer vom Warner-Unterlabel Asylum und einer von Ninja Tune. Ihr Auftrag: sich einmal quer durch die Musikszene Bergens zu hören. Zehn Acts aus der Stadt stellen sich vor, jeder hat einen Song mitgebracht, der zwei Minuten angespielt wird.

Gitarrenmusik ist mausetot

Interessant ist dabei zweierlei: Zunächst einmal fällt auf, wie schnell und treffsicher die Herren (ja, ausschließlich Männer sitzen auf diesem Podium, ansonsten bemüht man sich bei dem Festival durchaus um Geschlechtergerechtigkeit) die Songs bewerten und analysieren. Wie sie dazu raten, einzelne Parts zu verändern oder zu verschieben. Wie sie einem jungen Künstler, dessen Song eigentlich recht fertig klingt und in seiner Clean-Bandit-haftigkeit auch durchaus erfolgversprechend, eben jene Nummer-sicher-Attitüde ziemlich heftig um die Ohren schlagen. „Keine Musik mit Drop mehr, bitte. Der Drop ist vorbei. Es gibt Radiosender, die spielen so etwas nicht einmal mehr“, sagt einer der Entscheider aus der Musikindustrie, der Künstler blickt geknickt. Das zweite, was auffällt: Zumindest, wenn man dieses Panel als Maßstab nimmt, ist Gitarrenmusik mausetot. Kein einziger der Songs hat auch nur irgendwas mit Rock zu tun, Genres, die vorkommen sind Dancepop. R’n’B, Jazz und verschiedene Elektronika, gerne auch vermischt.

Moyka ist bei Made Management unter Vertrag, der Firma, die für den Erfolg von Aurora und Sigrid verantwortlich zeichnet.

Ein Eindruck, den die Konzerte am Abend bestätigen. Der Sound von Bergen ist eher smooth. Manchmal – das kennt man ja von Aurora und Sigrid – dem Pathos nicht abgeneigt wie etwa Put Your Hands Up For Neo-Tokyo. „True Norwegian Black Pop“ steht als Einzelbezeichnung auf der Facebook-Seite des Künstlers. Dessen glockenhelle Stimme liegt auf einem passgenauem Hybrid aus ambienter Elektronik und EDM. Das Problem: In zehn Jahren wird man genau merken, wann diese Musik aufgenommen wurde. Interessanter sind da schon Finding Neo, ein Duo, das auf der Bühne zur vollen Band wird: Deren Pop ist eher in den 90er-Jahren grundiert, perlt irgendwo zwischen Jazz der Talkin’-Loud-Schule, Sade und den frühen Cardigans und leistet sich live angenehme Ausuferungen. Es ist Musik, die angenehm zeitlos wirkt, gleichzeitig sehr abgehangen und blutjung. Und die so gar nicht nach dem Regen und nach den elf Grad klingt, die es draußen hat.

Das Vill Vill Vest 2018 fand vom 13.-14. September in Bergen statt. Die Reise wurde vom Festival unterstützt.

Helge Brekke
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