Konzertkritik

Paul McCartney live in Wien: „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“

Das hat die Wiener Stadthalle noch nicht gesehen: Menschenschlangen winden sich um den Block, zehn mal länger als die vor dem Berghain. Aber hier findet jeder Einlass. Jeder, der ein Ticket für mindestens 100 Euro erworben hat. Paul McCartney spielt das erste von zwei Konzerten in Wien – natürlich sind beide ausverkauft.

Pünktlich um 19.30 Uhr werde es losgehen, warnt der Veranstalter. Wer rechtzeitig erschienen ist, wird von einem DJ hingehalten, der McCartney-Songs zu einem Megamix verwurstet. Danach folgt noch ein Macca-Medley aus der Dose, dass man sich fragt, ob hier nicht schon das ganze Pulver verschossen wird, bevor die eigentliche Show startet. Aber keiner dieser Songs wird sich heute doppeln. McCartneys Werk ist ein Reich, in dem die Sonne niemals untergeht.

Das Licht erlischt. Ein Akkord knallt durch die Halle, wie ein Startschuss: „A Hard Day‘s Night“. Und dann geht’s ab ins Rabbit Hole der Rockgeschichte. Vielleicht interessiert es Sie, an dieser Stelle zu erfahren, dass Paul McCartney nicht gut bei Stimme ist. Dass er an beiden Abenden dieselben Anekdoten erzählt. Oder dass Gitarrist Rusty Anderson das Solo von „Something“ heute verkackt, und es morgen wieder tun wird. Aber all das geht am Kern vorbei.

Paul McCartney live zu sehen ist wie in den Grand Canyon zu schauen: Das Hirn muss sich erst an diese unwirkliche Situation gewöhnen. Da steht er jetzt, leibhaftig. In ihm ist Pop Fleisch und Blut geworden. Vor Elvis gab es nichts, hat John Lennon einmal gesagt. Und es ist gut möglich, dass es nach Paul McCartney auch nichts mehr geben wird. Nichts, wofür er nicht schon die Saat gelegt hat.

Heute ist er 76 Jahre alt und spielt wie selbstverständlich drei Stunden lang: Beatles-Hits, Wings-Klassiker, neue Singles, vergessene Albumtracks. Dass Monolithen wie „Yesterday“ oder „Penny Lane“ fehlen, fällt nicht einmal auf. Dass kann sich nur McCartney leisten.

„Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“, sagt er am Ende. Als hätte er mit der Coda zu „Hey Jude“ nicht das genaue Gegenteil propagiert. Aber auch die ist längst gespielt. Bleibt ihm nur noch eines zu singen: „And in the end the love you take is equal to the love you make.“ Wien, wenn du so viel Liebe machst, wie du an diesen Abenden geschenkt bekommen hast, wird deine Geburtenrate explodieren.


7 Konzerterlebnisse, die uns für immer im Gedächtnis bleiben
Weiterlesen