Phil Collins


Name: Collins Vorname: Philip Geburtstag: 30. Januar 1951 Geburtsort: Hounslow (London) Größe: 172 cm Farbe der Augen: blaugrau Unveränderliche Kennzeichen: Collins tragt karierte Hemden und gräßliche Wollpullis. Seine aufreizende Unscheinbarkeit steht allerdings in krassem Gegensatz zu weitverzweigten Operationen, die Collins mit beträchtlicher Fortune betreibt. Von Abbas Frida bis Robert Plant, von Phil Bailey bis Eric Clapton produziert er alles, was ihm vor die Flinte kommt; schüttelt im Duett mit Phil Bailey im Vorbeigehen einen Hit aus dem Ärmel und schafft es obendrein, Genesis und Solo-Karriere locker unter einen Hut zu kriegen. Der Mann sollte im Auge behalten werden.

ME/Sounds: Je alter au wirst, desto mehr arbeitest du mit Leuten zusammen, die man gewöhnlich als musikalische Schwergewichte bezeichnet. Gibt es eigentlich noch irgendwen, der dich unsicher machen könnte, bei dem du ins Schwimmen geraten würdest?

Collins: „Ja. die Sache mit Philip Bailey hat mir im vorhinein ein bißchen Sorgen gemacht. Laß mal sehen… Maurice White.

(Bailey war Sänger bei Maurice Whites Gruppe Earth. Wind & Fire -Red.) Nicht daß die Wahrscheinlichkeit groß wäre, daß ich je mit ihm arbeiten werde. Wir kommen ganz gut klar, aber ich glaube trotzdem, daß er sich über die Tatsache ärgert, daß ich seine Bläsergruppe (die Phenix Horns, die White ursprünglich für Earth, Wind & Fire zusammengestellt hatte) benutzt habe. Und daß Phil Bailey einen Hit hatte, nimmt er mir jetzt vermutlich noch übler.

Mit jemandem wie Maurice White zu arbeiten, würde mir wahrscheinlich wirklich ein wenig Angst machen, weil das schon echte Großhändler in Sachen .Gefühl‘ sind, weißt du. Obwohl ich glaube, selbst ein glückliches Händchen zu haben, könnte ich sicher eine Menge von ihm lernen. Und das wäre einer der Gründe, warum ich es machen würde. Aber er würde mir mit Sicherheit mehr Schweiß auf die Stirn treiben ais sagen wir – McCartney Andererseits: Wenn mich jemand bittet, eine Produktion zu übernehmen, nehme ich an, daß er davon ausgeht, daß ich das auch kann. Und dieser Gedanke läßt mich wieder ruhig schlafen. Ich gehe nicht hausieren! Ich laufe nicht herum und bettle darum, die Alben anderer Leute produzieren zu dürfen! Manchmal fühle ich mich allerdings am ersten Tag eines Projekts etwas unsicher…“

ME/Sounds: Du hast gerade Eric Claptons neues Album BEHIND THE SUN produziert…

Collins: „Ja, das ist so ein Beispiel. Eric ist ein wirklich guter Freund; wir sind sogar Nachbarn und kannten uns sehr gut. bevor wir ins Studio gingen. Dann bringt er am ersten Tag sein Gitarrensolo – und (lacht) du mußt dann sagen, was du davon hältst! Das ist immer ein bißchen heikel.

Dasselbe bei Phil Bailey. Phantastischer Sänger, einfach ein Gedicht, aber trotzdem mußt du versuchen, das Letzte, das Quentchen Extra aus ihm herauszuholen… Da braucht’s eine Menge psychologische Kriegsführung.

Aber ich glaube, ich kann das ganz gut, weil ich selbst Musiker bin und auch die andere Seite kenne. Wenn ein Produzent sagt: Jaa, das klingt… in Ordnung. Versuch ’s noch mal‘, dann fängst du zu grübeln an, fragst dich: ,Au, au. vielleicht sing ich falsch?’Wenn du aber hörst: ,Jaa.‘ Die Post geht ab!‘, denkst du: .Ah, es geht in die richtige Richtung. Weiter so!‘ Die Psychologie dahinter ist ungemein wichtig. Vielen Produzenten sind die kleinen Gefühle und Unsicherheiten des Künstlers völlig wurscht. Nein, halt, das ist sicher eine unzutreffende Verallgemeinerung. Aber trotzdem: Auf baiden Seiten des Zauns zu stehen… hilft.“

ME/Sounds: Ist es dann nicht schwierig, sich auf Situationen einzustellen, die so radikal unterschiedlich sind wie die, in denen du gearbeitet hast? Das ist doch ein weiter Weg von Robert Plant zu Frida.

Collins (lacht): „Klingt wirklich extrem, wenn man es in diesem Zusammenhang hört. Nun, ich hatte schon immer ein bißchen von einem Chamäleon, besonders als Schlagzeuger. Ab und zu setze ich mir gerne meinen Keith Moon-Hut auf, dann wieder meinen Ringo- oder John Bonham-Hut. Meinen Ginger Baker-Hut hab‘ ich allerdings lange nicht mehr aus dem Kleiderschrank geholt. An diese Stile kann ich mich recht schnell akklimatisieren.

Auf allen Platten, die von mir produziert wurden, habe ich auch selbst gespielt außer auf Claptons Album. Ich steuere das lieber gleich selbst so, als meine Vorstellungen einem anderen Drummer erklären zu müssen. Dann nämlich wird das Produzieren vertrackt. Auf Erics Platte hat Jamie Oldaker gespielt; und der hat beispielsweise ganz genau aufgepaßt, ob ich seinem Schlagzeug den Sound verpasse, den ich selbst benutze…“

ME/Sounds: Diesen gewaltigen, raumfüllenden „In The Air‘-Sound?

Collins: „Ja. Der Raum, den wir in Montserrat benutzt haben, war allerdings nicht besonders gut geeignet dafür.

Aber ich habe die eigentliche Frage nicht beantwortet? Stimmt… Ich mag die stilistische Spannbreite in der Musik. Das ist einer der Gründe, warum Genesis weiterhin zusammenbleiben. Im September sind wir Phils Frau ist mit von der Partie. Jill, eine zierliche Blondine, muß wohl oder übel mit ihrem Mann zur Arbeit gehen. Denn arbeiten ist so gut wie alles, was Phil Collins tut. Keyboarder Peter Robinson wird vom großen Boß gestellt, als er sich für eine Tasse Tee backstage verkrümeln will. „Pete!“ Collins Stimme klingt anklagend. „Pete, wir müssen doch den Soundcheck machen!“ Daß irgendwer das Schiff auch nur für eine Teepause verläßt, ist für ihn fast schon Sabotage – bei Collins dauern die Soundchecks schließlich länger als bei andern Leuten die Auftritte. Selbst nach dem ersten Monat einer Tour, die über ein halbes Jahr dauern wird, wirft er sich immer noch mit Volldampf auf die Proben.

Man mag über Collins sagen, was man will, aber eines ist sicher: Der Mann hat seine Berufung gefunden. Schlagzeug, Keyboards, Singen, Genesis oder Solo, Produzieren und permanent als Sideman gefragt sein – solange es um Musik geht, ist Phil Collins in seinem Element. Er beschreibt sich selbst als „geradeaus“ und würde viel lieber machen als übers Machen reden. Man wird das Gefühl nicht los, daß er Zappas Verdikt („Von einem Rockkritiker interviewt zu werden, ist ungefähr so natürlich wie Sex mit einem Seeigel“) sofort unterschreiben würde. Nichtsdestotrotz ist er aufgeschlossen und freundlich – und aus den mageren 15 Minuten Interview, die ursprünglich angesetzt waren, wurde schließlich das Dreifache.

wieder im Studio – mehr als zwei Jahre seit den letzten Aufnahmen. Und in dieser Zeit habe ich an diversen Platten mitgearbeitet, die unterschiedlichsten musikalischen Erfahrungen gemacht, eine Menge neuer Ideen bekommen, die ich in die Band einfließen lassen kann. Dasselbe gilt für die anderen Jungs in der Band. Die eine Sache hält dich frisch für die andere. Ich hasse Stillstand.“

ME/Sounds: Hat deine Loyalität zu Genesis denn wirklich musikalische Gründe? Oder basiert das mehr auf Freundschaft? Viele Kritiker sind ja der Ansicht, daß du der einzige bist, der diese Gruppe noch trägt.

Collins: „Ich bin nicht sicher, ob du musikalische und persönliche Gemeinsamkeit trennen kannst. Im Normalfall kommen Bands doch zusammen, weil die Mitglieder miteinander befreundet sind – bevor überhaupt vertragliche oder selbst musikalische Überlegungen ins Spiel kommen.

Genesis ist auf diese Art entstanden: Das waren eine Handvoll Freunde, die zusammen spielen lernten. Und Freundschaft ist in der Band noch immer der grundlegende Faktor.

Wenn ich vor die Wahl gestellt wäre, mich zwischen meiner Musik und Genesis zu entscheiden, würde ich sicher mein eigenes Ding wählen. Zum Glück wurde ich nie zu dieser Entscheidung gezwungen. Außenstehende können oft nicht verstehen, warum ich bei der Band bleibe, wo ich doch allein so erfolgreich bin! Oder warum es Genesis überhaupt noch gibt, da sich die Band, nachdem sie es so lange gibt, doch einfach überlebt haben müsse. Aber wir schreiben die Musik für uns! Wir schreiben überhaupt nicht für unser Publikum oder unsere Kritiker. Und wir schreiben nicht für eine bestimmte Musik-Periode oder Mode. Die Mode haben wir einfach links überholt; wir sind außen vor, könnte man sagen.“

ME/Sounds: Denkst du über deine Solo-Musik genauso? Oder bist du in der Beziehung modebewußter?

Collins: „Hmmm… Mein Schreiben hat vor allem mit dem zu tun, was ich gerade höre; und normalerweise höre ich R & B. Ich bin nicht sehr auf dem laufenden, muß ich zugeben. Wenn ich durch Amerika fahre und im Autoradio ein paar gute Sachen höre, dann kauf ich mir die Platten – und das ist dann so ziemlich alles, was ich die nächsten sechs Monate höre. Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der ,Two Tribes‘ noch nicht gehört hat.

Hmmm … an sich unterscheidet sich der Prozeß bei meinen Platten nicht wesentlich von Genesis. Ich stelle einfach aus Songs, die ich hören will, Alben zusammen. Aber das macht jeder so, oder?

Auf NO JACKET REQUIRED ging es ein bißchen in die Balladen-Ecke. Ich liebe nun mal Balladen – .Balladen‘ ist ein schreckliches Wort, klingt so nach Barry Manilow. Sagen wir, ich liebe langsame Songs. Aber ich hatte mir gleichzeitig das Ziel gesetzt, Songs zu schreiben, die ich vorher noch nicht geschrieben hatte. Sie sollten optimistischer und tanzorientierter sein.“

ME/Sounds: Heißt das, daß du in der Phase auch selbst optimistischer warst?

Collins: „Ja. Ich habe angefangen zu schreiben, weil ich unglücklich war – oh ¿

Gott, jetzt klinge ich fast wie Leonard Cohen. FACE VALUE war jedenfalls das Produkt meiner Scheidung. Ich mußte mich irgendwie beschäftigen, also stürzte ich mich in die Arbeit, um mein Acht-Spur-Studio in Gang zu kriegen. Ich merkte gar nicht, daß ich eine Platte machte, bis ich eine Handvoll halbfertiger Demos hatte.

Du bist nicht der erste, der mir sagt, .Die neue Platte ist entspannter, also muß es dir besser gehen‘. Ich bin wirklich glücklicher! Ich hatte meine jetzige Frau schon getroffen, als ich aus meiner Scheidungs-Depression aufwachte – lange bevor ich die endgültigen Versionen der FACE VALLJE-Songs aufnahm. Ich mußte bloß noch diesen Haufen trauriger Songs aufnehmen! Ich will nicht ewig als der Typ gelten, der keine Beziehung am laufen halten kann, verstehst du?“

ME/Sounds: Trotzdem hast du auf dem neuen Album einen Song, der heißt „Doesn’t Anybody Stay Together Anymore?“

Collins: „Der entstand an einem Tag im Studio, als (Co-Produzent) Hugh Padgham, (Manager) Tony Stratton-Smith und ich zusammensaßen. Tony war gerade geschieden worden – und wir unterhielten uns über all unsere Freunde, die sich 1984 von ihren Partnern getrennt hatten. Die Liste war endlos. Eric und Patti Clapton sind jetzt wieder zusammen, Gott sei Dank. Ich hatte sie immer für das ideale Paar gehalten und dann, ganz plötzlich, bricht so was auseinander… Du denkst, .Mein Gott, was geht hier eigentlich vor?‘ ,Doesn’t Anybody Stay Together Anymore‘ gibt dieses Gefühl wieder.“

ME/Sounds: Fühlst du dich nicht bis zu einem gewissen Grad befangen, solche Themen auf Platten zu pressen ? Du breitest doch etwas sehr Privates in der Öffentlichkeit aus. Schaust du dir nicht manchmal deine Texte an und denkst, „Das geht zu sehr ins Eingemachte, das kann ich nicht aller Welt unter die Nase reiben „.

Collins: „Nein, nein.“

ME/Sounds: Du meinst, das ist wie ein privater Exorzismus: Wenn man seinem Schmerz Ausdruck verleiht, dann wird er auch verschwinden.

Collins: „So ungefähr. Als ich die FACE VALUE-Songs schrieb, dachte ich: ,Also. das könnte ich ihr niemals am Telefon sagen; aber wenn sie diese Songs hört, wird sie schon verstehen.‘ Die Lieder waren eigentlich Briefe an meine Ex-Frau. Viele Leute meinen ja, man sollte seine Gefühle nicht auf diese Art breittreten. Aber das ist nur ein Auswuchs des anderen Trugschlusses: Daß Männer nicht weinen dürfen. Ich habe da nie Skrupel gehabt.“

ME/Sounds: Wenn du diese Songs auf der Bühne singst, mußt du dich dann in den damaligen Gemütszustand zurückversetzen?

Collins (lacht): „Tja! Das ist der schmale Grat zwischen Seele und Schauspielerei!

Ich könnte dir nicht in die Augen schauen und behaupten, daß ich bei 90 Shows jeden Abend rausgehe und mein Herz bluten lasse.

Aber manchmal … ich habe in der Albert Hall gesungen, als Eric und Patti im Publikum saßen; und sie waren gerade seit dem Tag wieder zusammen. Als ich .If Leaving Me Is Easy‘ sang, hatte ich das Gefühl, nur für sie zu singen.

Aber es macht mir durchaus auch Spaß. die Songs zu singen; und selbst wenn ich versuche, sie emotional zu bringen, leide ich natürlich nicht wirklich, (lacht) Das sind halt bloß Songs. Manchmal treffen sie den Nerv und manchmal nicht.“

ME/Sound: Was geht dir denn sonst durch den Kopf, wenn du auf der Bühne stehst? Hörst du ständig zu, ob auch alles am rechten Fleck ist?

Collins: „Nein, ich habe zum Gluck eine Band, in der jeder genau weiß, was er zu tun hat. Du mußt dir keine Sorgen machen, ob (Bassist) Lee Sklar auch sauber spielt. Auf meiner ersten Tour als Leader habe ich noch versucht, die Band in jeder Hinsicht zu kontrollieren. Ich hatte das Gefühl, die Musik zu besitzen; sie gehörte mir! Na ja, ich war wohl ein kleiner Tyrann.

Heute sehe ich das anders, auch wenn ich von den Leuten immer noch verlange, daß sie meine Musik spielen – und nicht ihre Interpretation meiner Musik. Wir diskutieren das ganz offen, hören uns jeden Tag die Bänder vom Auftritt vorher an und überlegen, was wir verbessern können.

Aber wir sind auch nicht pingelig – ein Gig ist ein Gig. Und wenn er uns und dem Publikum Spaß macht, dann ist das die Hauptsache. Am Ende der Tour wird unsere zusammengewürfelte Neun-Mann-Band phantastisch spielen. Und dann sagen wir alle auf Wiedersehen, (zuckt die Achseln) Aber so geht’s.“

ME/Sounds: Arbeitest du eigentlich unter dem Druck, deine bisherigen Erfolge einstellen zu müssen oder kannst du mit dem Gedanken leben, nicht ewig obenauf zu schwimmen?

Collins: „Ich will natürlich ein besseres Album machen als das letzte; knalligere Songs, bessere Gesangs, angesagtere Arrangements. Aber allzusehr zerbreche ich mir darüber nicht den Kopf. Ich kann nicht einfach sagen, .Gut. und jetzt schreib‘ ich einen Song, der besser ist als ,In The Air.'“

ME/Sounds: Du redest jetzt vom kreativen Aspekt; ich meinte eigentlich mehr den kommerziellen Erfolg deiner Platten…

Collins: „Nein, das hat keinen Einfluß auf meine Arbeit, auch wenn natürlich keiner zufriedener ist als ich, wenn eine Platte erfolgreicher ist als die letzte. Besonders die Verkäufe in den Staaten sind im Moment unglaublich, und, um ehrlich zu sein, ich bin dauernd überrascht, daß mir das passiert. Die Tatsache, daß jemand wie ich den Madison Square Garden füllen kann, überrascht mich jeden Tag aufs neue.

Ich möchte hier nicht wie ein bescheidener Saubermann wirken; aber ich bin wirklich ein ziemlich unkomplizierter Kerl. Ich schreibe einen Song darüber, wie ich mich fühle – und dann stelle ich mich auf die Bühne, um zu sehen, wie sich andere Leute bei diesem Song fühlen – um so die Energie vom Publikum zurückzubekommen…

Ich weiß, daß das reichlich banal klingen

muß, wie eine hausgemachte Philosophie. Aber so geht’s mir nun mal … Ich bemühe mich, über die rein kommerziellen Aspekte nicht allzuviel nachzudenken, obwohl ich genau weiß, daß eine Ballade in Amerika als Single größere Chancen hat als etwa ein harter Rocker.“

ME/Sounds: Und was ist mit den visuellen Überlegungen? Genesis war ja ursprünglich eine sehr theatralische Band. Und inzwischen befinden wir uns in einer Ära. in der Mick Jagger sagt, daß er beim Schreiben von Songs erst an die Videos und dann an die Melodien denkt…

Collins: „Das ist nicht mein Stil. Ich betrachte Videos als Werkzeug, um Singles in einem Land zu promoten. in das man nicht auf Tour geht. Ich mag einfache Videos, auch wenn ich die eher komplizierten durchaus bewundere: ,Undercover‘ etwa fand ich toll.

Und auf der anderen Seite die Videos von Asia oder Duran Duran… Gut, ein paar Duran-Sachen sind ganz eindrucksvoll, aber ich hab‘ keinen Bock, drei Monate nach Sri Lanka zu gehen, um einen einzigen Song zu filmen! Das Video zu ,You Can’t Hurry Love‘ haben wir in sechs Stunden gemacht, nachdem wir eine Nacht geprobt hatten.“

ME/Sounds: Fühlst du dich als weißer Engländer in der schwarzen Musikwelt Amerikas manchmal wie ein kolonialer Eindringling?

Collins (lacht): „Nein. Ich bin natürlich stolz, in den RSB-Charts vertreten zu sein, aber ich versuche nicht den Eindruck zu erwecken, als wäre ich lieber schwarz geboren worden. Ich weiß nur zu gut, daß ich weiß und in Hounslow geboren wurde. Ich versuche bloß, in einem Genre, das ich mag, Songs zu schreiben. Daß dabei etwas anderes herauskommt, als die Musik von jemandem, der in Detroit oder in der Bronx aufgewachsen ist. liegt auf der Hand. R & B-Fan zu sein – und auch von diesem Publikum akzeptiert zu werden, finde ich toll…“

ME/Sounds: Das haben nicht viele weiße Acts geschafft, allenfalls die Talking Heads…

Collins: „Ich mag David Byrne sehr. Ich habe gerade ein Video gesehen, das die Talking Heads fürs englische Fernsehen gemacht haben. Ein Live-Auftritt, unterbrochen von außergewöhnlichen Film-Clips. Da gab’s einen Teil, in dem sie zwischen Breakdance und afrikanischen Stammesriten hin- und herschnitten. Sagenhaft.

Das erinnert mich … da gibt’s einen Song auf FACE VALUE namens .Hand In Hand‘, der sich zu einem Frage- und Antwort-Dialog entwickelt hat. Ich mache ,Yay-O‘, dann macht die Gruppe ,Yay-O‘. Klingt wie Harry Belafonte! (lacht). Bei einem Benefiz-Konzert in der Royal Albert Hall haben wir vor Prinz Charles gespielt, und der kam nachher zu mir (Collins imitiert die Stimme des Prinzen) und meinte ,Ihr Negro-Spiritual hat mir wirklich sehr gefallen! Ich bin sehr angetan von Neger-Musik!‘ (lacht).

ME/Sounds: Bei jeder Erwähnung von “ Yay-O“-Refrains muß ich sofort an Police denken. Sting singt auch auf NO JACKET REQUIRED. im Chor mit Helen Terry und Peter Gabriel beim Song “ Take Me Home“. Wie ist es dazu gekommen ?

Collins: „Da muß ich ein bißchen ausholen: Sting habe ich zum ersten Male getroffen, als wir THE SECRET POLICEMAN’S OTHER BALL gemacht haben; danach sind wir uns noch mehrmals über den Weg gelaufen, und wir kamen immer ganz gut klar. Er jammert dann viel über Police – und ich meckere über Genesis. Musiker jammern immer über ihre eigenen Bands, wenn sie sich treffen.

Und er erzählte mir, daß er ein eigenes Album machen wolle – und fragte mich, ob ich mitspielen wolle. Ich hab 1 dann auf den Demos mitgespielt, aber nicht auf der fertigen Platte. Inzwischen hatte er mich gefragt, wie ich mit meinem Album vorankomme – und angeboten, darauf zu singen; er macht liebend gern Backing Vocals. Gut, er kam ins Studio, und ich wurde plötzlich unglaublich unsicher – ich wollte ihm das Zeug nicht mal vorspielen. Bei meinen Texten war ich mir gar nicht so sicher, weil ich ihn für einen talentierten Schreiber halte.

Egal, schließlich hatte ich mich soweit, daß ich ihm ,Long Way To Go‘ vorspielte; und als er es spontan zu mögen schien, konnte ich mich entspannen. Er hat dann den Chorgesang gemacht, und für ,Take Me Home‘, mehr so ein Busch-Ding, gleich auch noch. Und da ich wußte, daß Pete (Gabriel) sich für so etwas interessiert, lud ich ihn auch gleich ein. Helen Terry wird von Gabriels Management betreut; also kam sie auch mit. Ich selbst habe nicht viel Geduld mit Backing Vocals. Sting beschäftigt sich stark damit und hat ein paar Gesangs-Arrangements vorgeschlagen, auf die ich nie gekommen wäre.“

ME/Sounds: Du warst mit Sting auch bei den Aufnahmen zur Band Aid-Single. Gab es da eigentlich eine Generations-Kluft, die euch von den jüngeren Popstars trennte?

Collins (kichert in sich hinein): „Ja, ich habe mich ganz schön alt gefühlt. Außer Status Quo’s Rick Parfitt und Francis Rossi waren Sting und ich die ältesten. Aber es gab da keinerlei Ego-Reibereien; jeder war freundlich zu mir. Simon Le Bon und John Taylor kamen zu mir und meinten ,lt’s a real pleasure to meet you, Phil‘. Sie erzählten mir, daß sie mal draußen vor einem Theater in Birmingham standen, um mein Autogramm zu kriegen, als ich mit Genesis spielte. Jeder klopfte jedem auf die Schulter. Es war ein ungewöhnlicher Tag.

Ich hatte keine Ahnung, daß das so eine große Sache werden würde. Geldof erzählte mir, es ginge um ihn, Midge Ure, Sting, mich und Whams George Michael. Ich kannte George Michael gar nicht. Als Geldof sagte ,George Michael und Wham‘, dachte ich, das wäre ein Trio; George, Michael und Wham. Wie Crosby, Stills und Nash – da siehst du, wie versiert ich in der neuen Teen-Musik bin.

Hey, wieviel Uhr ist es eigentlich? Hör zu, ich muß meine Stimme vor der Show noch ein bißchen auf Eis legen. Ich fühle, wie sie langsam vor die Hunde geht. Das ist das Leid mit uns Sängern, die keine richtigen Sänger sind, verstehst du?“