Interview

Phil Oakey von The Human League: „Dass ich keine Drogen nahm, hat uns gerettet“

„Don’t You Want Me“, „Being Boiled“, „Human“, „Together (In Electric Dreams)“ – die Sheffielder Synthiepop-Pioniere The Human League, von denen nur noch Sänger und Songwriter Phil Oakey (63) zur Original-Besetzung von 1977 gehört, sind derzeit auf Deutschland-Tournee und spielen ihre Hits noch in Hannover (13.11.), Frankfurt (15.11.) und Köln (16.11.). Wie schon Anfang der Achtziger wird Oakey bei den stilsichereren Live-Shows der Band eingerahmt von Joanne Catherall und Susan Ann Sulley – den zwei tanzenden Damen im Glitzerfummel. Im Interview erzählt Oakey von seinem Unmut über den Brexit, einer Absage an Robbie Williams, den Plänen für ein neues Album und warum er The Human League für eine Glam-Band hält.

Mr. Oakey, Robbie Williams wollte Human League 2011 als Special Guest für die „Progress“-Tour von Take That gewinnen. Warum lehnten Sie das Angebot ab?

Ich wollte nicht, dass Human-League-Fans dieses Event besuchen müssen, nur um uns zu sehen. Denn es gibt einige Anhänger von uns, die das tun würden und den Haupt-Act vermutlich nicht gemocht hätten.

Die Pet Shop Boys haben es dann schließlich gemacht. Was stimmt denn nicht mit Take That?

Mir sind sie ein bisschen zu „middle of the road“. Außerdem hat uns David Bowie mal einen guten Tipp gegeben. In unseren Anfängen ist er uns diverse Male über den Weg gelaufen, als wir mit Iggy Pop auf Tour waren. Eine Aussage von ihm ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Er sagte: „Ich habe damals mit Ziggy Stardust die Entscheidung gefällt, nie wieder als Support aufzutreten. Und das rate ich Euch auch: Spielt nie wieder als Support!“

Und den Tipp haben Sie beherzigt?

Wir haben Bowie beim Wort genommen. Jedoch kam einige Monate später unser Label „Virgin“ auf uns zu und meinte, wir würden keine Platten verkaufen, also müssten wir die Talking Heads supporten. Das löste eine große Debatte innerhalb der Band aus. Wir willigten letzten Endes ein, aber anstatt auf Tour zu gehen, schickten wir nur ein Tape. Dazu sollten dann Dias gezeigt werden.

Im Ernst?

So war’s. Aber die Talking Heads entfernten uns von der Tour. Das Set, das wir damals für die Show aufgenommen haben, will ich bald als Platte rausbringen. Interessant war, dass einige Jahre später Tina Weymouth (Gründungsmitglied der Talking Heads, Anm. d. Red.) schwanger wurde und die Band sie dann als Tape mit auf Tour nahm. Die Talking Heads haben also unsere Idee gestohlen, nachdem sie es uns verwehrt hatten, sie auf ihrer Tour umzusetzen.

Und damit war das Thema der Support-Band für Human League erledigt.

Fast. Wir haben mal zusammen mit Bananarama in Manila gespielt, weil wir keine andere Möglichkeit sahen, mal dorthin zu kommen. Aber das war ein großer Spaß.

Wie erklären Sie sich, dass The Human League immer noch eine erfolgreiche Live-Band sind, obwohl das bisher letzte Studioalbum 2011 erschien?

Es muss wohl an der Herzensgüte der Menschen liegen, dass sie jedes Jahr wieder kommen! David Bowie, Prince und Michael Jackson sind tot. Wer eine solide Pop-Band sehen will, die die Show ernst nimmt und in einer Zeit aufwuchs, als Künstler noch ihre Bühnengarderobe wechselten und theatralisch waren, ist bei uns richtig. Denn in meinem Herzen sind Human League eine der letzten Vertreter der Glam-Bands.

Allerdings mit Synthesizern statt Gitarren.

Synthesizer waren Ende der Siebziger Neuland. Und wir wussten, dass wir es mit Gitarren sowieso nicht besser als Marc Bolan hinbekommen würden. Aber ich wäre gerne Mitglied von T. Rex gewesen. Die Jungs waren Vorbilder, die das Leben für mich erst lebenswert machten. Denn ich war damals ein unglücklicher Jugendlicher, der mit sich nichts anzufangen wusste.

Hat der Tod von Bowie Sie sehr mitgenommen? Er hatte Human League in den Anfängen für „den Sound der Zukunft“ gelobt.

Bowies Tod war eher schockierend als deprimierend. Denn ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass ich jemals wieder so traurig sein werde wie an dem Tag, als Marc Bolan starb. Mick Ronsons Tod war auch eine schlimme Sache für mich. Bei manchen Leuten denkt man, dass sie ewig leben werden, nicht wahr? Ich kann immer noch nicht glauben, dass Prince tot ist. Oder Michael Jackson. Ich liebe Michael Jackson! Aber alles, was es von diesen Leuten noch gibt, sind Kopien.

Wie meinen Sie das?

Im vergangenen Jahr traten wir in Las Vegas auf. Wenn du früher dort warst, waren die Theater voller Stars, wirklich legendäre Leute. Heutzutage stehen selbst auf der Bühne nur noch Tribute-Bands. Das einzige Original, das noch übrig war, war Cher. Und selbst die Show war nicht so gut wie sie hätte sein können. Veranstalter sind heutzutage knauserig und denken in erster Linie an Profit. Wir befinden uns also in einer Ära der Tribute-Bands. Menschen nehmen diese heutzutage so ernst wie früher die Originale, das ist sehr befremdlich.

Die Zeit der großen Stars ist also vorbei?

Man will ja nicht wie ein alter Mann rüberkommen, so nach dem Motto: „Oh, diese jungen Leute wissen ja nicht, was sie tun.“ Ich versuche immer, gegen solche Attitüde anzukämpfen. Aber ein Indikator, der dafür spricht, dass die Stars der alten Schule ausgestorben sind, ist, dass niemand mehr seine eigene Platte macht. Heutzutage sind da sechs Produzenten und diverse Gast-Songwriter involviert. Und oftmals schreibt sogar der Produzent die Songs, weil es sich sonst für ihn nicht rechnet. Als wir unsere wichtigen Alben machten, waren da höchstens sieben Leute im Studio, inklusive des Produzenten, und zwei davon schrieben alle Songs.


Video-Interview mit Sam Fender: „Ich wäre vermutlich Barkeeper geworden“ – Auf ein Flens mit…
Weiterlesen