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Interview

Vom Metal zum Mallorcaschlager: Wie aus einem Hardcore-Sänger die Ballermannfigur Richard Bier wurde

Wer im Jahr 2019 nur ein einziges Mal am Ballermann, auf einer Aprés-Ski-Party oder beim Karnevalsstunk war, kennt diese Nummer – alle anderen haben wohl noch nie von ihr gehört: Der „Bierkapitän“ zählt zu den größten deutschen Partyschlagerhits der Saison. Zeilen wie „Hier spricht der Bierkapitän, darf ich bitte mal die Bierbäuche sehen? Wohin es geht, ist scheißegal, Bier ist international!“ könnte man in einer unjecken Welt unter zwei Promille also getrost ignorieren – wenn ihr Erfinder und Interpret nicht so eine für die Branche unkonventionelle Karriere hingelegt hätte.

Der „Bierkapitän“ wird gesungen von einem Sonnenbrille, umgedrehte Basecap, „Bierzeps“-Shirt und Shorts tragenden Act namens Richard Bier. Richard Bier heißt eigentlich Patrick Portnicki, ist 37, arbeitete früher im Vertrieb einer Synchronsprecheragentur – und sang in der Aachener Hardcore-Metal-Rockband Start A Revolution. Heute tourt er zwischen Arenal, deutschen Großraumdiskotheken und seinem Heimstudio in Hermeskeil umher, hat mit seinem Bruder das Label „Geile Mucke Records“ gegründet und schmeißt von Produktion über Booking und Buchhaltung alles selbst. Rund 50 Auftritte kamen 2019 zusammen.

Wenn Mickie Krause und Boysetsfire in einem Satz fallen: Wir haben mit Patrick Portnicki aka Richard Bier im Interview über seinen DIY-Background, Hitformeln für Ballermannschlager, Schützenhilfe von Markus Becker, die dunklen Seiten der Partyschlagerszene, Sexismus, Alkoholismus und den Irrglauben gesprochen, stumpfe Lieder könnte jeder schreiben.

Wie zur Hölle kommt man vom Hardcore zum Ballermannschlager?

Mit meiner Band Start A Revolution feiern wir bald 15-jähriges Bestehen. Wir waren viel auf Tour, haben zwei Alben aufgenommen, es läuft gut, wir hatten immer Spaß. Auf dem Weg zu ein paar Konzerten in Polen vor drei Jahren haben wir im Bus stundenlang Partyschlager gehört und uns über die Texte kaputtgelacht. Da habe ich mich spontan gefragt: Ey, Patrick, wenn du jetzt nach Hause fährst und einen Partyschlagersong schreibst, wie weit würdest du kommen?

Wo jeder im Suff von träumt, es nüchtern aber nicht versucht oder schafft.

Ich sagte mir: Singen kannst du einigermaßen. Kreative Ideen hast du ohne Ende. Zuhause habe ich in einer halben Stunde den „Bierkapitän“ geschrieben. Seitdem hat mich diese Musik nicht mehr losgelassen. 

Warst du nüchtern, als du den Text schriebst?

Ich war noch nie betrunken. Einmal bin ich von einem Weinglas beim Abendessen eingeschlafen. 

Wie kann man diese Szene nüchtern aushalten?

Das frage ich mich manchmal auch und löse es eher professionell. Ich verschwinde zwischendurch. Zwingt mich ja keiner, acht Stunden in einem Club oder Biergarten zu verbringen, wenn ich am Ballermann bin. 

Die Hauptzeile vom „Bierkapitän“ hattest du aber vorher schon im Kopf, bevor du den Rest schriebst, oder? 

Innerhalb der halben Stunde, in der ich den Song schrieb, hatte ich aus kreativ-schöpferischer Sicht zwei geniale Minuten. Ich war auf der Suche nach einer Hitformel und habe sie mir selbst geschrieben: Ich schuf eine Identifikationsfigur, die zum Ballermann passt, gepaart mit einer Handlungsaufforderung, die mehr hergibt als nur „put your hands up in the air“. So kam ich zum Kapitän, der die Bierbäuche sehen will. 



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