ME-Gespräch

Richard Russell: „Niemand ahnte, dass Adele so durch die Decke gehen könnte – das ist die traurige Wahrheit“

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Labelinhaber und Produzent Richard Russell gibt selten Interviews. Ausnahmen: sein Label XL Recordings feiert ein Jubiläum oder er bringt ein neues künstlerisches Projekt an den Start, wie jetzt Everything Is Recorded, bei dem Leute wie Sampha, Kamasi Washington und Ibeyi mitgearbeitet haben. Wenn er endlich mal spricht, dann erzählt er so ausführlich wie erhellend – vom System XL, der Zusammenarbeit mit Adele und der künstlerischen Freiheit als Strategie.

Laut der „Rich List“ der „Sunday Times“ hat Richard Russell um die 75 Millionen Pfund auf dem Konto. Russell landete 1992 als Teil des Duos Kicks Like A Mule den Rave-Hit „The Bouncer“. Später verhalf er The Prodigy, M.I.A., The White Stripes, Adele, The xx und anderen zu Weltkarrieren, holte Radiohead und Beck zu sich und produzierte Damon Albarns Soloalbum und Gil Scott-Herons Comeback I’M NEW HERE. Doch mit Hoodie, Jeans und irgendwelchen Sneakern könnte der 46-Jährige auch im Indie-Laden an der Ecke Platten verkaufen.

Richard Russell, so viel wird im Verlauf des Gesprächs klar, ist ein Musikenthusiast geblieben. Einer, der im Hintergrund agiert und relativ frei von Eitelkeiten zu sein scheint. Nun aber hat er einen besonderen Grund, doch einmal wieder in die Öffentlichkeit zu treten: Mit Everything Is Recorded, einem Kollektiv aus befreundetet Musikern, hat er sein erstes eigenes Album eingespielt. Wir treffen Richard in Berlin.

Everything Is Recorded – Close But Not Quite feat. Sampha auf YouTube ansehen

ME: Was ist wohl unvernünftiger: in diesen Zeiten noch eine Plattenfirma zu leiten oder mit 46 Jahren sein Solo-Debüt zu veröffentlichen?

Richard Russell: Eben erst habe ich mit Warren Ellis gesprochen. Er kommt gerade von der Tour mit Nick Cave. Warren und die anderen Bad Seeds gehen auf die 60 zu, aber sie machen die beste Musik ihrer Karriere, spielen in den größten Hallen. Um die Frage zu beantworten: Solche Kriterien interessieren mich nicht.

Worum geht es dann?

Leute wie die Bad Seeds sind frei. Sie tun, was sie wollen. Das lässt sich nicht über jeden 20-Jährigen sagen.

Ich habe mich frei gefühlt, als ich Ende der 80er die ersten Rave-Platten aufgenommen habe.

Diese Art von künstlerischer Freiheit muss man sich erarbeiten.

Ich habe mich frei gefühlt, als ich Ende der 80er die ersten Rave-Platten aufgenommen habe. Dann hatte ich einen gewissen Erfolg – und begann, über die Sache nachzudenken. Damit wurde alles immer komplizierter.

Und heute?

Hat sich das wieder geändert. Ich bin fokussiert genug und habe ausreichend Erfahrung gesammelt, um einfach zu machen, was ich für richtig halte.

Man kann so was nur schwer planen, manche Dinge passieren einfach …

Man kann absolut gar nichts planen im Leben. Man macht die Sachen, die man für richtig hält, und hofft, dass sie einen weiterbringen. Wenn man Glück hat, lernt man auf dem Weg ein bisschen was.

Vor vier Jahren bist du am Guillan-Barré-Syndrom erkrankt. Du konntest dich nicht mehr bewegen, lagst auf der Intensivstation … Ist deine neu gewonnene künstlerische Freiheit vielleicht auch auf diese Erfahrung zurückzuführen?

Das hat auf jeden Fall geholfen. Es war keine bewusst damit verbundene Entscheidung, aber es hat vermutlich etwas damit zu tun. Ich war vorher gar nicht auf die Idee gekommen, ein eigenes Album zu machen.

Der gesamte Produktionsprozess verlief im Stile einer Jazz-Session, lustigerweise waren aber gar keine Jazz-Musiker involviert.

EVERYTHING IS RECORDED BY RICHARD RUSSELL hat sich aus einem Zufall ergeben: Nachdem du 2014 das erste Ibeyi-Album produziert hattest, bist du einfach im Studio geblieben und hast weitergemacht …

Am letzten Aufnahmetag des Ibeyi-Albums hatte ich noch eine Idee für einen Loop mit einem HipHop-Sample, das war der Startpunkt für mein Album. Ich hatte damals gerade mein neues Studio gebaut, ständig kamen irgendwelche Leute vorbei, um es sich anzusehen und zu jammen. Aus diesen Sessions hat sich das ganz natürlich ergeben.

Daraus entwickelten sich regelmäßige Sessions mit wechselnden Gästen. Hast du dafür tatsächlich einfach jemanden wie Kamasi Washington angerufen und gefragt: „Hey, komm rum, wir brauchen ein Saxofon!“?

Der gesamte Produktionsprozess verlief im Stile einer Jazz-Session, lustigerweise waren aber gar keine Jazz-Musiker involviert. Kamasi haben wir erst am Ende aufgenommen, das sind Overdubs. Die Basis dieses Album besteht aus improvisierten Sessions, von denen ich glaube, dass sie so effektiv waren, weil die Beteiligten aus einem Umfeld kommen, in dem normalerweise nicht improvisiert wird.

Du hast das Album produziert, trittst als Musiker auf – und es erscheint auf deinem Label XL. Schafft das vielleicht auch irgendwelche Probleme?

Wäre ich noch so involviert wie früher, wäre das eine sehr heikle Kombination, aber ich habe mich schon vor 15 Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen.

Es ist trotzdem immer noch deine Firma.

Natürlich, aber ich leite sie nicht mehr. Niemand fragt mich nach geschäftlichen Details, alle wissen, dass ich damit nichts mehr zu tun habe.

Hast du trotzdem darüber nachgedacht, das Album bei einem anderen Label zu veröffentlichen, um die Dinge klar zu trennen?

Ja, das habe ich. Es ist mir sehr wichtig, dass sie beim Label unabhängig von mir veröffentlichen, was sie wollen. Das Damon-Albarn-Album haben wir für Parlophone gemacht, DRC Music auf Warp (eine Kollektivarbeit afikanischer, amerikanischer und europäischer Musiker von 2011 – Anm. d. Red.) … Das waren gute und wichtige Erfahrungen. Auf der anderen Seite finde ich, dass mein Album gut zu XL passt. Die Wahl des richtigen Labels ist eine sehr wichtige Entscheidung – und in diesem Fall ist es eben eines, das ich zufällig mitgegründet habe.

Du hast gesagt, eines der Anliegen dieses Albums sei es, Gewissheit mit Unsicherheit auszusöhnen. Was ist damit gemeint?

Kreativität, Produktion und Musikalität sind die einzigen Sicherheiten in meinem Leben, alles andere ist vollkommen unsicher. Es könnte jeden Moment vorbei sein, für mich selbst oder jemanden, den ich liebe. Zu glauben, es könne überhaupt so etwas wie Sicherheit geben, ist im Grunde dumm. Deshalb braucht man einen Anker. Für manche ist das Religion, für mich Musik.

Der Auftritt von Public Enemy im „Hammersmith Odeon“ hat mein Leben verändert.

Hast du deine extreme Musikbegeisterung eigentlich von deinen Eltern mitbekommen?

Meine Eltern hatten keine Verbindung zur Popkultur. Im Grunde verdanke ich alles, was ich bin, den Beatles. Als Kind war ich regelrecht besessen von ihnen. Die Beatles-Biografie von Hunter Davies war eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens. Die Art, wie die Beatles gegen alle Widerstände ihre kreativen Ambitionen umgesetzt haben, hat sich tief bei mir festgesetzt.

Du hast dich später kopfüber in die Londoner Szene der 80er-Jahre gestürzt …

Das war eine extrem gute Phase für britische Popmusik, die Post-Bowie-Jahre. Es gab jede Menge guter Pop- und Soul-Bands, die Specials, aber auch Leute wie Spandau Ballet. Und dann kam HipHop: Der Auftritt von Public Enemy im „Hammersmith Odeon“ hat mein Leben verändert.

Deine ersten Schritte als DJ und Produzent hast du dann allerdings in der Rave-Szene unternommen …

Wenn man als DJ HipHop aufgelegt hat, war es kein weiter Weg zur elektronischen Musik.

Wenn man so eine tiefe Liebe zur Musik in sich trägt, kann man im Grunde genommen alles in diesem Bereich machen.

1989 hast du als DJ gemeinsam mit Tim Palmer und Nick Halkes XL Recordings gegründet. Wie kam es dazu?

Das war einfach nur praktisch, viele Leute aus der Szene haben das damals gemacht. Zumal wir direkt die Reaktionen auf unsere Musik checken konnten: Wenn die Platten abends auf dem Floor funktionierten, erhöhten wir die Auflage.

Einige Jahre lang war XL ein kleines Rave- und Techno-Label – dann kamen The Prodigy. Wie bist du auf die Band aufmerksam geworden?

Liam Howlett kannte ich ungefähr seit 1990. Wir sind gleich alt, beide besessene Hip-Hop-Fans und haben einen ähnlichen Sinn für Humor. Ich habe ihre Vision erkannt, die für die damalige Zeit ungewöhnlich war, und wollte ihnen unbedingt helfen.

Wart ihr überhaupt vorbereitet auf die Herausforderungen des großen Label-Geschäfts?

Dass wir nicht genau wussten, wie man das angeblich macht, hat uns erst so gut gemacht. Wir haben alle Regeln ignoriert und sind einfach unserem Gefühl gefolgt. Insbesondere Liam wusste ganz genau, was er wollte.

Stellst du dich Fremden als A&R-Manager, Plattenfirmenboss, Produzent oder als Musiker vor?

Als Produzent, das bin ich meinem Verständnis nach am ehesten. Eigentlich ist es aber egal. Wenn man so eine tiefe Liebe zur Musik in sich trägt, kann man im Grunde genommen alles in diesem Bereich machen.

Finde jemanden, der gut genug ist, das Ding klarzumachen.

Wenn man sich den Katalog von XL ansieht, erkennt man keinen roten Faden. Ihr fühlt euch keinem Sound und keiner Szene mehr zugehörig – im Gegensatz zu stilistisch klar verortbaren Labels wie Motown …

Auf Motown sind einige der besten Platten aller Zeiten erschienen, aber es ging ihnen vor allem um Kontrolle. Bei uns ist das Gegenteil der Fall. Unsere Philosophie ist relativ simpel: Finde jemanden, der gut genug ist, das Ding klarzumachen. Die Leute, deren Platten wir veröffentlichen, haben eine klare künstlerische Vision. Bei Motown hatte nur Gründer Berry Gordy eine solche.

Ihr habt also auch eine Adele zu keinem Zeitpunkt in eine bestimmte Richtung zu drängen versucht?

Ich würde niemals auch nur ansatzweise auf die Idee kommen. Ich selbst bin eine starke Persönlichkeit und weiß genau, was ich will. Diese Eigenschaften schätze ich auch bei den Leuten, mit denen ich arbeite.

XL hat einige der einflussreichsten, aber auch erfolgreichsten Platten der letzten 25 Jahre veröffentlicht. Doch ihr arbeitet mit kleinem Team und überschaubarem Roster. Nach welchen Kriterien wählt ihr die Sachen aus, die ihr veröffentlicht?

Die stellen sich von selbst auf. Die Wahrheit ist: Es gibt einfach nicht so viel gute Musik. Es kann aber auch gar keine festen Kriterien geben. Wer behauptet, einen Masterplan für Erfolg zu haben, lügt. Man muss es aus den richtigen Gründen tun und integer bleiben, dann schafft man Raum für das, was passiert, wenn es passieren soll.

Es passieren nicht nur positive Dinge. Wie hast du zum Beispiel auf Adeles Wechsel zu Sony Music reagiert?

Wie ich eben schon sagte: Kontrolle ist eine Illusion. Das Einzige, was ich unter Kontrolle habe, sind eine gewisse Atmosphäre und die technischen Rahmenbedingungen im Aufnahmestudio. Das Ergebnis kann ein totaler Ladenhüter sein – oder plötzlich 100 Millionen Streams haben. Das ist den meisten Leuten, glaube ich, nicht klar: Niemand von uns ahnte, dass Adele so durch die Decke gehen könnte, das ist die traurige Wahrheit.

Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Es geht bei Adele um Selbstermächtigung.

Stimmt es, dass ihr Single-Entscheidungen grundsätzlich den Künstlern überlasst?

Ja, das tun wir. Aber diese Zeit ist doch ohnehin vorbei: Es spielt doch kaum noch eine Rolle, welcher Song ausgekoppelt wird. Kein Mensch kauft mehr Singles. Außerdem: Die Charts haben mich noch nie interessiert … und wenn du mich fragst, haben sie auch noch nie eine Rolle gespielt. Nehmen wir David Bowie: Seine Alben aus den 70ern sind die besten und künstlerisch wertvollsten, aber die Charts hat er im großen Stil erst in den 80ern erobert.

Allerdings bildet man durch Hits wie „Let’s Dance“ eine solide wirtschaftliche Basis, die das Weitermachen überhaupt erst ermöglicht. Das gilt sicherlich auch für Adele und XL …

Es gibt aber einen Unterschied: Im Gegensatz zu seinen früheren Platten hat Bowie mit „Let’s Dance“ nichts beeinflusst. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der die britische Musik von seinem Einfluss durchdrungen war, hat er selbst Musik gemacht, die von anderen geprägt war. Adele hingegen hat einen massiven Einfluss. Amy Winehouse hat das Ding losgetreten, aber Adele hat es weitergeführt und weiblichen Künstlern gezeigt, dass sie erfolgreich sein können, ohne sich als Barbiepuppe zu präsentieren. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Es geht bei Adele um Selbstermächtigung.

Hast du eine Erklärung dafür, warum nicht mehr Leute in der Plattenindustrie so denken wie du?

Das Schöne ist ja, dass man heute gar nicht mehr unbedingt eine Plattenfirma braucht, wenn man gut ist und Ideen hat. Was Chance The Rapper macht, wäre noch vor 20 Jahren vollkommen unmöglich gewesen. Dieser Zugang war versperrt, nun ist er offen. Und das gilt es zu feiern.

Das Album mit Gil Scott-Heron machen zu dürfen, war vermutlich die größte Erfahrung im meinem Leben. Ich habe so viel von ihm gelernt.

Was ist wichtiger bei jungen Künstlern: Musik oder Persönlichkeit?

Beides.

Was lässt sich einfacher entwickeln?

Auf jeden Fall die Musik. Persönlichkeit hat man oder man hat sie nicht.

Welches deiner vielen Projekte bedeutet dir besonders viel?

Das Album mit Gil Scott-Heron machen zu dürfen, war vermutlich die größte Erfahrung im meinem Leben. Ich habe so viel von ihm gelernt.

Als du ihn erstmals kontaktiert hast, saß er noch wegen Drogenbesitz im Knast.

Das stimmt, wir haben uns häufiger geschrieben in dieser Zeit. Und als er rauskam, sind wir gleich ins Studio gegangen. Daraus ist eine richtige Freundschaft entstanden, das hatte eine beinahe kosmische Ebene, die ich immer noch nicht ganz durchdrungen habe. Es gibt eine Menge Leute, die übersinnliche Erfahrungen mit ihm gemacht haben. Gil war ungreifbar.

Projekte dieser Art können gewaltig schiefgehen. Es gibt nur wenige Leute in diesem Alter, denen ein so profundes Werk gelingt wie I’M NEW HERE …

Anfangs hatte ich riesige Angst vor der Zusammenarbeit, er war immerhin einer meiner größten Helden. Und genau deshalb ist es am Ende so gut geworden: Das Album ist gewissermaßen ein Produkt unserer Angst. Es entstand aus dem tiefen Wunsch, alles richtig zu machen.

Auch das ist inzwischen typisch für Richard Russell und XL: die Arbeit mit gestandenen Künstlern wie Gil Scott-Heron oder auch Radiohead und Damon Albarn, dessen Soloalbum du produziert hast.

Radiohead ist die wichtigste Band ihrer Generation. Bei Damon ist es ganz ähnlich. Die Freiheit, die wir früher in der Rave-Szene genossen haben, kannten sie in den 90ern nicht: Blur und Radiohead waren Indie-Bands auf Major-Labels, das ist alles andere als einfach. Aber beide haben sich ihre künstlerische Freiheit und Integrität erkämpft, gerade in den vergangenen Jahren. Es erfüllt mich mit großer Freude, einen kleinen Teil dazu beigetragen zu haben.

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