Rumrocken mit Diplom


Kann man Pop lernen? The Wombats sind die erste ernst zu nehmende Band, die am Liverpool Institute For Performing Arts studiert hat. Was aber hat die Schule und der Privatunterricht bei Sir Paul McCartney! -wirklich gebracht? ME ermittelt in London.

Was war da nur los, all die Jahre? Hatte Paul McCartneys Liverpool Institute For Performing Arts (LIPA) tatsächlich seit der Gründung 1996 noch keine einzige gute Band hervorgebracht? An kompetentem Lehrpersonal hat es offenbar nicht gemangelt: Gastdozenten wie Lou Reed, Robin Gibb, Brian Eno, Amy Winehouse und, ja, Jose Feliciano haben mit einem „Top quality“-Team, wie auf der Website geprahlt wird, auf möglichst seriöse und akademische Weise den Pop erklärt. Was ist aus den tausenden von „massively talented students“ geworden? Eigentlich kaum zu glauben, dass die elitäre Schule mit Ausnahme von Liam Lynch und Sandi Thom (immerhin: je ein lauwarmer Hit mit „United States Of Whatever“ bzw. „I Wish I Was A Punk Rocker“) vor 2007 nicht einem Absolventen zu einer Karriere als Popstar verhelfen… „Pff, das überrascht mich überhaupt nicht“, unterbricht Matthew „Murph“ Murphy, der Sänger der Liverpooler Band The Wombats, den Gedankengang backstage vor einem Konzert im Shepherd’s Bush Empire in London. „Man kann jemandem beibringen, eine Jazz-Tonleiter zu spielen, man kann an der Technik arbeiten. Aber wie man einen Song schreibt, wie man kreativ Schlagzeug spielt, wie man eine richtige Band wird – solche Sachen lassen sich nicht in der Schule vermitteln.“

The Wombats sind die erste ernst zu nehmende und relativ erfolgreiche Band, die sich am LIPA gegründet hat. Ihre Konzerte verkaufen sich derzeit rasend schnell aus, ihr cleveres Album a guide to love, loss & desperation (siehe Platten des Jahres 2007, ME 1/08) wirft eine Single nach der anderen ab und erreichte Platz 11 der englischen Charts. Die Schule, die so gerne das Hogwarts des Rock’n’Roll wäre, hat in Murphy endlich einen Harry Potter gehabt. Der allerdings hat kein Interesse daran, die Werbetrommel für das Institut zu rühren: Spricht er mit seinen Bandkollegen Dan Haggis und Tord 0verland-Knudsen über ihre gemeinsame Zeit an der Akademie, fällt es ihm schwer, nicht zynisch zu klingen. Fragt man etwa nach der Aufnahmeprüfung und nach den Kriterien, nach denen Studenten für LIPA ausgewählt werden, murmelt er – dem hysterischen Gelächter von Dan und Tord nach zu urteilen, eine reale Person imitierend – immer wieder: „Ach, passt schon, gib mir einfach 4000 Pfund.“

Immerhin erkannte man an der Schule Murphs Talent: Der Sänger und Songschreiber erhielt eine rare private Audienz bei LIPA-Gründer Paul McCartney. „Das war so ein One-on-One-Songwriting-Ding. Ein höchst surreales Erlebnis“, erinnert er sich. „Ich hob ihm ein paar Songs vorgespielt, und dann haben wir über Schreibblockaden gesprochen. Er hat erzählt, dass er früher viel Gras geraucht und einmal zwei Wochen gebraucht hat, um ein einziges Wort für einen Song zu finden. Das Wort war dann ,boat‘. Genau weiß ich das alles nicht mehr. Er ist auch dauernd rausgegangen, um mit seinem Anwalt zu telefonieren. Aber er war schon sehr nett.“

Konkrete Tipps gab es keine. Die, meinen The Wombats, gibt es wahrscheinlich in der „Performance Class“, die kurz nach ihrem Abgang an der Akademie eingeführt wurde. „Da lern tman echt, was man auf der Bühne machen soll“, sagt Murph, während er sein T-Shirt hochzieht und seinen speckigen Bauch mit prüfendem Blick zu einer besonders dicken Wurst knetet. „Das ist doch genau das Problem – stell dir einfach mal die Leute vor, die so einen Kurs belegen“, ereifert sich Dan und läuft, als er in die Rolle eines imaginären Lehrers schlüpft, zu Hochform auf: „Pass auf Nach zwei Minuten nimmst du das Mikrofon und SCHWINGST es am Kabel rum, und DANN kommt der Ventilator, der deine Haare zurückbläst. Diese Woche nehmen wir noch den ,Elvis-Knee-Jerk‘ durch. Und dann kombinieren wir ihn mit … Na? Wer erinnert sich noch an den ,Fuß auf dem Monitor‘ von letzter Woche?“

All die kuriosen Details, die die Show der Wombats später am Abend im Shepherd’s Bush so unterhaltsam machen, hat keine Schule der Welt auf ihrem Lehrplan. Es ist gerade die Planlosigkeit, mit der die humorvollen drei LIPA-Absolventen durch ihr Set stolpern, die einen großen Teil des Charmes dieser Band ausmacht. „Bei drei rufen alle ,BOLLOCKS'“, fordert Murph mitten im Set ohne ersichtlichen Grund und heizt danach weiter mit sinnlosen Slogans die Stimmung auf. So Robert-Smith-like er während der Songs oft am Mikrofon erstarrt, so munter und unberechenbar wird er bei seinen spontanen Ansagen. „Jetzt kommt ein ruhiges Lied“, verkündet er vor „Little Miss Pipedream“. „Wenn ein Mädchen oder ein Junge in eurer Nähe ist, dann fasst ihr oder ihm jetzt an den Arsch. Wer weiß, vielleicht seid ihr dann in zwei Stunden schon in einem Penthouse und … äh… treibt Unzucht.“ Das Publikum feiert ausgelassen und beeindruckt – bei aller Trunkenheit – mit Textsicherheit nicht nur bei Hits wie „Backfire At The Disco“, „Moving To New York“, „Let’s Dance To Joy Division“ und „Kill The Director“, sondern auch bei weniger präsenten Albumtracks. Von den Balkonen fliegen vor Begeisterung halb volle Bierbecher, und zwischen den Songs stimmt die euphorische Menge immer wieder spontan „Wombats! Wombats/“-Sprechchöre an. Das perfekte Finale ist ein Unfall: Dass Murph, der bei dem von Tord auf Norwegisch gesungenen Kinderlied „Postman Pat“ Schlagzeug spielt, am Schluss bei einem enthusiastischen Trommelwirbel vom Hocker fällt, hätte man besser nicht inszenieren können.

Eine großartige Band, keine Frage. Aber haben die 2000 Leute irgendetwas gesehen, was sich ein paar talentierte Kids nicht auch selbst beibringen könnten? „Natürlich nicht“, antworten Dan und Murph gleichzeitig. „Aber wir wollen auch niemandem von einem Studium am LIPA abraten – es ist nur keine so akademische Institution, wie dort immer behauptet wird“, meint Murph und grinst. „Wir hatten durchaus unseren Spaß da, obwohl wir am Schluss kaum mehr dort waren. Aber weil wir ein Stipendium hatten, mussten wir vor der Bandprobe wenigstens nicht im Supermarkt arbeiten. Und das ist doch auch nicht zu verachten, oder?“ >» www.thewombats.co.uk >» COVERVISIONEN S. 24

Lauren (25), London „Ich hob das Ticket schon im Januar gekauft – kein Risiko! Es war cool, oder? Mein Rücken ist nass! Sogar auf dem Balkon im ersten Stock wurde so rumgetobt, dass ich einen Becher mit Bier abbekommen habe.“

Rachael (20) & Ben (27), Essex „Es war fantastisch, auch wenn wir hier die Altesten sind, haha! Die Wombats werden sich halten vielleicht werden sie nie so groß wie Oasis, aber das Zeug zu einer Kultband haben sie auf jeden Fall. Wir dürfen gar nicht laut sagen, dass wir nur deshalb an Tickets gekommen sind, weil ein Freund von uns beim NME arbeitet…“

Ela (21) & Michael (21), Oxford „Es war großartig,live noch besser als auf Platte. Wir waren ganz oben auf dem zweiten Balkon – wir sind wahrscheinlich die einzigen Leute, die nicht von einem Bierbecher getroffen wurden. Ob wir welche geworfen haben? Aber nein…“