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Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

French-Pop-Geschichte

Der Weinstein des Chanson: Wie aus dem Chansonnier Serge Gainsbourg ein Star wurde

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Die Handlung klingt natürlich total panne: HISTOIRE DE MELODY NELSON erzählt die Geschichte eines Millionärs, der mit seinem Rolls-Royce ein Mädchen anfährt, dieses in einem Hotel verführt und das dann bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Aber mit welch heiligem Ernst all das erzählt wird! „Tu t’appelles comment?“, fragt Serge Gainsbourg am Anfang dieses Albums. „Melody“, antwortet die Stimme seiner Freundin Jane Birkin, „Melody Nelson“.

Wenn jemand Gainsbourg noch als Chansonnier begriffen hatte, hörte das mit diesem (Mini-, es dauert ja nur eine halbe Stunde) Album auf. Er bewegte sich endgültig von der alten Ideologie fort, nach der die Musik die Texte zu begleiten und wo nötig deren Wirkung zu verstärken hat. Stattdessen hören wir Spoken-Word-Passagen, die mit Psychedelic-Gitarren konterkariert werden, den Bass von Herbie Flowers (Lou Reeds „Walk On The Wild Side“) und klug gesetzte Streicherarrangements, die aus einem der französischen Filme stammen könnten, die seinerzeit in den Kinos zu sehen sind. Es ist eine dunkle Platte. Eine helle Platte. Sie ist funky, aber doch getragen. Sie ist total Pop. Sie ist kein Pop. Sie ist alles auf einmal. Das muss man auch erst einmal hinbekommen.

Ein angesehener Musiker ist Gainsbourg schon vorher. 1928 als Lucien Ginsburg in Paris geboren, sammelt er in den 50er-Jahren Bühnenerfahrungen als Barpianist und Sessionmusiker. 1958 veröffentlicht er eine erste Schallplatte. Großes Interesse weckt DU CHANT À LA UNE !… noch nicht. 1960 gelingt ihm mit „L’Eau Á La Bouche“ der erste Hit. Richtig erfolgreich wird er, als er für andere schreibt. „Poupée De Cire, Poupée De Son“ für France Gall, oder „Comment Te Dire Adieu“ für Françoise Hardy. Seinen einzigen internationalen Hit hat er 1969 mit „Je T’aime (Moi Non Plus)“. Der Song gerät zu einen Skandal, zumal Teile des Gestöhnes beim Geschlechtsakt mitgeschnitten worden sein sollen. Die Version mit Birkin, die 1969 erscheint, ist gar nicht die Originalversion. Die nimmt Gainsbourg zwei Jahre zuvor mit Brigitte Bardot auf, der er Hits wie „Bonnie & Clyde“ und „Ford Mustang“ auf den Leib geschneidert hat. Nur: Bardot ist noch mit Gunter Sachs verheiratet, und möchte diesen nicht verärgern, die Version wird in letzter Sekunde zurückgezogen. Dem schlüpfrigen Track folgt das Meisterwerk. Aber in Frankreich chartet HISTOIRE DE MELODY NELSON schlechter als zwei Jahre zuvor das um „Je T’Aime“ gestrickte Album mit Jane Birkin. Und im Ausland interessiert man sich dafür noch weniger.

50 Jahre später ist es trotzdem diese eine Platte, die ikonisch geworden ist. Immer wieder wurde sie als Einfluss genannt. Von Beck etwa, von Jarvis Cocker und von Portishead. 2006 folgte die Ausformulierung dieser Wertschätzung, an dem Tribute-Sampler MONSIEUR GAINSBOURG REVISITED wirkten Erstligisten der Popmusik mit. Doch die Texte dafür wurden ins Englische übersetzt, was die Platte zu einer zweifelhaften Freude macht, waren doch Gainsbourgs Worte mindestens ebenso wichtig wie die Musik.

Aber an einigen Stellen macht der Sampler durchaus Spaß, etwa wenn die Kills aus dem eigentlich hochsinfonischen „La Chanson De Slogan“ das karge „I Call It Art“ ableiten oder mit Marc Almond einer singt, dem man seine Begeisterung für Gainsbourg tatsächlich abnimmt. „Je T’Aime“, Gainsbourgs einzigen internationalen Hit, nahmen sich Cat Power und Karen Elson vor, seinerzeit Jack Whites Ehefrau. Wobei in diesem Falle die Übersetzung nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Das, um was es geht, findet zwischen den Zeilen statt, auch wenn die beiden Damen das Gestöhne im Vergleich zur Originalversion etwas zurückfahren.

Der Weinstein des Chanson

Ach, das Gestöhne! „Wenn ich zwischen einer Frau und einer letzten Zigarette wählen müsste, wählte ich die Zigarette. Die kann man leichter wegwerfen“, soll Gainsbourg einmal gesagt haben. Heute bemüht man sich bei solchen Sätzen häufig um eine zeitliche Einordnung. So war das damals eben. Andere Zeiten. Und: Hey, Frankreich! Da läuft das mit der Sexualität doch traditionell etwas entspannter. Aber die Parade an Schwierigkeiten und Schmierigkeiten, die sich durch Gainsbourgs Karriere zieht, ist schon bemerkenswert. Beispiel France Gall: Der schrieb er 1966 einen Song mit dem schönen Titel „Les Sucettes“ („Die Lutscher“): „Wenn der mit Anis parfümierte Gerstenzucker Annies Kehle hinunterläuft, ist sie im Himmel“, heißt es da. Dass „Sucette“ im Französischen auch so viel wie Blowjob bedeutet und Gainsbourg vermutlich an ganz andere Dinge dachte, die der Protagonistin des Songs die Kehle herunterfließen könnten: Diese zweite Bedeutungsebene war Gall, damals so etwas wie die Personifizierung französischer Teenage-Kessheit, nicht bewusst. Sie arbeitete nie mehr mit Gainsbourg zusammen.

Der hatte schon 1973 seinen ersten Herzinfarkt, seine musikalischen Arbeiten gerieten in den Folgejahren bizarr: ROCK AROUND THE BUNKER war ein Musical-Konzeptalbum über Nazideutschland. Klingt nach „Spring time for Hitler“? Tut es tatsächlich ein bisschen. Ganz lustig hingegen war die gemeinsam mit Sly & Robbie 1979 eingespielte Coverversion von der „Marseillaise“, die zu einem erwarteten Aufschrei in konservativen Lagern führte. Und was konnte dieser Mann für ein toxisches Arschloch sein: „I said, I want to fuck her“, schleuderte er sichtbar betrunken 1986 in einer Fernsehsendung Richtung einer sichtlich überforderten Whitney Houston. Die war damals gerade 22 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor verbrannte er im Fernsehen eine 500-Franc-Note, um gegen die seiner Meinung nach zu hohe Versteuerung seines Vermögens zu protestieren.

Wer darunter leidet, ist seine Tochter Charlotte: In der Schule zünden Klassenkameraden als Reaktion ihre Hefte an. Wo wir gerade bei Charlotte sind: Mit ihr, gerade 13 Jahre alt, nimmt Gainsbourg 1984 für sein Album LOVE ON THE BEAT den Song „Lemon Incest“ auf. In Verbindung mit dem Video, in dem die beiden sich nur teilweise bekleidet – ihm fehlt das Hemd, ihre Hose ist arg knapp geraten – recht nah beieinander räkeln, natürlich wieder eine maximale Provokation. Zwei Jahre später veröffentlicht Charlotte ein von ihm komplett geschriebenes Album, das allerdings auf wenig Resonanz stößt. Es bleibt ihr einziges, bis sie 2006 wieder anfängt, Musik zu veröffentlichen.


Aber Frankreich kam in den 80er-Jahren auch ohne sie ganz gut klar. Da war zum Beispiel Vanessa Paradis. Die 14-Jährige debütierte 1987 mit „Joe Le Taxi“. Der smarte Pophit mit seinem durchaus tiefsinnigen Text über die Pariser Taxifahrerin und LGBT-Ikone Maria José Leão dos Santos setzte sich nicht nur in Frankreich an die Spitze der Charts, sondern wurde auch in Irland und Großbritannien ein Erfolg. Drei Jahre später, sie ist mittlerweile 17, erscheint ihr zweites Album VARIATIONS SUR LE MÊME T’AIME. Und plötzlich ist da neben Franck Langolff, der zwei Jahre zuvor beim Debüt M&J so etwas wie der musikalische Architekt war, ein weiterer Mann am Start. Richtig, die Texte für das Album schreibt, sieht man von einer Coverversion von „Walk On The Wild Side“ ab, nicht wie geplant der untadelige Mainstream-Chansonnier Renaud, sondern Serge Gainsbourg. Gainsbourg und Paradis, eine Marriage made in Heaven: So schwerelos, gleichzeitig so majestätisch wie in Songs wie „Dis Lui Toi Que Je T’Aime“ und in „Au Charme Non Plus“ klang französische Popmusik danach lange nicht mehr, auch wenn der Entstehungsprozess des Albums wohl kein einfacher war: „Paradis? C’est l’enfer“, soll Gainsbourg danach gesagt haben: „Paradis? Es war die Hölle.“

Gainsbourg überall!

Gainsbourg überall? Ganz stimmt das natürlich nicht. Auch im Frankreich der 70er- und 80er-Jahre öffnen sich die Möglichkeitenräume, wird die einheimische Musik mit Wave und Punk und Rock und Folk internationaler Prägung verschmolzen; wird vermehrt auf Englisch gesungen. Lizzy Mercier Descloux ist zu nennen, schon 1975 mit Patti Smith und Richard Hell befreundet, 1979 erscheint ihr Debüt PRESS COLOR, in den 80ern hat sie mit „Mais Où Sont Passées Les Gazelles?“ einen Pop-Hit. Oder Lio, Les Négresses Vertes und Les Rita Mitsouko. Und: Indochine. Étienne Daho. Mylène Farmer. Alle haben sie mit Gainsbourg nicht viel zu tun. Wobei, stopp. Stimmt ja gar nicht! Daho sang 2001 dessen „Comme Un Boomerang“. Mylène Farmer nahm, wenn auch Jahre später, mit „Aime“ (auf dem Album AVANT QUE L’OMBRE) einen Tribute-Song für ihn auf. Lio hingegen bezeichnete ihn als den „Harvey Weinstein des Chanson“. Der Weinstein des Chanson.

Aber eben auch: eine Lichtgestalt jener neuen Generation, die ab den 90er-Jahren zunächst in Frankreich, später auch im restlichen Europa für Furore sorgt. Sie interessiert sich nicht besonders für den Chanson der Alten Schule, für Jacques Brel und Georges Brassens, bezieht sich aber auf Gainsbourg. Benjamin Biolay ist natürlich zu nennen, der per Heirat auch noch zum Schwiegersohn von Catherine Deneuve aufsteigt (die Ehe mit Chiara Mastroianni ist mittlerweile geschieden, danach war er mit, genau, Vanessa Paradis liiert). Die ersten vier seiner Alben kann man blind kaufen, ebenso jene, die er mit anderen Künstlern aufgenommen hat, mit Françoise Hardy, Henri Salvador oder Keren Ann. Biolay möchte nicht mit Gainsbourg verglichen werden. „Ich bin das totale Gegenteil von ihm. Ich bin ein Romantiker. Ich glaube an die Liebe“, sagt er.

Dominique A, der schon 1992 mit dem kleinen Elektro-Pop-Chanson „Le Courage Des Oiseaux“ einen Underground-Erfolg landete und spätestens seit seinem Major-Debüt AUGURI zum klugen französischen Mainstream gehört, bezieht sich ebenfalls auf ihn. Wobei die Parallelen bei beiden, da hat Biolay schon recht, nicht inhaltlicher Natur sind: Sie neigen nicht zu deftigen Provokationen wie der Altmeister, eher sind sie stille Brüter, auf deren Schultern der Weltschmerz liegt. Wohl ist aber ihr Nouvelle Chanson mit seiner Einbeziehung von Rock- und Popstrukturen in die Musik, mit seinem Mut, anders zu denken, stark von Gainsbourgs Kompositionen geprägt.

Die Kinder des Chanson

Aber wo ordnen die Franzosen solche Musik eigentlich selbst ein? Rolf Witteler weiß solche Dinge. Er betreibt gemeinsam mit Oliver Fröschke das Label „Le Pop“, das seit bald 20 Jahren die Musik vor allem französischer Künstler*innen in Deutschland veröffentlicht. Ganz einfach zu beantworten sei die Frage aber nicht. „Es gibt Unterschiede. In manchen Plattenläden findet man die Abteilung „Variété Française“. Da würde man zum Beispiel die bei uns veröffentlichte, recht erfolgreiche Coeur de Pirate finden. Dominique A hingegen würde eher unter „Rock/Alternativ Français“ stehen. Ich glaube aber, dass die französischen Künstler*innen generell ein etwas ungebrocheneres Verhältnis zur eigenen Kultur haben als wir – und damit eben auch zu ihrer Chanson-Tradition.“ Zum  Thema kam er eher zufällig: „Oliver hat mir eine Kassette mit Sachen von Françoiz Breut, Dominique A und anderen gemacht . Die hieß „Daft Pop“. Das fiel bei mir auf bereiteten Boden, weil meine Schwester mit einem Franzosen verheiratet war“, erzählt er. „Ich arbeitete zu der Zeit in einem Plattenladen und versuchte, die Sachen von der Kassette für den Laden zu besorgen.“

Diese Materialbeschaffung geriet erstaunlich kompliziert. „An französischen Pop hat sich in Deutschland niemand rangetraut“, sagt Witteler. Vielleicht, weil es schwer fiel, eine Ahnenlinie jenseits des Chansons zu finden. Wie eingangs erwähnt, in den 70er- und 80er- Jahren, im Hallraum von Wave und Punk, sangen viele Bands auf Englisch. „Diese Indie- und diese Chanson-Welt vereinte die neue Generation französischer Sänger und Sängerinnen dann aber.“ 2002 erschien der erste „Le Pop“-Sampler, zunächst noch bei einem externen Label. Für Compilation Nummer 2 gründeten die beiden schließlich die Plattenfirma „Le Pop“.

Was ist aber nun das Besondere an der Sprache? Die Sängerin Camille habe das einmal gut erklärt, sagt Witteler: Jede Sprache, so sagte sie, habe ihre eigenen Melodien. „Da glaube ich fest dran.“ Was genau die Melodie des Französischen ist? Auf jeden Fall mehr als das „Je T’Aime“-Gestöhne! Witteler mag die Weise, wie die Wörter gebunden werden. Den Sprachrythmus, der einen guten Uptempo-Groove besitze. Die Leichtigkeit. Aber letztendlich sei das eine Frage der Perspektive.


Was hilft: In einen der Sampler seines Labels reinzuhören, genauer: in Nummer sieben. Der beginnt mit einem hübsch zwischen Barjazz, Easy Listening und Rock’n’Roll hin und her springenden Track des Pariser Duos Brigitte. Wie Sylvie Hoarau und Aurélie Saada in „Battez-Vous“ die Vokale stauchen und ziehen, wie die am Ende wie eine zusätzliche Instrumentalspur klingen, das ist eine Schau. Es sei der Vollständigkeit erwähnt, dass Brigitte im französischen Fernsehen mal Serge Gainsbourgs „Chez Les Yé-Yé“ gecovert haben. Wir werden ihn einfach nicht los in dieser Geschichte.

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