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Kritik

„Soundtrack“ auf Netflix: Sing‘ mir nicht noch einmal aus der Seele!

Wer kennt sie nicht, die Songs, die einem in gewissen Momenten aus der Seele sprechen. Die Songs, die die persönliche Gefühlslage besser zu umschreiben wissen, als man es selbst mit eigenen Worten je könnte. „Soundtrack“ nimmt diese Grundidee nicht nur sehr wörtlich, sondern macht sie zum durchdringenden Showkonzept: In der Musical-Serie drücken die Charaktere in besonderen Situationen ihre Gefühle durch Playback-Gesang zu bekannten Songs aus. Die musikalische Auswahl ist genauso vielfältig wie die Themen der Serie und rangiert von Robyn, über The Weeknd bis hin zu Joni Mitchell. Klingt trotzdem anstrengend? Ist es auch.

Die Serie, seit 18. Dezember 2019 auf Netflix im Stream verfügbar, spielt in Los Angeles und erzählt von verschiedenen Persönlichkeiten, die dort ihr Glück zu finden versuchen. Im Zentrum stehen Nellie (Callie Hernandez) und Sam (Paul James). Nellie ist eine Künstlerin, die an einem Buch arbeitet und aus einem reichen Elternhaus stammt, während Sam in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs und gerne eine Laufbahn als Musiker verfolgen würde.

Beide verlieben sich, doch diese Liebe ist, das erfährt man schon in Folge 1, endlich. „Soundtrack“ spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Einmal auf einer Erzählebene in der Vergangenheit, in der Sam und Nellie zusammenkommen. Dann aber auch auf einer Ebene im Hier und Jetzt, in der Nellie schon seit einem Jahr tot ist. Sam zieht – als Witwer – den gemeinsamen Sohn Barry groß und mit ihm aus der einstigen gemeinsamen Wohnung aus, zurück in sein Heimatviertel im Süden von Los Angeles. Innerhalb der beiden Ebenen gibt es dann noch weitere Seitenhandlungen, die mal mehr und mal weniger beleuchtet werden, was im Endeffekt schon eines der Hauptprobleme von „Soundtrack“ darstellt.

Ein Großteil der Handlung wird dem Witwer Sam gewidmet, der versucht für seinen Sohn optimale Bedingungen für dessen Großwerden zu liefern. Das Viertel, in das die beiden nun gezogen sind, ist allerdings eher schwierig. Sam und Barry leben dort bei Sams Tante Annette, wo auch Sams Cousin Dante (Jahmil French) wieder eingezogen ist, der gerade aus einer vierjährigen Haft zurückgekehrt ist und Probleme damit hat, sich von seinem kriminellen Umfeld zu lösen.

Es kommt, wie es kommen muss: Sam, der mehrere Jobs gleichzeitig bekleidet um über die Runden zu kommen und sich deswegen nicht immer um seinen Sohn kümmern kann, verlässt sich auf seinen Cousin, der – aus fadenscheinigen Gründen – vergisst Barry in der Schule abzuholen. Dieser und weitere Vorfälle führen dazu, dass Sam irgendwann die Behörden in Form von der Jugendamt-Mitarbeiterin Joanna auf der Matte stehen hat. Joanna (Jenna Dewan), die, wie wir erfahren, eigentlich Tänzerin werden wollte, meint es gut mit Sam, das Verhältnis zwischen den beiden wird mit der Zeit vertrauter. Dennoch kann auch Joanna nicht verhindern, dass es zu einem Sorgerechtsverfahren zwischen Sam und Nellies Mutter, der bekannten Schauspielerin Margot Weston (Madeleine Stowe), die im noblen Villenviertel wohnt, kommt.

„Soundtrack“: Serie mit zu vielen Baustellen

Angesichts dieser vielen Baustellen, die „Soundtrack“ aufmacht, weiß man nie so recht, was „Soundtrack“ überhaupt sein will. Man glaubt es mit einer musikgetränkten Mischung aus Milieustudie, Selbstverwirklichungsträumerei und Rechtsstreit-Drama zu tun zu haben.

Die titelgebende, musikalische Thematik ist in „Soundtrack“ dennoch offenkundig vorhanden, vor allem durch die zahlreichen angespielten Popsongs. Auch sind die einzelnen Folgen nach durchnummerierten „Tracks“ benannt. Doch abgesehen davon, dass Sam den Traum hegt, Musiker zu werden, wirkt das eigentliche Leitmotiv innerhalb der Serie mitunter etwas an die Wand gedrängt. So, als sei kein Platz zwischen all der Melodramatik.

Die Songs für die Lip-Sync-Einlagen sind nichtsdestotrotz gut und vor allem divers ausgewählt; auch die visuelle Umsetzung ist sehr divers und ansprechend umgesetzt: Sie reichen von stylischen Lip-Sync-Einlagen, die gefilmt sind wie moderne Musikvideos, über aufwändige Tanznummern, bis hin zu nostalgischen Musicaleinlagen, die so knallbunt wirken, als seien sie aus einem Gene-Kelly-Film.

Die Emotionen werden in der Serie nicht verklausuliert, sondern – getreu des Funktionsschemas eines Popsongs – direkt ausgedrückt. Das kommt oft sehr klischeehaft daher, funktioniert aber manchmal auch sehr gut: Wenn Nellie zum Beispiel von ihrem damaligen Freund, einem aufsteigenden Musiker, nicht den erwarteten Heiratsantrag, sondern das Beziehungsende mitgeteilt bekommt, löst sie diese Situation mit einer Performance des Songs „Elastic Heart“ von Sia. Darin heißt es: „And another one bites the dust, but why can I not conquer love?“. Nellie singt und tanzt sich den Schmerz von der Seele, die anwesenden Gäste im noblen Lokal tanzen mit.

„Soundtrack“ bietet für jegliche Gefühlslage den richtigen – ja, man ahnt es – Soundtrack: So wird eine ausweglose Situation mit „Roads“ von Portishead untermalt, während ein kraftvoller Moment des Zusammenhalts mit einer außerordentlich guten Darbietung von Whitney Houstons Schnulzenklassiker „I Will Always Love You“ durch Annette, grandios von der Oscar-nominierten Darstellerin Marianne Jean-Baptiste verkörpert, untermauert wird. Überhaupt ist „Soundtrack“ darstellerisch toll besetzt, trumpft doch nicht zuletzt auch Madeleine Stowe (bekannt unter anderem aus Terry Gilliams Film „Twelve Monkeys“) in der vielschichtigen Rolle der nicht immer leicht zu berechnenden Margot Weston auf.

Zu wenig Screentime für zu viele Charaktere

Doch es gibt auch ein Hauptproblem und das sind vor allem die zahlreichen Storylines: „Soundtrack“ kommt aufgrund des überbordenden Konzepts oft überladen daher. Die Serie will, zusätzlich zu seinen Liebesgeschichten und dem Familiendrama, auch Erzählungen über künstlerische Erfüllung und eine Milieustudie unterkriegen. Außerdem ist die Anzahl der portraitierten Charaktere mehr als üppig. All die Ambition hat zur Folge, dass man in „Soundtrack“ einige lose Enden hat und manche Charaktere, die eigentlich zentrale Rollen erfüllen, nur oberflächlich eingeführt werden können, was vor allem dessen geschuldet ist, dass sie nicht genügend Screentime erhalten.

Das Verweben der verschiedenen Zeitebenen wurde wiederum handwerklich gut gelöst; es erinnert etwas an die Serie „This Is Us“, die ebenfalls zwischen Zeitebenen hin und her springt und im Übrigen ja ähnlich melodramatisch ist.

Dass Callie Hernandez, die in „Soundtrack“ die Rolle der Nellie spielt, auch im Filmmusical „La La Land“ eine Nebenrolle bekleidet, passt ebenfalls gut ins Bild, gibt es doch einige Anleihen an den Oscar-gekrönten Film, der ebenfalls in Los Angeles spielt und auch Themen wie Selbstverwirklichung und das Verfolgen von lang gehegten Träumen verhandelt.

Fazit: „Soundtrack“ steht das eigene überbordende Konzept im Weg, weswegen die Serie leider beim Versuch scheitert, eine stimmige Handlung zu finden. Auch verfehlt die Serie, obwohl die Handlung oft durch drastische und tragische Geschehnisse nicht mal unspannende Wendungen durchläuft, einen wirklichen, dramatischen Höhepunkt zu bieten.

Angesichts des tollen Casts, dem nicht zuletzt auch mit Jenna Dewan (bekannt aus „Step Up“) eine ausgewiesene Tanzspezialistin angehört, dem ansprechenden Szenenbild und der oft sehr interessant choreographierten Songszenen wirken die Schwächen, die das Skript aufzuweisen hat, umso schwerwiegender. Hier wäre mehr drin gewesen.

„Soundtrack“ ist seit dem 18. Dezember 2019 auf Netflix im Stream verfügbar.


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