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Interview

Summer Cem im Interview: „Früher gab es so was wie ein Grundgesetzbuch für Deutschrap“

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Immer wieder wird Musikstreaming-Plattformen wie Spotify & Co. unterstellt, einen negativen Einfluss auf das Musikkonsumverhalten junger Hörer*innen zu haben. Die massenhafte Auswahl an Songs, Alben und Genres würde eine kognitive Überforderung, eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne und eine Abwertung künstlerischer Produktionen, die sich an dieses neue Konsumverhalten anpassen müssten, herbeiführen. Ähnliche Kritikpunkte treffen auch Kurz-Video-Plattformen wie TikTok und Instagram. Schnell und leicht konsumierbare Inhalte wie Videos, Bilder und Songs seien das Ergebnis dieses Prozesses. Aber wie schlimm ist die Lage wirklich? Und wer bestimmt die Kriterien, die ein künstlerisches Produkt ausmachen? Sind 15 Sekunden noch ein Song?

Zusammen mit seinem Rap-Partner KC Rebell und in Kooperation mit Jägermeister wagte Summer Cem ein provokantes Experiment, welches das Konzept „Snackable Content“ in der Musik auf die Spitze treibt. Ihr aktuelles Album FNFZHN beinhaltet 13 Songs, die jeweils eine Spiellänge von 15 Sekunden haben. Ob es sich hier tatsächlich um ein „Album“ im klassischen Sinne handelt, bleibt den Hörer*innen und Kritiker*innen überlassen.

Wir sprachen mit Summer Cem im Interview über die Arbeit an dem wohl kürzesten Studioalbum der Welt, neue Formen der Kreativität im HipHop, das Verhältnis von Social Media und „viralen“ Hits sowie über ausgediente Vorstellungen im Deutschrap.

Musikexpress.de: Ich habe gerade eben „Kürzestes Studioalbum der Welt“ durch die Suchmaschine gejagt. Als erstes wurde mir tatsächlich Euer Album FNFZHN vorgeschlagen.

Summer Cem: Ich habe es selbst noch nicht recherchiert, aber ich gehe mal davon aus, dass noch keiner vor uns so eine kranke Idee hatte. (lacht)

Was habt Ihr am Anfang über das Experiment gedacht? Ist es Euch leicht gefallen, Songs mit einer Länge von 15 Sekunden zu produzieren?

Ich habe das als Herausforderung betrachtet. Wir arbeiten selbst viel mit unfertigen Demos, die maximal eine Minute lang gehen. Mit diesen Demos laufen wir dann ein paar Monate herum und hören die durchgängig. Vieles verwirft man, den Rest arbeitet man aus. Manchmal will man auch einfach wissen, ob es sich lohnt, einen Song komplett fertig zu produzieren. Das ist eigentlich unsere tägliche Arbeit. In Bezug auf das Projekt und die 15-sekündigen Songs dachte ich erst mal: „Easy. Machen wir dir in 3 bis 4 Stunden fertig.“

Die Dokumentation zur Produktion von FNFZHN ist um einiges länger als das Album selbst:

Und so easy war es dann bestimmt doch nicht.

Überhaupt nicht. Wir haben am ersten Tag gar nichts hinbekommen. Wir haben erstmal versucht, eine Struktur reinzubringen und uns mit den technischen Aspekten zu befassen. Normalerweise arbeite ich nicht in Sekunden, sondern in „Bars“. Keiner sagt zu mir: „Mach mir mal eine 30-sekündige Strophe fertig.“ Je nach Tempo des Beats unterscheidet sich auch, wie viel Zeit eine Zeile braucht. Wenn der Beat zu langsam ist, kannst du deinen Satz gar nicht beenden.

Wie erging es Euch mit dem Texten? Habt Ihr einfach die ersten Zeilen genommen, die Euch eingefallen sind?

Tatsächlich haben wir eigentlich immer das Erste genommen. Auf der anderen Seite mussten wir für jeden Song ein eigenes Thema finden, wie man es von einem Longplayer kennt. Da kam uns die Idee, einen Tagesablauf zu beschreiben. Also mussten wir unseren Tagesablauf in 13 Abschnitte aufteilen. Das kann der Moment des Aufstehens sein, eine Fahrt zum Studio oder ein ruhiger, reflektierender Moment. Musik machen, Feiern, Gespräche zwischen mir und KC Rebell. Das war unsere Mindmap.

„Im HipHop wird generell viel adaptiert, recycelt und gesampelt. Das läuft so seit Generationen.“

KC Rebell und Summer Cem verfilmten das komplette Album:

Ihr habt am Ende Euer Album in einem Musikvideo komplett verfilmt und auf YouTube gestellt. In der Kommentarspalte findet man einige Stimmen, die sich wünschten, ihr hättet einzelne Schnipsel in „normale“ Songs verwandelt. Habt Ihr Euch das nicht auch gewünscht?

Sehr oft sogar. Den Song „Platin“ hätte ich gerne ausgebaut. Oder „Emotionz“ von KC. Oder auch das Intro. Viele Ideen wären es wert gewesen, daran weiter zu arbeiten. Oft dachten wir uns: „Schade um den Beat und um die Idee.“ Das war wie – ich mache jetzt mal einen sexuellen Vergleich –, wenn du kurz vor dem Orgasmus bist, aber nicht weiter machen darfst. (lacht) Aber eigentlich ist es ja auch geil, dass wir es einfach so gelassen haben. Alles andere wäre zu berechnend gewesen.

„2005 gab es so was wie ein Grundgesetzbuch für Deutschrap.“

Einen Punkt, den Du auch in der Dokumentation zu Eurem Experiment ansprichst, ist das Verhältnis von Social Media, verkürzter Aufmerksamkeitsspanne und Musik. Denkt Ihr bei Euren eigenen Produktionen an „Social-Media-Viralität“? Gibt es ein Rezept dafür?

An so was denken wir nicht. Ich hatte mit „Tmm Tmm“ selbst einen viralen Hit in mehreren Ländern. Damit habe ich aber nie gerechnet. Es gab auch kein Beispiel, an dem ich mich orientieren konnte. Der Song hatte irgendwann 70 Millionen Klicks und ich habe das nicht mal mitbekommen. Das ist dasselbe wie mit Radio-Songs. Wie oft habe ich gehört: „Das ist ein Radio-Hit!“ und am Ende läuft er wie ein ganz normaler Song. Vielleicht solltest du nicht einen Song produzieren, der 12 Minuten lang ist und keine geile Hook hat. Aber ansonsten kannst du nicht darauf hinarbeiten. Letztendlich entscheidest nicht du, ob das klappt, sondern die Leute. Das sage ich auch zu Newcomer*innen. Macht einfach geile Songs, dann wird es schon klappen.

Mittlerweile hat „Tmm Tmm“ über 250 Millionen Aufrufe bei YouTube:

„Macht das, was ihr fühlt und nicht das, was andere euch sagen oder was Erfolg bringt.“

Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass „Viralität“ und schneller Erfolg bei vielen Newcomer*innen Vorrang hat und dass sich deshalb viel abgeschaut wird.

Im HipHop wird generell viel adaptiert, recycelt und gesampelt. Oft wird Newcomer*innen vorgeworfen, sie würden sich bei anderen Artists bedienen, bis heraus kommt, dass das „Original“ sich auch irgendwo bedient hat. Das läuft so seit Generationen. Wenn Kanye West aus alten Songs neue Songs bastelt, dann ist das innovativ. Viele Kritiker*innen im Internet bringen da zu viel Wissenschaft rein. Das ist natürlich immer eine Gratwanderung, aber es gehört einfach zur Kultur dazu.

Ist das vielleicht auch ein Generationenkonflikt?

Ich habe 2005 schon gerappt. Da gab es so was wie ein Grundgesetzbuch für Deutschrap. Die Leute haben von dir verlangt, dass du deine Strophen im Studio aufnimmst ohne Pause zu machen. Alles andere war nicht „real“. Zum Teil hört man auf den Aufnahmen, wie wir keine Luft mehr bekommen. Und es mussten 16 Zeilen sein. Alles andere war ein No-Go. Ich freue mich, dass sich Künstler*innen endlich davon frei gemacht haben. Es sind nur noch die alten Hörer*innen, die dich nach diesen Kriterien bewerten und sich über kurze Parts oder Autotune beschweren. Das ist ein langer Prozess, aber irgendwann wird es dafür mehr Akzeptanz geben. Allen Newcomer*innen gebe ich das auf den Weg: Macht das, was ihr fühlt und nicht das, was andere euch sagen oder was Erfolg bringt. Und an die Hörer*innen: Es gibt so viele Rap-Artists in diesem Land. Hört doch einfach die, auf die ihr Bock habt. Der Kuchen ist riesig.

„Streaming-Skip-Raten und Aufmerksamkeitsspanne dürfen nicht der Motivator für Musik sein.“

Glaubst Du, dass das Medium „Album“ mittlerweile überholt ist und eventuell sogar aussterben wird?

Nein, das glaube ich nicht. Ich höre mir immer noch Alben an. Aber nicht jeder Artist ist ein Album-Artist. Viele Newcomer*innen bekommen mittlerweile Single-Deals und müssen gar kein Album abliefern. Nichtsdestotrotz will ich zum Beispiel von einem Künstler wie Kendrick Lamar nicht nur einzelne Singles, sondern ein ganzes Album hören. Ich will wissen auf was für einem Film er ist. Einige Artists können das, andere wiederum nicht. Farid-Bang-Alben höre ich mir auch gerne an. Solche Leute schaffen es, dich auf eine Reise zu schicken.

Wie waren bisher die Reaktionen auf FNFZHN?

Bisher eigentlich nur positiv. Es hat aber auch niemand gesagt, dass wir so was öfter machen sollten. Das würde ich auch nicht nochmal machen. (lacht) Kurze Songs sind eine Sache, aber 15-Sekunden-Songs sind eine ganz andere Sache. Der Spielraum ist einfach zu klein. Streaming-Skip-Raten und Aufmerksamkeitsspanne dürfen nicht der Motivator für Musik sein. Auf der anderen Seite glaube ich manchmal, dass es nie wieder so einen Song wie „Stan“ von Eminem geben wird, weil die Wertschätzung für Tracks mit dieser Länge verloren gegangen ist. Das war ein Song, über den Leute noch Monate danach gesprochen haben. So was passiert heute eher nicht mehr.

Wer wissen möchte, wie 15-Sekunden-Songs klingen, kann FNFZHN hier im Stream hören. Das Album ist am 23. April 2021 erschienen:


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