Verkannte Kunst

Verkannte Kunst (1): Tokio Hotels „Durch den Monsun“ war ein Aufschrei der Mobbingopfer

Seit Mai hat unser Enfant terrible Linus Volkmann hervorragende Unterstützung an seiner Seite – und seine Hater eine Verschnaufpause: Die Popkolumne, die er seit Anfang des Jahres wöchentlich für uns schreibt, schreibt Linus fortan nur noch zweimal pro Monat. Im Wechsel übernimmt nämlich ME-Autorin Julia Lorenz, und ihr Debüt fanden nicht nur wir und Ihr gelungen, wenn man den Kommentaren glauben mag, sondern auch Linus selbst:

In ihrer Auftaktkolumne ordnete Julia Madonnas angeblichen ESC-Fauxpas neu ein, erklärte den österreichischen Charteinstieg eines 90er-Hit der Vengaboys – und machte sich mit guten Argumenten für Tokio Hotel stark: In der Rubrik „Verkannte Kunst“ – ein Gegenstück zu Linus‘ „Verhasster Klassiker“ – hielt sie ein nahezu herzerwärmendes Plädoyer für die Kaulitz-Brüder und ihre Debütsingle „Durch den Monsun“. So herzerwärmend, dass wir ihren Text an dieser Stelle einzeln herausstellen.

Verkannte Kunst (1): „Durch den Monsun” von Tokio Hotel (VÖ: 15. August 2005)

Wir beginnen diese Rubrik mit einem Selbsttest.

Versuchen Sie mal Folgendes: Ziehen Sie sich an wie eine Mischung aus der späten Cher und Robert Smith, mit einem Outfit aus dem Schlussverkauf des EMP-Katalogs. Schleichen Sie vorbei an der Raucherecke einer durchschnittlichen Dorfschule – und versuchen Sie, sich nicht verprügeln zu lassen. Wie, auf diesen Absätzen können Sie nicht rennen? Sehen Sie mal!

Es ist natürlich schrecklich einfach, über „Durch den Monsun“, die Debütsingle von Tokio Hotel aus dem Jahr 2005, und das Video zum Song zu lachen: über die aufgekratzte Teenage Angst, das verdammte Green-Screen-Reisfeld, in das man die vier Magdeburger Buben da gebeamt hatte. Über den heiligen Ernst dieser unsauberen Endreime („Ich weiß, dass ich dich finden kaaann / Hör deinen Namen im Orkaaan“). Aber „Durch den Monsun“ war mehr als ein Witz. Es war der Aufschrei der Mobbingopfer. Die Hymne der Magic-Karten-Kinder. Ein Song gegen das Diktat der Schul-Bullys und -Beautys.

Denn, wir erinnern uns: 2005 gab es im deutschen Popfernsehen zwar polyphone Klingeltöne für jede Gefühlsschattierung, aber keinen echten Star für zarte Jungs, laute Mädchen und alle dazwischen. Bis Tokio Hotel ein bisschen Queerness in die Kinderzimmer brachten. Der androgyne Bill Kaulitz mit seinen Pandaäuglein, sein wursthaariger Zwilling Tom, das ewige Jugendclub-Duo Georg und Gustav: Für ein paar goldene Jahre waren sie die Allergrößten. Geliebt in Amerika. Big in Taiwan. Nur irgendwann egal in Deutschland.

Heute leben die anmutigen Kaulitz-Brüder in Los Angeles. Bill macht was mit Mode (hm), Tom wird Heidi Klum heiraten (naja), „die anderen beiden von Tokio Hotel“ sind noch immer zeitweise in Magdeburg (einfach gut). Bald soll ein neues Album kommen, das vermutlich nicht besser klingen wird als alles, was sonst in deutschen Mehrzweckhallen stattfindet (aber wahrscheinlich auch nicht schlechter). Doch egal, ob wir Tokio Hotel irgendwann in ihrem zweiten Frühling begegnen, im Dschungelcamp oder auf dem Wühltisch bei Saturn: Sie waren da, als Chris aus der 8b unsere Brille zum Klo runterspülte. Und das sollten wir ihnen nie vergessen.

Dieser Text erschien zuerst in Folge 18 unserer Popkolumne:

Stay tuned: Am Donnerstag, den 6. Juni, ist Julia zum zweiten Mal an der Popkolumnen-Reihe.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.


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