Highlight: Von Abba bis Spice Girls: Wie Songtexte missverstanden werden können

Popkolumne, Folge 18

ESC vs. Madonna, Fusion vs. Polizei, Vengaboys vs. Strache: Die pralle Popwoche im Rückblick

Manchmal beschenkt das Leben einen reich. Da schreibe ich zum ersten Mal die Popkolumne für den Musikexpress, und just liegen die Themen auf der Straße wie Sperrmüll in Berlin – man mag sich kaum entscheiden: Silbermond singen einen fragwürdigen (von Linus Volkmann vielleicht aus Gründen ignorierten?) Song über den Osten, Natalie Portman nennt Moby einen Creep und die Vengaboys steigen mit ihrem 20 Jahre alten Pauschalreise-Hit „We’re Going to Ibiza“ auf Platz 1 der österreichischen Charts ein, weil Vize-Fascho HC Strache im Unterhemd eine Regierungskrise herbeikonspiriert hat.

Die Story hat echt alles: Koks und Korruption, Red Bull, Wien, Verrat, la vida loca auf Ibiza. Als spielte Josef Hader einen Vorstadtvater im Scheidungskrieg, der zufällig in einen französischen Thriller gerät und zur dunklen Seite überläuft. Wer fragt da noch nach dem neuen Tarantino? Und wer soll das toppen? Natürlich Madonna.

Thema der Woche: Immer noch ESC

Ja, „Madame X“, wie sich Madonna gerade nennt, schien irgendwie schlecht zu Fuß, als sie die Showtreppe in Tel-Aviv herabstieg. Komisch aber: Als die heute 60-Jährige vor 15 Jahren im Aerobic-Suit durchs Video zu ihrem Song „Hung Up“ tanzte, schien der Welt so viel demonstrative, sehnig-kernige Fitness auch nicht recht.

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Sicher, Madonnas Auftritt war in seiner Zeichensprache irritierend. Warum die Tänzerinnen Gasmasken und Blumen im Haar trugen? Warum die Augenklappe? Und warum ein Reggae-Beat? Warum eigentlich nicht! Es ist schon recht mutig, bei einer Veranstaltung, die wahlweise an einen pornofizierten „ZDF Fernsehgarten“ oder die Global-Pop-Variante der „Feste der Volksmusik“ erinnert, von einem Popstar Performancekunst zu erwarten.

Überhaupt war doch all das Geraune darüber, warum eine der größten lebenden Künstlerinnen sich dazu herabließ, auf der Met-Gala des Mittelstandes vorbeizuschauen, am Ende: einfach undankbar! Die Kritik an der dürftigen Gesangsleistung hingegen: super berechtigt. Wer liebt Madonna schließlich nicht für ihre legendäre Fünf-Oktaven-Stimme?

Ein Höhepunkt in Madonnas Karriere mag der ESC-Auftritt nicht gewesen sein – aber bei aller Häme sollte man nicht vergessen: Der deutsche Beitrag („Sister“ von, nunja, S!sters) war im Direktvergleich so aufregend wie ein Streifzug durch die Tchibo-Abteilung bei Edeka.

Spielverderber der Woche: Polizeipräsidium Neubrandenburg

Pop kann Deutschland, der ESC bewies es mal wieder, eher mittelschlecht. Besser klappen Techno-Festivals. Aber gerade dem berühmtesten seiner Art soll es nun an den Kragen. Seit Wochen schwelt der Konflikt um das Fusion-Festival, das seit 1997 auf einem ehemaligen Militärflughafen bei Lärz stattfindet. Rund 70.000 Besucher kommen jährlich, dieses Jahr wollte das zuständige Polizeipräsidium das Festival nicht genehmigen. Eine Recherche der ZEIT zeigte diese Woche, dass sich die Polizei offenbar auf einen Großeinsatz vorbereitete. Mit 100 Polizisten in Uniform und zivil, die im Schichtsystem über das Gelände streifen sollen. Wird sicher eine entspannte Party.

Klar kann man über den vollmundigen „Ferienkommunismus“-Claim der Fusion, über Druffis mit Glitzergesicht und überteuertes Handbrot lachen, wenn man unbedingt muss. Weniger lustig ist die unverhältnismäßige Härte, mit der sich die Polizei ein Techno-Happening vorknöpft, während im ländlichen Raum jährlich ganz entspannt Festivals der radikalen Naziszene stattfinden.

Nach dem ZEIT-Bericht gab die Polizei am Montag übrigens Entwarnung: Räumpanzer und Wasserwerfer seien nun nicht geplant. Dann ist ja gut! Wir wollten das Ganze schon ein minibisschen überzogen finden.

Trauerfälle der Woche

Niki Lauda, Dreifach-Formel-1-Weltmeister und coole Socke, ist tot. Außerdem verstorben: Grumpy Cat, Mutter aller Memes. Saust oder schleicht sicher über die Regenbogenbrücke!

Was mir diese Woche egal ist

Morrisseys 60. Geburtstag. (Er geht ja eh nicht ans Telefon, vermutlich schreibt er gerade zornige Leserbriefe an Redaktionen.)

Verkannte Kunst (1): „Durch den Monsun” von Tokio Hotel (VÖ: 15. August 2005)

Wir beginnen diese Rubrik mit einem Selbsttest.

Versuchen Sie mal Folgendes: Ziehen Sie sich an wie eine Mischung aus der späten Cher und Robert Smith, mit einem Outfit aus dem Schlussverkauf des EMP-Katalogs. Schleichen Sie vorbei an der Raucherecke einer durchschnittlichen Dorfschule – und versuchen Sie, sich nicht verprügeln zu lassen. Wie, auf diesen Absätzen können Sie nicht rennen? Sehen Sie mal!

Es ist natürlich schrecklich einfach, über „Durch den Monsun“, die Debütsingle von Tokio Hotel aus dem Jahr 2005, und das Video zum Song zu lachen: über die aufgekratzte Teenage Angst, das verdammte Green-Screen-Reisfeld, in das man die vier Magdeburger Buben da gebeamt hatte. Über den heiligen Ernst dieser unsauberen Endreime („Ich weiß, dass ich dich finden kaaann / Hör deinen Namen im Orkaaan“). Aber „Durch den Monsun“ war mehr als ein Witz. Es war der Aufschrei der Mobbingopfer. Die Hymne der Magic-Karten-Kinder. Ein Song gegen das Diktat der Schul-Bullys und -Beautys.

Denn, wir erinnern uns: 2005 gab es im deutschen Popfernsehen zwar polyphone Klingeltöne für jede Gefühlsschattierung, aber keinen echten Star für zarte Jungs, laute Mädchen und alle dazwischen. Bis Tokio Hotel ein bisschen Queerness in die Kinderzimmer brachten. Der androgyne Bill Kaulitz mit seinen Pandaäuglein, sein wursthaariger Zwilling Tom, das ewige Jugendclub-Duo Georg und Gustav: Für ein paar goldene Jahre waren sie die Allergrößten. Geliebt in Amerika. Big in Taiwan. Nur irgendwann egal in Deutschland.

Heute leben die anmutigen Kaulitz-Brüder in Los Angeles. Bill macht was mit Mode (hm), Tom wird Heidi Klum heiraten (naja), „die anderen beiden von Tokio Hotel“ sind noch immer zeitweise in Magdeburg (einfach gut). Bald soll ein neues Album kommen, das vermutlich nicht besser klingen wird als alles, was sonst in deutschen Mehrzweckhallen stattfindet (aber wahrscheinlich auch nicht schlechter). Doch egal, ob wir Tokio Hotel irgendwann in ihrem zweiten Frühling begegnen, im Dschungelcamp oder auf dem Wühltisch bei Saturn: Sie waren da, als Chris aus der 8b unsere Brille zum Klo runterspülte. Und das sollten wir ihnen nie vergessen.

Julia Lorenz schreibt für den Musikexpress sowie für Medien wie taz, Zeit, Zitty und tip Berlin über Musik und alles, was anfällt. Im Wechsel mit Linus Volkmann schaut sie in unserer Popkolumne fortan auf die vergangenen Tage zurück.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.

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