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AnnenMayKantereit Alles Nix Konkretes

Vertigo/Universal

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1 Kommentar

„Zuhause bist immer nur du“, klagt Henning May am Anfang dieser Platte. Es ist ein Lied, das wahrscheinlich für die Mutter geschrieben wurde, vielleicht auch für den Vater, das wird nicht weiter ausgeführt. Auf jeden Fall aber wird mit diesem ersten Song das Kerngebiet abgesteckt. Es geht bei AnnenMay­Kantereit um das Wechselspiel zwischen Bewegung auf der einen Seite – wir erinnern uns, der VW-Bus auf dem Cover der letzten EP „Wird schon irgendwie gehen“ – und Beständigkeit auf der anderen. Konkreter: AnnenMayKantereit singen bisweilen vom Tourleben.

https://www.youtube.com/watch?v=TxZMfufRJfo

Aber am wohlsten scheinen sie sich zu fühlen, wenn sie daheim sind. In Wohnungen und Wohngemeinschaften. Nicht mal in der Küche, sondern in ihrem Zimmer, im Idealfall nicht allein. Das ist nicht weiter verkehrt, Tocotronic haben vor 21 Jahren auch mal vom gemeinsamen Sitzen auf dem Teppichboden gesungen. Doch wo die in erster Linie Sehnsucht und Unsicherheit thematisierten, ist man bei AnnenMayKantereit ablaufsroutinierter: „Du nackt im Bett und ich barfuß am Klavier“ ist hier die knappe Zusammenfassung einer offenbar vergangenen Beziehung.

Was ist da schiefgegangen? Beziehungsweise, anders: Zumindest bei Sänger Henning May ist offenbar gar nichts schiefgegangen, und das ist schön für ihn, aber nicht für den Hörer, weil wahre Katastrophen eben doch der Stoff sind, der nach einigen Kollateralschäden auch zu guter Popmusik führt. Die von AnnenMayKantereit scheint eher von Kataströphchen zu handeln. Würden 50 Shades of Grey 50 Sorten Trauer symbolisieren, das Grau dieses Albums läge irgendwo zwischen Perlweiß und Hellelfenbein. Der Kummer ist oft der Kummer der anderen („Pocahontas“) oder eben kein Kummer, sondern Melancholie, diese an sich angenehme Gedankenschwere, die ihre musikalische Begleitung meistens im Klavierspiel findet.

https://www.youtube.com/watch?v=DraA3PUuoQc

„Wird immer schlimmer, wenn du gehst. Am Bahnhof stehst, um den Zug zu nehmen. Sich lang nicht wiederzusehen. Wird schon irgendwie geh’n. Macht manchmal traurig“, heißt es etwa in „3. Stock“, so einer Art Hymne für beständigkeitssuchende Fernbeziehungsstudenten. Kein Problem. Nicht jeder ist ein Jackson C. Frank, ein Nils Koppruch, ein Tobias Bamborschke. Viele schildern den Alltag, ihren Alltag. Schade ist nur, dass AnnenMayKantereit dabei nie so richtig schocken. Alles an dieser Platte ist erwartbar. Hier die Ballade. Da die Abgeh-Nummer für Festivals auf saftigen Spätsommerwiesen. Bisschen Deutschrock, bisschen The Coral, bisschen so Funk-Groove. Ah, ein Song übers endlose Touren. Und reimt der da gerade wirklich „ausgepackt“ auf „abgefuckt“? Henning May reimt ohnehin viel. Andererseits: Vielleicht macht das alles nichts aus. Die Platte wird sich dennoch sehr, sehr gut verkaufen. Fans werden sie abfeiern, andere an die Wand klatschen wollen. Der Rezensent hasst nicht, liebt nicht, sondern winkt achselzuckend durch, was nicht die schlimmste Bewertung ergibt, aber vielleicht das Schlimmste ist.

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Kommentare
  • Extinct

    Absolut richtig.
    Diese Platte ist an Langeweile kaum zu überbieten.
    Ist das wirklich alles, was Hennig May zu den Problemen seiner
    Generation einfällt? Keine Visionen, keine Fantasie. Stattdessen
    Spießigkeit in nahezu peinlichen Lyriks und unheimlich uninspirierte
    Musiker. Selbst Mays Stimme nutzt sich im Laufe dieses Albums total ab.
    Schade,
    dass sich um solche Reißbrettalben immerwieder solch ein Hype bildet
    (Cover Februar-Ausgabe Musikexpress *Hust* Die besten neuen Bands 2016
    *Hust*).

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