The Libertines – The Libertines


Die Libertines sind die schönste, beste, perfekteste Rock’n’Roll-Band, die es gibt und geben kann. Ihr zweites Album ist vollkommen missraten und daher, ähem, vollkommen, grandios, wunderschön und für jeden, der mit Rock’n’Roll (wirklich) etwas verbindet, das Wichtigste, was er dieses Jahr hören wird. Freilich ist nichts Besonderes dabei, eine Band zu gründen und sich dann die Karriere zu ruinieren, indem man als derangierter Tragik-Kasperl durch die Welt taumelt. Wie das Pete Doherty tut und wie das z.B. Richey Edwards und Johnny Thunders auch getan haben. Was die drei lose verbindet und sie von Steve Jones, Townshend, Richards unterscheidet, ist die kausale Verbindung zwischen dem künstlerischen Feuer, das in ihrer Seele brennt, und der Notwendigkeit, alles damit Erreichte lund womöglich die brennende Seele selbst] zu zerstören. Es ist die alte Geschichte vom Wesen der Romantik: etwas Übermenschliches, Überweltliches zu wollen, zu versuchen und daran zu scheitern. Dieses Album strömt davon geradezu über, in jedem Ton, jedem Moment, in dem alles, was gerade so schön loszugehen, sich zur Pop-Lawine zu entwickeln schien, abbricht und nach kurzer Ratlosigkeit einen anderen Weg einschlägt, wieder bei Null beginnt. Diese trotzige Verzweiflung, diese brennende Wut, diese bitter lachende Trauer, diese verzehrende Hassliebe zum Leben, mit der die Libertines den Hörer überschütten, sind genau das, was man einen kurzen Sommer lang „Punk‘ nannte (bevor die Irokesenspießer kamen) und was man von The Clash ein kurzes Album lang bekam Idanach bekamen wir was anderes von ihnen; obwohl – mit „Can’t Stand Me Now“ hätte Seite fünf von London Calling anfangen können]. Das ist ein Aspekt. Der andere ist die übermenschliche, überweltliche Schönheit der Splitter von Songs, die wir in dem Wirbelsturm von Raserei und Selbst-Knock-outs zu hören kriegen. Die sind so umwerfend schön, dass man sich angesichts ihrer „Unvollendetheit“ die Haare ausreißen möchte. Zur romantischen Grundbeschaffenheit der Libertines gehört aber nun mal, dass ihre Songs nie „richtige“ Songs werden dürfen, sondern immer dann, wenn sich ein Pop-Mechanismus heranschleichen will, um ihre Schönheit zu verseuchen, über den Haufen geschmissen und zu Klump geschlagen werden müssen. Die Songs von, sagen wir: Robbie Williams sind, verglichen mit diesen, in etwa das, was sozio-psychologische Argumente für den betrunkenen, liebeskranken Hooligan sind. Es hat keinen Zweck, weil eh alles sinnlos ist, aber man versucht es immer wieder, und die Wut und der Schmerz gehen nicht weg. Wer die Libertines heute „spürt“, ist nicht mehr derselbe. Und wird sich sein Leben lang mit einer sehnsüchtigen Gänsehautan den Sommer erinnern, als Tag und Nacht the libertines lief. Identitätsbildung könnte man das nennen, und mit Limp Bizkit oder Max Mutzke geht so was halt nicht.

Im Gegensatz zu den meisten Vertretern des „alten“ Punk und des „neuen‘ Garagenrock ist die Vertiererpose der Libertines keine Pose. Was man ist, kann man nicht darstellen. Und, dies zur bescheidenen Erinnerung: Als es darum ging, ob ihrepochales Debüt ..Platte des Monats‘ werden konnte, zog man wuschelbärtige Hippies mit Wollmützen vor. Nein, die Libertines waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Das ist das Heroische an ihnen, das ist das Großartige an diesem Triumph von einem Album: Es gibt nichts Schöneres als das Scheitern. Und es gibt in der Popmusik nichts Schöneres, als wenn kein Mensch weiß, dass die Libertines die beste Band aller Zeiten sind und ihr zweites Album so großartig, so wunderbar, so unglaublich gut ist, dass esweh tut. Außer uns.