Interview

Aphex Twin: „Wenn man mit einem großen Haufen Scheiße anfängt, hat das was“

Mit Aphex Twin müssten wir eigentlich per Skype kommunizieren. Er würde dann einen Filter einsetzen, der das Bild verzerrt und die Stimme zerhackt, bei seinen Antworten absurde Haken schlagen und in Zungen reden, bevor er sich aus dem Bildschirm herauswölbt wie ein Dämon aus der Fruchtblase und uns ins Gesicht springt.

Mit Richard D. James dagegen kann man reden. Er benimmt sich nicht wie Aphex Twin, dieser hybride Homunkulus aus Freddy Krueger, einer durchgebrannten Festplatte und Wolfgang Amadeus Mozart. Sondern wie ein normaler Mensch mit sanfter Stimme und wachem Geist, bereit zu einem erhellenden Gespräch. Danach kommt sogar noch eine E-Mail. Falls wir noch Fragen hätten, sollten wir ihm ruhig schreiben. Was so freundlich erscheint, dass es schon wieder unheimlich ist …

Ich wollte mich schon lange einmal bei Ihnen bedanken, Mr. James.

Wofür?

Als meine Tochter noch ein Baby war, hatten wir große Probleme damit, sie zum Schlafen zu bringen. Keine der üblichen Methoden funktionierte. So ging das wochenlang. Bis ich ihr Musik auf voller Lautstärke vorspielte, so richtig über die Boxen, mit allen Bässen …

Und das hat funktioniert?

Mit dem üblichen Rock oder Pop überhaupt nicht, auch nicht mit Erik Satie oder Philip Glass. Arvo Pärt war schon besser. Am Ende war es ein Stück von Aphex Twin.

Sie haben Ihrer Tochter „Come To Daddy“ vorgespielt?

Sehr lustig. Es war „Rhubarb“ von Ihrem Album SELECTED AMBIENT WORKS VOLUME II. Fünf Minuten nur, und sie war weg. Ein Wunder. Danke dafür!

Ich weiß, was Sie meinen. Ich habe gerade selbst drei Kinder, und sie schlafen die ganze Zeit. Immer schon. Es ist ein Segen.

Kinder zu haben, hat das Ihre Einstellung zum Leben oder der Arbeit verändert?

Der Grund, warum meine Kinder so gut schlafen, liegt vielleicht darin, dass ich meine Gewohnheiten überhaupt nicht verändert habe. Beispielsweise höre ich noch immer und überall Musik, wahrscheinlich sogar noch lauter als früher. Wenn sie im Zimmer sind, drehe ich es manchmal auf eine Lautstärke, wie sie im Club üblich ist. Ohrenbetäubend, auch komplexere Sachen. Die meisten Eltern, die ich kenne, versuchen immer besonders leise zu sein. Ihre Kinder schlafen überhaupt nicht oder nur sehr schlecht. Dabei machen Kinder ja selbst ständig Krach. Also müssen sie es mögen.

Wenn Sie an Ihre eigene Kindheit denken: Was war das erste Geräusch, das einen Eindruck bei Ihnen hinterlassen hat?

Neulich habe ich auf BBC ein Interview mit Karlheinz Stockhausen gesehen, dem wurde die gleiche Frage gestellt. Da stand er wortlos auf und verließ das Studio.

Falsche Frage?

Ich weiß nicht. Der Journalist war wirklich eine Nervensäge. Aber Stockhausen war auch berühmt für seine kurze Lunte. Bei mir war es, um Ihre Frage zu beantworten, vielleicht der Wind. Ich bin in Cornwall aufgewachsen. Dort weht es.

Natürliche Geräusche also.

Nicht nur! Als ich richtig jung war, vielleicht vier Jahre alt, da lebten wir in der Nähe eines Steinbruchs. Einmal am Tag wurde da gesprengt. Als Warnung gab es vorher immer eine Sirene, wie bei einem Feueralarm. Das war kilometerweit zu hören. Darauf gab es eine gewaltige Explosion, gefolgt vom Herabfallen der größten Brocken. Ich glaube, das war ein wirklich früher Einfluss auf mich. Diese Kombination aus intensiven Geräuschen.

„Ein paar Mal habe ich Kraftwerk schon gesampelt, und sie haben mich noch nicht verklagt! Das nehme ich als Kompliment.“

Ralf Hütter von Kraftwerk hat einmal gesagt: „Musik ist Intensität … der Rest ist nur Lärm.“

Da hat er recht. Und ich hoffe, das trifft auch auf meine Musik zu. Ich bin ein großer Fan von Kraftwerk, ich höre das heute noch ständig. Ein paar Mal habe ich sie schon gesampelt, und sie haben mich noch nicht verklagt! Das nehme ich als Kompliment. Hoffentlich erreichen sie noch eine jüngere Generation mit ihren Sachen. Ich fürchte, dass ihr Material manchen jungen Leuten heute ein wenig … kraftlos vorkommt. Weil da nicht genug Bässe drin sind, was weiß ich. Mir reicht es aber. In meinen Ohren altert das nicht.

Das Seltsame an Ihren Veröffentlichungen ist, dass manches davon schon vor zehn oder 20 Jahren hätte aufgenommen worden sein können, es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung teilweise sogar ist. Und trotzdem klingt es wie aus der Zeit gefallen …

Es freut mich, das zu hören. Nicht bei allen, aber bei vielen Sachen bemühe ich mich von Anfang an, sie alt klingen zu lassen, noch bevor ich überhaupt mit dem Komponieren anfange. Ich baue das Alter ein. So klingt es einfach interessanter.

Ohne jede Spur von Zeitgenossenschaft.

Exakt. Erstmals habe ich das bei DRUKQS so gemacht. Das Album sollte klingen, als wäre es zehn Jahre früher aufgenommen worden. Es hat nicht geklappt, führte aber zu interessanten Resultaten …

Sie beherrschen aber Ihre Geräte, wie ein Virtuose sein Instrument beherrscht, oder?

Ja. Wenn man mit richtig gutem Equipment anfängt, dann bekommt man ein richtig gutes Ergebnis. Dann ist es zu perfekt. Ich kann beispielsweise nicht mit einem Mac arbeiten. Diese Rechner von Apple sehen einfach zu gut aus, als wären sie von sehr guten Grafikdesignern entworfen worden. Und sie funktionieren auch hervorragend und tun genau das, was sie tun sollen. Ich frage mich aber immer, ob ich das wirklich benutzen will für meine Arbeit. Ein Ding, das so aussieht? Es ist ein wirklich hübsches … Objekt. Also wird es meine Musik auch sehr hübsch und damit langweilig machen.

Das Problem ästhetischer Perfektion.

So ist es. Ich arbeite lieber mit Geräten, die wie ramponierte alte PCs aussehen. Wenn man statt mit einem preisgekrönten Design-Objekt mit einem großen Haufen Scheiße anfängt, dann hat das was … ich weiß auch nicht. Das bringt mir mehr.

Was ist es, das Sie in der Musik langweilt?

Mich langweilen allgemein Dinge, die ganz okay sind – aber nicht furchtbar. Wenn es furchtbar ist, dann hat es etwas Inspirierendes. Wenn aber etwas ganz okay ist, dann ist das das Schlimmste. Wenn es nicht brillant und nicht schrecklich ist, sondern irgendwo dazwischen, halb gut, lauwarm. Wenn etwas entsetzlich ist, kann ich wenigstens darüber lachen.

Wann sagt der Künstler: „Das ist es! Ich lasse das jetzt so, denn es ist fertig!“?

Das ist eine gute Frage, weil ich das schwer in Worte fassen kann. Es ist nur ein Gefühl …

Oh je.

Nein, das ist großartig! Wenn du etwas nicht in Worte fassen kannst, bedeutet es, dass da irgendwo der Zauber versteckt ist. Früher, mit richtigen Instrumenten oder Synthesizern, war der kreative Prozess tatsächlich irgendwann abgeschlossen. Irgendwann musstest du die Maschinen ausschalten, und selbst analoge Synthesizer sind nach einer gewissen Zeit nicht mehr richtig gestimmt. Es gab einen Zeitrahmen für das, was du schaffen wolltest. 

Ist das heute nicht mehr so?

Nein. Wenn alles, was passiert, innerhalb eines Computers passiert, dann gibt es kein Ende mehr, keine Ziellinie.

Keine teure Studiozeit.

Exakt. Ich habe dann sehr schnell gelernt, dass ich von Tag zu Tag eine andere Person bin; manchmal bin ich sogar jetzt ein anderer Mensch als vor oder in fünf Stunden. Wenn du also anderntags etwas neu bewertest, bist du ein anderer Mensch und schaust es dir mit … ja, beinahe einem anderen Charakter an. Es wird also nie fertig sein, weil du dich eben immer änderst. Du möchtest es immer an die Persönlichkeit angleichen, die du zu diesem Zeitpunkt bist.

Irgendwann aber muss es doch erscheinen.

Natürlich kommst du früher oder später an einen Punkt, wo du einfach weißt, dass es fertig ist. Manchmal spürst du auch, dass das jetzt zu viel war – dann nimmst du etwas weg, damit es fertig ist.

Na also!

Ja, aber es ist dann nur fertig zu genau diesem Zeitpunkt. Am nächsten Tag oder in der nächsten Woche ist es eben nicht mehr fertig. Und du willst es wieder ändern.

Was tun?

Nun, wir leben in interessanten Zeiten. Früher war es so, dass ein Album herauskam … und das war’s. Es wird sich nie mehr ändern. Ich habe nun diesen „Aphex Store“ auf der Seite von Warp eröffnet, wo ich alten Alben etwas hinzufüge. Einfach, weil das sonst noch niemand gemacht hat.

Warum sollte man das tun?

Weil sich die Alben dann weiterentwickeln. Sie repräsentieren dann sozusagen verschiedene Schleichwege hinein in mein Leben oder mein Werk. Wenn ich beispielsweise vor 20 Jahren eine Platte gemacht habe, dann gibt es aus dieser Zeit sehr viele Tracks, an denen ich damals gearbeitet habe … und eben weiterarbeiten kann. Das gilt auch für neue Musik. Ich kann sogar Musik austauschen, was ziemlich frech ist. Neulich habe ich das getan, alte Musik neu zum Download angeboten, gleicher Titel, andere Musik. Jetzt haben also Leute verschiedene Versionen davon, manchmal ganz andere Tracks.

Ist das Ihr Kommentar zum Kunstwerk in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit?

Das ist es. Und es betrifft nicht nur die Musik. Ich habe das neulich zu meinem Freund gesagt, der das Video zu „T69 Collapse“ gemacht hat. Wir hatten eine Deadline und wollten es noch verändern, und ich sagte: „Ist okay, lass es, dann machen wir in zwei Monaten einfach eine neue Version.“

Sie töten die Deadline.

Praktisch ja. Wenn jemand eine bestimmte Version von irgendetwas behalten will, soll er das tun. Wenn etwas für immer verloren geht, ist das auch okay. Echte Fans neigen naturgemäß zu Zwangsstörungen. Sie wollen alles haben und auch, dass alles an seinem richtigen Platz ist. Wenn ich die Dinge dauernd ändere, werden sie langsam verrückt. Was ein weiterer guter Grund ist, es zu tun.

Was ist die tägliche Routine von Aphex Twin?

Der Kampf darum, Zeit und Raum für die Kreativität zu haben. Das ist, finde ich, schon ein wesentlicher Teil jeder Kunstform. Vor allem, wenn der Künstler von Freunden und Familie umgeben ist. Ich kann so nicht arbeiten. Das hat mit Konzentration zu tun. Ich muss im Grunde alleine sein. Als Familienvater wissen Sie sicher, wie schwer es ist, ein wenig Zeit für sich selbst zu haben. Diesen Teil der Arbeit finde ich tatsächlich schwieriger als die Musik selbst. Ich brauche verdammt lange, um in den richtigen Geisteszustand zu kommen.

Wie lange?

Stunden, Stunden in der Stille. Ich kann den gewünschten Zustand nicht erzwingen. Wenn du es erzwingst, erzeugst du eine schlechte Assoziation mit Kreativität.


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