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Status quo

Pandemie statt Publikum: So ergeht es der Livebranche Anfang 2022

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Und jährlich grüßt das Murmeltier: Auch im dritten Coronawinter ist an eine Art „Normalität“ nicht zu denken. Nicht an Schulen, nicht bei Großveranstaltungen – und nicht in Clubs. Das liegt unter anderem an einer zu niedrigen Impfquote und an der Politik, an mutmaßlich falschen wirtschaftlichen Prioritäten, vor allem aber an neuen Varianten. Kaum hatten erste Venues im Herbst 2021 ihre Türen unter 2G+-Regelungen langsam wieder öffnen dürfen, sorgte nach, nein, während Delta eine neue Mutation namens Omicron für Schlagzeilen. Eilanträge zur Aufhebung des Tanzverbots in Clubs und Diskotheken im Dezember wurden entsprechend abgelehnt. Aus epidemiologisch nachvollziehbaren Gründen, klar. Wirtschaftlich brach sich dadurch für viele Betreiber*innen der Anfang vom Ende, aus dem zeitweise auch ein Ende vom Wiederanfang wurde, weiter Bahn.

Wenn Konzerte und Tourneen wie zum Beispiel die vom Musikexpress mitpräsentierten von Acts wie Little Simz, Tocotronic, Soap&Skin zum zweiten, dritten, teilweise vierten oder gar fünften Mal verschoben werden, sind davon nicht nur die Künstler*innen selbst betroffen. Booking, Management, Crew, die Venues selbst – sie alle haben entweder jede Menge Arbeit investiert, ohne die Ernte davon einfahren zu können. Oder ihre Arbeit fällt schlichtweg aus. Denn selbst wenn Konzerte erlaubt sind: Uneinheitliche Corona-Auflagen in den deutschen Bundesländern machen eine verlässliche Planung nahezu unmöglich, sagt etwa FKP-Scorpio-Geschäftsführer Stephan Thanscheidt im Interview mit dem „Rolling Stone“. Aus eben diesem Grund sagten auch Die Ärzte ihre geplante „In The Ä Tonight“-Tour 2022 im September ab.

Wie groß das Live-Geschäft ist, wird teilweise offenbar noch immer verkannt. Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes für Veranstaltungswirtschaft, spricht von einem Umsatzverlust in Höhe von rund zehn Milliarden Euro seit Beginn der Pandemie, „Tendenz steigend“. Klaus Wohlrabe berichtet als stellvertretender Leiter des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, dass in vielen Wirtschaftsbereichen positive Ausblicke für 2022 prognostiziert wurden, nicht aber in der Eventbranche. Der „faktische Lockdown“ lasse keine Prognosen zu. Besonders betroffen sind wie immer die kleinen Musiker*innen. Die, die nicht Coldplay, Ed Sheeran und Taylor Swift heißen und einkalkulierte, fehlende Einnahmen auch für kürzere Zeiträume kaum kompensieren können. Wie geht es ihnen im Januar 2022?

Kulturschaffende auf Geld- und Sinnsuche

Hagen Siems ist einer der von der Pandemie doppelt betroffenen Kulturschaffenden und kennt beide Seiten. Als Songwriter nennt er sich Gregor McEwan und hat gerade seine neue Single „Wintersleep“ veröffentlicht; am 25. Februar erscheint sein viertes Album FOUR SEASONS. Als hauptberuflicher Booker betreut er bei der Agentur Amadis Musiker wie Bernd Begemann und Autor*innen wie unsere ME-Kolumnist*innen Paula Irmschler und Linus Volkmann. Fast nostalgisch erinnert er sich an das Frühjahr 2020, als die Coronapandemie begann. Sie verschoben Konzerte in den Herbst 2020 mit der naiven Vorstellung, dass die Sache damit erledigt sei. Jetzt, knapp zwei Jahre später, schieben sie ihre Veranstaltungen noch immer – diesmal in den Herbst 2022. Das beschreibt auch seine Gefühlslage ganz gut: „Man versucht Shows zu retten… für unsere Künstler*innen, für die Zuschauer*innen, für die Branche, für uns als Agentur… auch, weil man ja ursprünglich mal dafür gearbeitet hat; dann will man natürlich auf keinen Fall absagen und merkt gar nicht, dass die fünf Verschiebungen mittlerweile mehr Zeit in Anspruch genommen haben als das ursprüngliche Booking aus 2019“, sagt er und zieht ein ernüchterndes Zwischenfazit: „Es ist einfach unglaublich schwierig darin noch einen Sinn zu sehen. Es gibt ja nichts wirklich Bleibendes.“

Das ist Hagen Siems aka Gregor McEwan

Die Sinnsuche sei Kulturschaffenden wie Siems noch schwerer gefallen, weil die Ungerechtigkeiten immer offensichtlicher wurden. Er spricht von leeren Theaterhäusern und vollen Malle-Fliegern, von einem Musiker aus Niedersachsen, der seine Gage für sein einziges Sommer Open Air wieder abdrücken sollte, weil er aus Mangel an Alternativen mittlerweile Hartz 4 bezog, während ein anderer Musiker aus Baden-Württemberg eine Art Grundeinkommen bekam. Clubs seien selbst anfangs nur dann halbwegs über die Runden gekommen, wenn es vorher bereits Berührungspunkte mit zum Beispiel der „Initiative Musik“ oder dem „Applaus“ (Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten), also mit Antragsformularen und dergleichen gegeben habe. Und selbst diejenigen Venues, die ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden wollten und sich zu Test- oder Impfzentren umfunktionierten oder, wann auch immer doch mal Veranstaltungen stattfanden, am Einlass „penibelst Impfzertifikate kontrollierten, während man beim freiwilligen Vorzeigen des Zertifikates im ICE nur ein patziges ‚dafür sind wir überhaupt nicht zuständig!‘ zu hören bekommt“, seien von der Politik im Stich gelassen worden.

„Kultur is‘ für die Seele!“

Als Musiker Gregor McEwan fühlte Siems sich in dieser Zeit zwar in seiner künstlerischen Entwicklung und dem Aufbau einer „so genannten Karriere“ ausgebremst. Er nennt es aber Glück, dass er zum Jahresende 2019 bereits ein Doppelalbum aufgenommen hatte und sich während der Pandemie an einigen Veröffentlichungen erfreuen konnte. Ohne eine richtige Tour sei dies aber nicht so zielführend. Die Pandemie habe sehr deutlich gezeigt, dass Streaming-Angebote Konzerte weder finanziell noch emotional ersetzen können. Siems liebt den Austausch zwischen Act und Publikum. „Kultur is‘ für die Seele!“ sagt er und gibt sich trotzdem oder gerade deswegen milde optimistisch: Mutmaßlich stellvertretend für alle anderen Booker*innen, Veranstalter*innen und Künstler*innen da draußen hofft er, dass zumindest die Outdoor-Spielzeit sicher stattfinden könne und eine „endlich und schnell verabschiedete Impfpflicht“ dafür sorge, dass Indoor-Termine ab September (planungs)sicher stattfinden können. Wobei ihn die vergangenen zwei Jahre auch gelehrt haben: „Pandemic is what happens to you while you’re busy making plans…“

#BackToLive

Vor zwei Jahren, Anfang 2020, begann die bis heute anhaltende Coronapandemie. Es ist ein Jahr her, dass ROLLING STONE mit #BackToLive auf die dramatische Situation von Clubs, Veranstalter*innen und Musiker*innen aufmerksam machte. Jetzt droht die Pandemie erneut die Live-Musik zu killen. Wieder Konzertabsagen, Tourausfälle, Clubschließungen, Umsatzeinbußen. Deshalb fahren wir vom MUSIKEXPRESS gemeinsam mit ROLLING STONE und METAL HAMMER #BackToLive hoch und starten unter anderem ein digitales schwarzes Brett. Weil kein noch so guter Stream dieser Welt ein Konzerterlebnis ersetzen kann. Und weil diese Erlebnisse in Zukunft nur wieder werden stattfinden können, wenn diejenigen, die sie planen und umsetzen, gesehen und gehört werden.

Mindestens für den kommenden Sommer steigt nicht nur bei Gregor McEwan die Hoffnung. Alte und neue Festivals verkündeten großartige Line-ups, zum Beispiel das Tempelhof Sounds mit Florence + the Machine, The Strokes, Alt-J, Courtney Barnett, Interpol, Idles, Big Thief und dutzenden Lieblingsacts mehr. Auch abseits davon werden wir Live-Konzerte erleben, sogar große. Unter anderem Guns N’Roses, Pearl Jam, Ed Sheeran und Coldplay haben sich, nach diversen Verschiebungen, angekündigt. Wäre schön, wenn dieser Live-Aufschwung im nächsten Herbst und Winter nicht erneut ein jähes Ende findet.

In der Februar-Ausgabe des ROLLING STONE gibt es eine große Reportage zu dem Thema mit Interviews, Analysen, Statements und Ausblicken. Auch im MUSIKEXPRESS 03/2022 widmen wir uns #BackToLive.

Kati von Schwerin

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