Popkolumne, Folge 20

Sarah Connor vs. Formatradio, Nico Semsrott vs. Die Partei, The Kelly Family vs. Zynismus: Die Popwoche im Überblick

Eine Woche, die damit begonnen hatte, dass kurz vor dem „Männertag“ eine neue Single von Sleater-Kinney erscheint, die auf den ersten Hörgang gar nicht mal so übel klang, auf den zweiten ziemlich geil und mächtig, und sich auf den dritten als perfekter Soundtrack entpuppte, um zu Himmelfahrt wütend-beschwingt umherprollenden Bubenhorden aus dem Weg zu hüpfen – so eine Woche kann eigentlich keine ganz verkehrte werden, hätte man meinen können. Aber dann zeigte der Fall Miley Cyrus, dass nicht nur am 31. Mai „Männertag“ ist. Und dann blamierte sich auch noch die deutsche (Format-)Radiolandschaft.

Aktivistin der Woche: Sarah Connor

Es ist „Pride Month“, und das ist schön. Ein Monat, um queeres Leben ein wenig sichtbares zu machen; oder aber, wie die Kritiker von Pride-Veranstaltungen dieser Art beklagen, der LGBTIQ*-Community freundlich auf die Schulter zu klopfen, während die Benachteiligung im Alltag weitergeht. Wie tief die homophoben Reflexe der Mehrheitsgesellschaft sitzen, zeigte uns in der vergangenen Woche ausgerechnet eine Musikerin, die man nicht gerade als Protestsängerin auf dem Schirm hat: Delmenhorst’s finest Sarah Connor. Denn mit ihrem neuen Song „Vincent“, eigentlich eine unverfängliche Popnummer, hat sie geschafft, wovon so viele superböse Bands nachts träumen: im Radio aus Furcht zensiert zu werden.

Die erste Zeile des Songs lautet nämlich: „Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt.” Ein logischer Beginn für einen Song über das Coming-out eines Jugendlichen – aber einigen Radiosendern ist diese Feststellung zu „anzüglich“. „Die erste Zeile gehört nicht on air bei Antenne Bayern“, sagte etwa Ina Tenz, Programmdirektorin von Antenne Bayern. Der Song wird deshalb ohne die Auftaktzeile gespielt.

Schon bemerkenswert: Ein Song, der damit beginnt, dass ein Junge eben keinen Sex hat, weil ihn Frauen nicht so anturnen, soll das Hörergemüt unzumutbar strapazieren. Beruhigender ist es offenbar, wenn es zum (heterosexuellen!) Akt kommt – auch wenn der Mann mal bisserl nachhelfen muss, weil die dummen Mädels manchmal nicht wissen, was sie wollen („I know you want it“, wusste ja bekanntlich Robin Thicke in seinem RADIOHIT „Blurred Lines“). Auch Sarah Connor selbst kam dem Formatradio weniger indizierbedürftig vor, als sie noch übers Rummachen sang: „Do it, baby, do it / On the beach / Do it, baby, do it / Down the street / Do it, baby, do it / You and me / We’re gonna do what they call the French kissing“, hieß es im stoßgehechelten Refrain ihres 2001er RADIOHITS „French Kissing“.

War das nun okay, weil Radiomacher glaubten, ihre Hörerschaft wüsste den semi-unschuldigen Zungenkuss nicht als Platzhalter für Sex zu deuten? Oder haben wir vielleicht doch das klitzekleine Problem, dass die inneren 50er bei vielen lang noch nicht vorbei sind – und schwule (und bisexuelle oder lesbische) Sexualität ihnen weiterhin als etwas Schräges, irgendwie Perverses gilt, das man vor den Kindern und Anständigen fernhalten muss? „Wir tun ja immer so, als wäre es überall, als wäre es völlig in Ordnung, und dann bringt es ein Song auf den Punkt, und dann gibt’s plötzlich Ressentiments“, sagte Connor selbst dazu. Auch wenn die Welt nicht wirklich dringend auf ein neues Album von Sarah Connor gewartet hatte, kann man ihr nun dankbar für eine Erkenntnis sein: Solange ihre alten Songs auf Familiensendern laufen, „Vincent“ aber nicht, sollte sich der Mainstream für seine Toleranz nicht allzu selbstgewiss auf die Schulter klopfen.

Prophet der Woche: Noel Gallagher

Es gibt ja kaum Künstler, auf deren Urteil man sich weniger gern beruft als auf das der ewig nöligen Oasis-Brüder. Aber als Großnoel Gallagher mal maulte, Thom Yorke von Radiohead könnte „in eine Glühbirne scheißen und darauf wie auf einer leeren Bierflasche blasen“ und trotzdem beste Kritiken bekommen – da hatte er schon einen Punkt. Einen prima Grund zum ritualisierten Hingerissensein gab’s mal wieder, als US-Präsident Trump diese Woche auf Staatsbesuch in England war. Yorke postete auf Twitter ein Foto vom Tower auf London, an dessen Fassade man Trumps blamable Zustimmungswerte projiziert hatte – samt der Botschaft: „ha ha haha ha ha haha haha ha hahaha“.

Von diesem smarten Angriff wird sich Trump wohl nie erholen. Können wir jetzt die Sache mit der Glühbirne sehen?

Prank der Woche: Nico Semsrott

Was an der Spiel- und Spaßpartei Die Partei nervt, hat in der vergangenen Woche Linus Volkmann aufgeschrieben. Für eine kleine Überraschung hat jetzt Partei-Mitglied Nico Semsrott (der, der seit gefühlten hundert Jahren dafür lustig gefunden wird, eine Kapuze zu tragen und traurig zu gucken) gesorgt – indem er sich der Fraktion der Grünen im Europaparlament angeschlossen hat. Das dürfte, bei aller notwendigen und berechtigten Kritik an den Grünen, auch die Wähler der Partei ärgern, die mit dem Machismo ihrer heißgeliebten Knüppeltruppe kein allzu großes Problem haben. Was Semsrotts Move schon wieder ziemlich charmant macht. Oder, um einen der wichtigsten Pop-Intellektuellen unserer Zeit zu zitieren: ha ha haha ha ha haha haha ha hahaha!

Verkannte Kunst (2): The Kelly Family

Und da waren sie wieder. Mit ihren Röcken, ihren Fideln, ihren drolligen Namen und gesunden Gesichtsfarben standen die Mitglieder der Kelly Family vor wenigen Tagen auf der Berliner Waldbühne, und tausende kamen. Und waren so richtig ergriffen. So wie damals. In den Bluna-blöden, hochgepitchten, schlumpfblauen Neunzigern, war die Musik der Kelly Family wie eine wärmende Wolldecke (eine bisschen fusselige Decke zwar, die undefinierbar nach Suppe riecht, die man sich aber trotzdem gern umlegt); heute sind die Kellys Erinnerung an liebe, unschuldige Zeiten, die natürlich nie richtig unschuldig waren, aber uns immerhin so im Gedächtnis geblieben sind, weil die Welt back in the days noch nicht in Echtzeit auf Twitter explodierte.

Es war eine Ära, in der die Welt so unkompliziert schien, dass eine vagabundierende Großfamilie (mit sehr langen Haaren) eine maximale Provokation war. Kein Wunder, dass die Kelly Family einst liebste Zielscheibe von Harald Schmidt war, schließlich sind die beiden Parteien natürliche Antipoden: hier Schmidt, der Zyniker mit Investoren-Charme, dort die Kellys, an deren Pathos absolut nichts doppelbödig ist. Oder gar ironisch. Die Kelly Family will der Welt nichts als grenzenlose, handgefilzte Liebe geben (und nebenbei unanständig viel Geld verdienen, wer könnte es ihnen verdenken). Aber klar: So viel aus der Zeit gefallene Peace-Rhetorik und Uncoolness ist Wannabe-Hippies, die sich schon mit einem Bein im Aussteigerleben wähnen, wenn sie beim WG-Frühstück zum Demeter-Aufstrich statt zum Ketamintütchen greifen, natürlich zu muffig.

Allein, wem bei Paddys und Angelos klarem Gesang in „I Can’t Help Myself“, in dem so viel aufrichtig Gutes und Heiles liegt, nicht zumindest ein bisschen das Herz aufgeht, der sagt auch kleinen Kindern, dass sie Bankangestellte werden sollen. Und im Ernst – sollen sich die liebebedürftigen Massen doch lieber am Lagerfeuer der Kellys ihre leeren Herzen wärmen als in der Helene-Fischer-Hölle. Dort spielt man sicher auch Songs über schwule Teenager nicht im Radio.

Julia Lorenz schreibt für den Musikexpress sowie für Medien wie taz, Zeit, Zitty und tip Berlin über Musik und alles, was anfällt. Im Wechsel mit Linus Volkmann schaut sie in unserer Popkolumne fortan auf die vergangenen Tage zurück.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.


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