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Kritik

„Derry Girls“ auf Netflix: Was Teenager während des Nordirlandkonflikts wirklich interessierte

Derry, 1992. Der auch als „The Troubles“ bekannte Nordirlandkonflikt hält an. Die sogenannten Unionists – meist Protestanten – kämpfen für einen Verbleib von Nordirland in Vereinigten Königreich. Die Nationalisten fordern die Abkehr und ein vereinigtes, unabhängiges Irland. Zwischen 1969 und 1998 sterben über 3500 Menschen, die Hälfte von ihnen sind Zivilisten. Erin, Orla, Claire und Michelle aber interessiert die politische Lage ihres Landes herzlich wenig: Heute beginnt das neue Schuljahr in der Grenzkleinstadt!

Die uniformierten Teenager wollen sich im Bus und vor den Jungs beweisen, müssen Michelles englischen Cousin James als ersten männlichen Schüler auf die Mädchenschule mitnehmen – und finden sich ein paar Stunden später beim Nachsitzen wieder, bei dem die aufpassende Nonne stirbt und James höllisch dringend pinkeln muss, aber kein Jungsklo findet.

So komisch und überzogen beginnt die 1. Staffel von „Derry Girls“, der nordirischen Comedy-Serie von Lisa McGee, die im Januar beim britischen Channel 4 ihre Premiere feierte und seit dem 21. Dezember 2018 auf Netflix im Stream zu sehen ist. Und ähnlich geht sie auch weiter: Die Mädchen wollen sich um Aushilfsjobs in einer Pommesbude bewerben und werden wegen eines versuchten Diebstahls stattdessen mit Putzdienst bestraft. Sie fackeln fast ein Wohnhaus ab, als sie flambierten Schnaps trinken. Sie sehen Erins totgeglaubten Hund auf der Straße wieder, verfolgen ihn in eine Kirche und landen mit dieser von einem Priester abgesegneten Wiederauferstehung in der Lokalzeitung – Michelle freut sich besonders über das Foto, weil ihre „Titten“ darauf so straff sitzen. Sie ist es auch, die unbedingt Sex mit einem ukrainischen Gastschüler aus Tschernobyl haben will, der davon weniger begeistert ist als James, der mit einer anderen Ukrainerin in die Kiste will. Und dann ist da noch die Schülerzeitung, bei der Erin anheuert, die Titelgeschichte über „The Secret Of A Lesbian“ auf Nonnengeheiß nicht veröffentlichen darf, ihre Freundinnen es in Eigenregie aber trotzdem tun.

Kooperation

Der Alltag geht weiter

Dass die Mädchen und ihre Familien im Krieg leben, tangiert sie scheinbar nur am Rande: Ihr Schulbus etwa wird wegen einer Bombendrohung von bewaffneten Soldaten angehalten. Ein Onkel erzählt bei seinem Besuch davon, dass sein Kleinbus von zwei IRA-Männern geklaut, für Waffenschmuggel genutzt und danach in Brand gesetzt worden sei. Und der Typ, den sie am protestantischen Feiertag am 12. Juli bei der Grenzüberfahrt in die irische Republik in ihrem Kofferraum finden, entpuppt sich als IRA-Mitglied.

Vordergründig war das schon fast alles, was in den sechs kurzweiligen, jeweils rund 25 Minuten langen Folgen von „Derry Girls“ passiert. Hintergründig erzählt dieser Klamauk – viele sprechen gar von einer Sitcom, der  „Guardian“ vergleicht die Serie mit den britischen Erfolgsshows „The Inbetweeners“, „Father Ted“ und „Bad Education“  – aber mehr über das Teenager-Leben in Nordirland in den Neunzigern, als es jedes Geschichtsbuch könnte. Der Alltag von Erin, hervorragend altklug und fast nervig überspitzt gespielt von Saoirse-Monica Jackson, und ihren Freundinnen wird eben nicht von Angst und Gewalt bestimmt, sondern von Rivalitäten und Problemen, die in jeder Pubertät vom Himmel in die Hirne fallen. Ein Hauptgrund dafür, dass „Derry Girls“ fast auf der Stelle die meistgesehene nordirische TV-Serie aller Zeiten wurde:

Sehr irisch und trotzdem universal

Natürlich ist dieses Setting genuin irisch, der für Nicht-Muttersprachler kaum verständliche Dialekt ist es ebenfalls. Die abgesehen davon gewisse Universalität ist es aber andererseits, die „Derry Girls“ auch für nicht-irische Zuschauer sehenswert macht: Wisst Ihr, liebe in den späten Siebzigern oder frühen Achtzigern geborenen Mittelstandskinder, noch, was Ihr während des Mauerfalls gemacht habt? Ist nicht in jedem Konflikt der Versuch, den Alltag aufrechtzuerhalten das, was den Konflikt überhaupt erst ertragbar macht? Eben.

Und dann ist da ja noch das, was jede Pubertät in der westlichen Zivilisation prägt wie nichts anderes – die Popkultur der jeweiligen Zeit. „Derry Girls“ beginnt mit einer Macaulay-Culkin-Referenz, zeigt hier eine „Pulp Fiction“-VHS und da eine Baby-G-Shock-Armbanduhr, ein Exemplar von „Catcher in the Rhye“, einen Zaubertroll, ein Cranberries-Poster – und wartet in jeder zweiten Szene mit einem anderen Hit aus den Neunzigern auf: Wir hören „Informer“ von Snow, „All That She Wants“ von Ace Of Base, „Dreams“ von East 17, „Here Comes The Hotstepper“ von Ini Kamoze, „No Limit“ von 2 Unlimited, „Saturday Night“ von Whigfield (inklusive Tanz!) und so weiter, zum Glück aber auch „Girls And Boys“ von Blur und „Alright“ von Supergrass.

Beim „Derry Girls“-Soundtrack beginnt und endet bei aller Komik denn auch die zweite Tragik neben dem Bombenanschlag, den die Protagonisten im Staffelfinale im Fernsehen sehen und von der politischen Realität eingeholt werden: Die Serie beginnt und endet mit dem Song „Dreams“ vom 1993 erschienenen Cranberries-Debüt EVERYBODY ELSE IS DOING IT, SO WHY CAN’T WE? (auch wenn ihr Überhit „Zombie“ politisch besser passen würde). Deren Sängerin Dolores O’Riordan starb am 15. Januar 2018 mit 46 Jahren in London, sie ertrank in einer Badewanne – elf Tage nach der Erstausstrahlung der ersten Folge und rund drei Wochen vor der Finalfolge der ersten Staffel „Derry Girls“.

„Derry Girls“: Staffel 1 ist seit dem 21. Dezember auf Netflix im Stream verfügbar. Staffel 2 wird seit Oktober produziert und soll am 5. März 2019 auf Channel 4 Premiere feiern. Ein Trailer ist bereits erschienen.


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(Dieser Text ist ursprünglich am 27. Dezember 2018 erschienen)


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