Interview mit Suede: „Es geht darum, überwältigt zu werden“

Am 22. Januar erscheint das neue Album von Suede. NIGHT THOUGHTS ist bereits die zweite Platte nach dem Comeback der Britpop-Pioniere, vor denen wir uns in der aktuellen ME.Helden-Geschichte im ME 2/16 verbeugen. Sänger und Pin-up-Boy einer Generation Brett Anderson und Bassist Mat Osman sind Freunde seit ihrer Kindheit. Gemeinsam haben sie uns in Berlin Fragen zum neuen Album beantwortet.

 

Es ist jetzt elf Uhr morgens und das ist euer zweites Interview heute. Bis in die Abendstunden seid ihr „durchgetackert“ mit Gesprächsterminen. Wie viel Prozent aller Fragen, die ihr an so einem Tag gestellt bekommt, sind gleich?

Matt Osman: 75 Prozent.

Brett Anderson: Und wir machen das jetzt seit 25 Jahren.

Osman: Andererseits gibt es ja auch einen Grund, weshalb wir uns hier heute hinsetzen. Wir haben ein neues Album gemacht, die Leute wollen etwas darüber wissen. Es wäre ja seltsam, wenn jetzt jemand wie du hier hereinkäme und nur Fragen über japanische Bildhauerei aus dem 14. Jahrhundert stellt.

Anderson: Diese Frage haben wir aber tatsächlich noch nie gehört! Gestern haben wir eine Pressekonferenz gegeben – ein Quatsch eigentlich, weil in einem solchen Rahmen niemand gute Fragen stellt. Die guten Fragen will jeder für sich behalten.

Ich konnte leider nicht zur Pressekonferenz, sah aber auf Facebook, wie sich Freunde von mir dort mit euch haben fotografieren lassen.

Anderson: Nur dann, in persönlichen Situationen, kommen übrigens die guten Fragen, wenn die Konkurrenz nicht mehr mithört.


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Brett, als feuchter Traum der Britpop-Generation, wie gehst du mit in die Jahre gekommenen Teenies von damals um, die dich um ein gemeinsames Foto bitten?

Anderson: Es ist doch nett, dass die immer noch da sind. Ich hatte damit gerechnet, dass wir im Laufe der Zeit mehr Fans verlieren würden als wir tatsächlich getan haben. Das Leben der Leute ändert sich schließlich – nur wir, wir sind immer noch diese Band.

Osman: Es gibt Fans, die seit 1993 unsere Konzerte besuchen. Als wir vor ein paar Jahren in Japan waren, kam nach der Show ein Mädchen zu uns, sagte und, wie super sie das Konzert fand und dass sie uns das letzte Mal vor sechzehn Jahren gesehen hatte.

Anderson: Dabei sah sie aus wie 15.

Osman: Es stellte sich also heraus, dass sie damals im Bauch ihrer schwangeren Mutter beim Konzert war. Das sind schon berührende Momente.

Anderson: Es ist sowieso überraschend, wie viele junge Menschen noch zu unseren Shows kommen.

Das Sex-&-Drugs-&-Rock-&-Roll-Image von Suede spricht Teenager nun mal an. Die Sex Pistols werden ja auch immer wieder von einer neuen Generation entdeckt.

Osman: Und dabei haben wir gerade unser erwachsenstes Album aufgenommen.

Der Begriff „Night Thoughts“ ist tief verwurzelt im kollektiven Bewusstsein der Deutschen. In den 80ern beschloss eine Sendung namens „Nachtgedanken“ Abend für Abend das Fernsehprogramm. Hans-Joachim Kulenkampff, ein Titan der TV-Unterhaltung, nahm sich dort täglich drei Minuten Zeit, um ein erbauliches Gedicht zu rezitieren oder dem Publikum aus einem wohltuenden Text vorzulesen. Die Idee war, den vom Terror der Spätnachrichten verängstigten Zuschauer mit einem guten Gefühl in die Nacht zu verabschieden. Euer Konzept der „Nachtgedanken“ ist ein gänzlich anderes.

Anderson: Uns geht es um diese primitive Beziehung, die der Mensch zur Nacht hat. Nachts wirkt alles bedrohlicher. Es geht um die Gedanken, die man sich macht, wenn man nachts plötzlich aufwacht und es sich so anfühlt, als würde sich der Raum um einen herum verengen. Als käme die Decke auf einen herab. Man neigt dann eher dazu, Dinge zu bedauern. Verlustängste machen sich breit. Wenn du um vier Uhr morgens über etwas nachdenkst, kommst du zu ganz anderen Ergebnissen, als wenn du dasselbe Thema um acht Uhr morgens verhandelst.

Nicht jeder kennt diese Angst. Manche Menschen wachen nachts auf, trinken ein Glas Milch oder befriedigen sich selbst und legen sich sorglos wieder hin.

Osman: Hätten wir ein Album für diese Menschen gemacht, wäre es ein ganz, ganz anderes geworden! Aber im Ernst: Ich glaube, dass jeder diese Ängste kennt. Es geht darum, überwältigt zu werden. Deswegen passt auch das Cover ganz gut…

…das dem aktuellen Album von Chelsea Wolfe, ABYSS, erstaunlich ähnlich sieht…

Osman: Ja, aber es ist einfach ein klassisches, ikonisches Motiv. Wir haben es bestimmt nicht erfunden. Ein Mensch, der im Wasser versinkt. Erschreckend und wunderschön zugleich. In unserem Fall stellt das Wasser die Gedanken dar.

Anderson: Die Gedanken verschlucken dich quasi.

 

Chelsea Wolfe: ABYSS

 

Suede: NIGHT THOUGHTS

Sind die neuen Songs denn während solch wacher Stunden entstanden? Schafft ihr es, diese Beklemmungen, diese negative Energie in Kreativität umzuwandeln?

Anderson: Nein, das sind eher keine großartig schöpferischen Stunden. Aber sie inspirieren mich, tagsüber über sie zu schreiben.

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