Highlight: „The Rocky Horror Picture Show“ ist eine zutiefst biedere, kopfschmerzige Bonbon-Ekstase

Popkolumne, Folge 34

Jim Henson, ich will ein Kind von dir – Die Popwoche im Überblick

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 38/2019

Gerade aus dem Urlaub in Süd-Schweden zurückgekehrt. Eine ganze Woche jeden Abend versucht, sich mit Bier zu berauschen, das lediglich 3,5% Alkohol besitzt. Wer schon mal Skandinavien bereiste, dürfte mit dieser Herausforderung vertraut sein. Ich habe vor Schreck und mangels Rausch in diesen Ferien zu mir selbst gefunden. Dieser Zustand ist allerdings auch längst nicht so attraktiv wie sein Ruf…

Im Supermarkt in Sölvesborg

HITLERVERGLEICH DER WOCHE: Björn Höcke (schon sehr oft dabei gewesen, bitte nicht wiederwählen!)

Vielleicht kann ich meine Skepsis bezüglich viralen AfD-Bashings noch mal mit eigener Erfahrung deutlich machen:

Also, wenn ich schreibe, dass die Virtuosität von Tool eigentlich bloß penislastiges Gegniedel in komischen Rhythmen darstellt, dann freue ich mich, wenn diese Schmähung gerade auch die betroffenen Fans teilen. Denn erst so wird einem missgünstigen Quatsch-Text eine immer größere Relevanz zuteil. Er wird durch den mannigfaltigen Widerspruch nicht geschwächt, er wird überhaupt erst sichtbar. Dieses Prinzip möge mir ruhig weiter dienen, aber bei einem Vogel wie Björn Höcke (diese Woche im Streit mit dem ZDF) mahne ich zur Passivität.

Sich kurz über ihn erheben in der Blase, warum nicht. Aber so viel Raum wie jetzt wieder für den Typen und seine Äußerungen abfiel, das ist in meinen Augen kontraproduktiv. Klare Haltung gegen, aber weniger Shares für Rechtspopulisten.

EVENT DER WOCHE: Reeperbahn Festival

Die Eröffnungsgala moderierten Charlotte Roche und Ray Cokes, die Kanadierin Feist spielte live – jetzt kann es also losgehen.

Viel Einigkeit: Kate Nash spricht über Gender Equality auf Festivals (und zum Glück nicht über Israelboykotte).
Tony Visconti und Bob Rock: Letzterer erklärt, wie man selbst beim Produzieren von Metallica nicht (völlig) den Lebenswillen verliert.
Ray Cokes teilt mit Charlotte Roche und dem Publikum auch mal Anekdoten über Erektionsstörungen im Alter.

TIPPS DER WOCHE: Wohin beim #RBF19

Wer jetzt aktuell in Hamburg den Club-Marathon des Reeperbahn Festivals mitläuft, dem seien diese Handvoll Empfehlungen ans Herz gelegt (– oder wer mir schon immer eine Faust drücken wollte, weil ich irgendwann mal seine Lieblingsband schlecht besprochen habe… kommt auch vorbei. Ich bin jedenfalls bei genannten Events vor Ort und es läuft auf jeden Fall gute Musik):

Alyona Alyona: Eine ukrainische Rapperin – es muss ja nicht immer alles in Englisch sein, liebe friends. Das hier ist so pointiert, da hat man auch Spaß dran abseits von deeper Text-Exegese. (Donnerstag 21:20 Uhr / Nochtspeicher sowie Freitag 23:45 Uhr / Prinzenbar)

Anja Rützel über Take That: Ihre „Spiegel Online“-Kolumnen sind einige der wenigen Gründe, sich nicht den lieben langen Tag den Laptop auf den Kopf zu hauen. In Hamburg stellt sie ihren Reader über Take That vor. (Freitag 18:00 Uhr / Imperial Theater)

Pauls Jets: Wer die Hysterie über Austropop von vor ein paar Jahren vermisst, sollte es unbedingt mal hiermit versuchen. Genialisch, versponnen, frisch. (Samstag 20:00 Uhr / Headcrash)

Catnapp: Düstere Electronica, die den Geist der frühen Peaches atmet. Das Konzert als schwitziger Workout. (Donnerstag 21:15 Uhr / Moondoo)

The Screenshots: Was hat uns Twitter gebracht? Richtig: bloß Ärger. Doch mit diesem Indiepunk-Trio kriegt man endlich auch mal was zurück. (Samstag 20:10 Uhr / Terrace Hill)

Apache 207: File under „Was hören die Leute da draußen wirklich?“ Na, das hier. Kontemporärer Rap ohne Autotune, so klingt die nahe Zukunft von Pop. (Samstag 21:40 Uhr / Grünspan)

MÄNNERFESTIVALS DER WOCHE: Rock am Ring / Rock im Park

Wer sich vom Reeperbahn-Line-up geflasht sieht: Das kann sicher auch damit zu tun haben, dass dort einfach mal weniger als 50 Prozent Männer die Bühnen blockieren. Was ein diverses und vielfältiges Event das einfach ist…

…wohingegen der erste Roll-Out an Bands von Rock am Ring und Rock im Park (23 Acts – quasi keine Frauen) diese Woche ein anderes Zeichen setzen möchte. Klingt für mich wie: „Es ist uns scheißegal, was ihr da immer labert mit Geschlechterpluralismus, gerade Frauen können eben nicht so gut Gitarre oder erst recht nicht Schlagzeug, Fakt! Und überhaupt, das viele Blut backstage! Außerdem… wie viele verschiedene, gendergerechte Dixi-Klos soll ein Veranstalter denn bloß ordern? Mit Schminktisch dann noch für die Ladys? Das ist ja auch ein Kostenfaktor, wenn nicht mehr alle an den Zaun pissen! Da hängen Arbeitsplätze dran! Hey, wir haben schon Frau Merkel an der Regierung – und irgendwer in unserem Booking-Team hat mal gesagt, er sei voll der Blondie-Fan – und das ist ja wohl eine Frau. Na, wie denkt ihr Hater jetzt?! Man muss halt bloß nicht immer übertreiben. Die Keychange-Initiative ist für uns jedenfalls schlimmer als das Dieselfahrverbot.“

MEME DER WOCHE

FILM DER WOCHE: „Der Dunkle Kristall“

Wie bitte? In meiner urlaubsbedingten Abwesenheit hat sich niemand von den Musikexpress-Ottern mit der Rückkehr dieser legendären Jim-Henson-Nummer auf Netflix beschäftigt? Was stimmt nicht mit den KollegInnen?

Bevor ich diese Lücke nun schließe, lasst uns aber noch mal den Originalfilm schauen. Sonst ist die ganze Erinnerungshuberei sinnlos. Schließlich stammt „Der Dunkle Kristall“ vom Anfang der 80er-Jahre. Viele Millenials kennen diese Zeit nur noch aus dem Geschichtsunterricht. Also: Zwei sterbende Rassen haben nur noch je zehn Leute am Start, die zen-mäßigen Uru und die endfiesen Skekse. Dazwischen gibt es die trottelig goldige Gruppe der Gelflinge, hier sind sogar nur noch zwei übrig. Jen und Kira müssen den Ring nach Mordor bringen und ihn in die Flammen werfen, pardon, müssen im Skekse-Palast einen Splitter in den dunklen Kristall einsetzen. Ein possierliches Abenteuer mit gruseligen Momenten und viel Charme. Oder um es mit meiner Begleitung zu sagen, die ich genötigt hatte, meinen absoluten Lieblingsfilm von früher heute noch mal zu sehen: „Ey, ich habe schier Beklemmungen bekommen!“

Naja, vielleicht muss man wirklich damals dabei gewesen sein, aber ich lasse nicht ab von der Meinung: Meilenstein, Kids! Überzeugt Euch selbst. Nächstes Mal geht’s dann hier um die aktuelle Reprise als Netflix-Serie. Wer darüber unbedingt jetzt schon mehr wissen möchte, höre bei den Kollegen vom „Rolling Stone“ in den Podcast zum Thema hinein.

DER VERHASSTE KLASSIKER: Pearl Jam

Pearl Jam
„Vs.“
(VÖ 19.10.1993)

Mein Gott, Grunge hatte gerade erst angesetzt, die muffigen Mainstream-Hallen der Rock-Ödnis mal so richtig durchzulüften, da wehte mit Pearl Jam quasi schon wieder die Antithese zu jenem Vorhaben herein. Ich meine, seid doch mal ehrlich: Wenn man den Namen Eddie Vedder hört, denkt man ganz unwillkürlich Dinge wie „Gemeinschaftskunde-Test“, „Mal wieder hinter dem Kühlschrank wischen“ oder auch „Man muss nicht jedes Gericht in Würze ertränken, damit es schmeckt“.

Pearl Jam, das ist der ultimative Soundtrack der Mittelmäßigkeit. „Vs.“, das ist die Platte, die man sich anhört, wenn man vor der Entscheidung steht, welches Braun die neuen Sandalen haben sollen, die man sich bei C&A zulegen möchte. Der nächste Sommer kommt bestimmt!

Eddie Vedder stellt zudem das gute Gewissen des Rocks dar – und kommt einem dabei vor wie eine Greta Thunberg, die sich einen Bart und verwaschene Oversized-Klamotten umgehängt hat.

Das alles mag seine Berechtigung haben, aber ich bin ja Musikkritiker und nicht bei der Caritas. Wenn jemand Pearl Jam auflegt, ziehe ich die Brille mit den aufgemalten Augen an, die Homer Simpson beim Jury-Dienst nutzt, um ein Nickerchen zu machen. Hey, das ist nicht despektierlich gemeint – sondern sicher ganz im Sinne der Band. Denn die hat es ja nicht mal geschafft, mit einem Knall aufzuhören, sondern lebt seit Jahrzehnten den unspektakulärsten Fadeout im Showbiz. Ein Fadeout, bei dem man höchstens mal wieder kurz erschrickt, wenn Eddie Vedder doch noch mal an die Tafel geht und einem irgendwas Wertvolles mitteilen möchte.

Schnell die Brille auf, dann geht’s bald wieder vorbei.

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

P.S.: Treue Leser wissen, dass Julia Lorenz sich in der Vorwoche die selbe Band vornahm. Vielleicht ist ja wirklich was dran.

Man selbst (li.) beim Hören eines Pearl-Jam-Klassikers. Bild: YouTube

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.

Linus Volkmann
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Reeperbahn Festival 2019: 8 Acts, die Ihr Euch mal geben solltet
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